Die letzte Bernstein-Oper „A Quiet Place“ im Konzerthaus Dortmund

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Hörenswert: Im Konzerthaus Dortmund wurde Leonard Bernsteins „A Quiet Place“ mit dem Ensemble Modern aufgeführt, es sang Siobhan Stagg, es dirigierte Kent Nagano.

Von Edda Breski DORTMUND - Die Gäste der Beerdigung stellen gleich am Anfang die entscheidende Frage: Gibt’s hier was zu trinken? Es darf ruhig was Härteres sein, denn es geht gleich ans Eingemachte. Leonard Bernstein hat sich für seine letzte Oper „A Quiet Place“ an großen Vorbildern orientiert, an Zerstörungsorgien der amerikanischen Literatur, Wutausbrüchen im Vorstadtidyll.

Die Gesellschaftsszene des ersten Aktes erinnert an Szenen, wie Richard Yates sie schrieb, in denen ein Treffen unter Bekannten einen Hexenkessel unterdrückter Gefühle freisetzt. In der Hysterie von Bernsteins Personal liegt sogar etwas von dem zerstörerischen Drive aus „Wer hat Angst vor Virginia Woolf“. Eine Gattin gibt es allerdings nicht; es ist ihre Beerdigung. „A Quiet Place“ war im Konzerthaus Dortmund zu hören, eine der wenigen Aufführungen des selten gespielten Werks.

„A Quiet Place“ dauert in der Originalfassung etwa drei Stunden. Bei ihrer Uraufführung 1983 fiel die Oper durch. Schlecht proportioniert, zu riesenhaft für Bernsteins blitzrasche Dialoge, befand die Kritik. Bernstein und sein Librettist Stephen Wadsworth überarbeiteten das Werk, besonders den zweiten Akt, der Bernsteins frühe Jazzoper, das Ehedrama „Trouble in Tahiti“ (1951) um das Paar Sam und Dinah, aufnimmt. „A Quiet Place“ setzt nach Dinahs Tod ein.

Im Englischen gibt es den Ausdruck „da ist ein Elefant im Raum“. Der Elefant in „A Quiet Place“ ist Juniors Schwulsein. Außerdem, deutet Junior in einem Strom von Zitaten und Witzen an, hatten er und seine Schwester Dede eine inzestuöse Begegnung. Dede ist mit François verheiratet, der pikanterweise zuvor Juniors Freund war. Vater Sam hat keine Beziehung zu seinen Kindern und noch weniger zu sich selbst.

Den ersehnten musikdramatischen Erfolg erlebte Bernstein nicht; mehr als 20 Jahre nach seinem Tod war „A Quiet Place“ noch immer work in progress. Der Dirigent Kent Nagano gab dem Komponisten Garth Sunderland den Auftrag, die Oper in eine Kammerfassung zu bringen. Umgesetzt wurde sie vom ungeheuer flexiblen Ensemble Modern mit 18 Musikern statt des eigentlich vorgesehenen großen Orchesters mit elektronischer Verstärkung. Den Chor übernahm ein Solistenquartett des Vocalconsorts Berlin.

Die in Dortmund aufgeführte Version dauert nur noch anderthalb Stunden. Sie konzentriert sich auf die drei Familienmitglieder, aber den Ton setzt die Gesellschaftsszene mit ihrem nervösen Parlando, dem lautmalerischen Zischen und Knallen in Orchester und Chor. Nagano selbst dirigierte mit einem feinen Gespür für die Drucklinien zwischen den Figuren und, trotz kleiner Besetzung, grellfarbig, explosiv und dabei noch süffig zu hören.

„A Quiet Place“ ist nach wie vor geprägt vom berühmten Bernstein-Eklektizismus. Jazzriffs prallen auf lyrische Kantilenen, Pop trifft Zwölftonmusik. Das Sehnsuchtsthema – „A Quiet Place“ ist der Garten der toten Mutter, in dem die Familie Ruhe zu finden hofft – taucht still in der Oboe auf und wird unter jähen Streichern und Schlagwerk zerlegt. Aber es gibt auch das Nachspiel zum ersten Akt, in der sich das Sehnsuchtsthema und der unruhige Jazz von vorher zusammenballen und direkt in Herz und Ohr treffen. Bernstein schrieb bei aller Ambition demokratische Musik, für jeden, der Ohren für sie hatte.

Wo er sozialkritisch komponieren wollte, kippte er oft in die Burleske, wie bei der Arie des Sohns Junior „Hey big daddy“. Da taumelt das Orchester wie eine betrunkene Bigband. Die gleichen Mittel – Spott, absichtliches Kindischsein – muss der Sänger des Junior beherrschen. In Dortmund machte das der superbe Jonathan McGovern. Seine Jungenhaftigkeit war die Maske eines wurzellosen, liebebedürftigen Menschen.

Christopher Purves Bariton lässt hinter Knorrigkeit nackte Angst erkennen. Sams Solostelle „I can’t sleep“ ist eine wuchtige Verbindung aus lyrischen Ausbrüchen, nervösem Parlando und Blues, den Purves heiser in seine Stimme legt. Da spricht ein Erschöpfter. Benjamin Hulett gab als François den angeblichen Ruhepol. Dede wurde von der großartigen, erst 26-jährigen Siobhan Stagg in der prekären Spannung zwischen Mädchen-von-Nebenan-Nettigkeit und Hysterie gehalten. Staggs reiner, instrumental geführter Sopran und ihre nuancenreiche Gestaltung waren ein Höhepunkte eines hörenswerten Abends.

Quelle: wa.de

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