„Lessings Gespenster“ am Theater Dortmund

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Merle Wasmuth und der Dortmunder Sprechchor in „Lessings Gespenster“. ▪

Von Anke Schwarze ▪ DORTMUND–Die Zuschauer stehen auf der Bühne und starren in den Zuschauerraum, auf dessen roten Sesseln sich die Mitglieder des Sprechchors räkeln. „Lessings Gespenster“ verdrehen im Dortmunder Schauspielhaus den gewohnten Theaterblick. „Scheuen Sie nicht den körperlichen Einsatz, er lohnt sich“, weist ein Sprecher aus dem Off das Publikum an, nachdem es über den Hintereingang die Bühne betreten hat. Also wandern die Zuschauer im Schlepptau von Hauptdarstellerin Merle Wasmuth über den Bretterboden, kreisen mit ihr um eine raumhohe Video-Projektionsfläche. Dort wiederholt sich überlebensgroß, was Wasmuth sagt und tut.

Sie ist die zeitlose Verkörperung des Typus „Junges Mädchen“, als der sie sich immer wieder in einem Glaskasten ausstellt. Ein apartes Geschöpf mit gerader Nase, etwas breitem Mund, dunklen Augen, in einem Kleid, „das ihr ausgezeichnet steht“. Zu Beginn ist es ein raschelndes Rokoko-Gewand aus Lessings Zeiten, später ein glänzender Lurex-Overall und ein modernes giftgrünes Kleid: Lessings Gespenster schweben bis heute wie ein Damoklesschwert über den Frauen – jene bürgerlichen Idealfrauen, die ihre Ehre mit dem Leben bezahlen und sich patriarchalischen Erziehungsmodellen unterwerfen.

Bis heute sind sie Schau- und Lustobjekte, beherrscht von einem Schönheitsbild, wie es die im Stück zitierte Zeitschrift „Vogue“ propagiert. Das „Junge Mädchen“ verleiht ihnen eine Stimme, Nathans Tochter Recha, Emilia Galotti, Sara Sampson. Auch Lessing kommt in fiktiven Texten zu Wort, ein deprimierter Lessing, der an der Macht seiner Worte zweifelt.

Die Regisseure vom „kainkollektiv“ – Alexander Kerlin, Fabian Lettow, Mirjam Schmuck – haben sich mit „Lessings Gespenstern“ auf ein interessantes Experiment eingelassen. Doch obwohl viel Bewegung auf der Bühne ist, wird die Inszenierung mit der Zeit zäh. Der Kreislauf um die Projektionsfläche ist ab einem gewissen Punkt überrührt. Dazu muss Merle Wasmuth seitenlange Texte rezitieren, die eher sozialphilosophischen Essays als inneren Monologen gleichen. Es gibt keine Handlung, die Wasmuth nachvollziehbar machen könnte, keine wirklichen Dialogpartner außer dem weiblichen Bühnenchor. Sie kann diese Herausforderung nicht über die ganze Länge des Stücks meistern. Zwar wechselt sie wie eine Märchenerzählerin zwischen melodischer Bühnenstimme und kleinmädchenhaftem Gequengel oder Hexenkeifen. Auch mimt sie die Galotti als Marionette, die Sampson als von Folien umhüllte Zelluloid-Puppe, robbt über den Boden, tackert auf hohen Absätzen die Rampe hinauf. Aber das reicht nicht, um die Textflut fast zwei Stunden lang zu strukturieren und die Konzentration der Zuhörer zu bannen.

Zumal zahlreiche Anspielungen die Worte und Bilder überfrachten. Ein Mann im Bärenkostüm, eine Bundesfahne als Armbinde, tapst als „schlafendes Deutschland des klassischen Zeitalters“ umher. Verschiedene Frauengestalten flackern im Text auf und vervollständigen die Geschichte weiblicher Sehnsüchte – das Fräulein Else von Schnitzler, Alice im Wunderland, Marlene Dietrich. Der Chor zitiert Rollen aus „Nathan der Weise“ in monotonen Rhythmen. Das soll Lessings Toleranzgedanken ad absurdum führen, wirkt aber in seiner Ausführlichkeit schnell verbissen.

Ganz anders die Musik, die eine eigene Rolle übernimmt. Carsten Langer (Percussion), Eva Maria Mitter (Akkordeon) und Benjamin Reissenberger (Klarinette) können ihre Spannung halten, vom fröhlichen Haydn-Zitat über einen sphärischen Dialog zwischen Klarinette und Xylophon hin zu Langers Solo auf dem eisernen Bühnenvorhang, einem wirbelndem Finale mit Becken, Ratschen und Trommel-Schlägeln.

ermine: 22. April, ; 6., 13. Mai; Tel. 0231/5027222

http://www.theaterdo.de

Quelle: wa.de

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