Das Leopold Museum Wien zeigt Gustav Klimt

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Gustav Klimts Gemälde „Tod und Leben“ (1910/11), überarbeitet 1915, zu sehen im Museum Leopold in Wien. ▪

Von Achim Lettmann ▪ WIEN–Seine „Goldene Adele“ erschütterte den Kunstmarkt. Gustav Klimt hatte das Gemälde „Adele Bloch-Bauer I“ 1907 mit viel Blattsilber und -gold zu einem Schlüsselwerk des Wiener Jugendstils gemacht. Der US-Unternehmer Ronald Lauder kaufte es 2006 für 135 Millionen Dollar. Mittlerweile wurde das einst kostspieligste Bild der modernen Kunst von Geboten zu Paul Cézanne, Jackson Pollock und Willem de Kooning überholt. Aber Gustav Klimt zählt mit seinen satt-farbigen wie zart-erotischen Symbolbildern zum inneren Zirkel der klassischen Moderne. Derzeit wird er in Wien anlässlich seines 150. Geburtstags in einer Reihe von Ausstellungen gefeiert.

Dabei versucht das Leopold Museum einem Künstler nahe zu kommen, über den es in der Kunstgeschichte hieß, er habe nichts wissenswertes Schriftliches hinterlassen. Der Direktor des Leopold Museums, Tobias G. Natter, kann heute sagen, dass Klimt zwar nicht literarisch hervorgetreten ist, wie Egon Schiele, Oskar Kokoschka oder Max Oppenheimer. Aber anhand der Briefe und Karten, die Klimt in großer Zahl geschrieben hat, lässt sich sein Werk und Leben ganzheitlicher verstehen: „Klimt persönlich – Bilder, Briefe, Einblicke“.

Klimt (1862–1918) selbst hatte mit einigen Aussagen dazu beigetragen, dass das Bild vom stadtfernen Genie im Malerkittel florierte. Im Nachruf („ein scheuer Mensch“) wurde diese Reduktion verfestigt. Auch Freunde konnten „hinter die Mauer, die Klimt um sich errichtet hatte“, nicht schauen.

Weshalb Klimt so lange verkannt wurde, erklärt in Teilen der Skandal um seine Fakultätsbilder (1894–1907) und seine schrittweise Abkehr von der staatsnahen Repräsentationskunst. Die Ausstellung steigt visuell mit diesem biografisch wichtigen Wendepunkt in seinem Künstlerleben ein. Denn der bereits erfolgreiche und arrivierte Maler sollte für die Universität in Wien monumentale Allegorien schaffen. Aufgrund öffentlicher Kritik zog Klimt drei von vier geplanten Bilder zurück. Er behielt die Auftragsarbeiten bei sich und zahlte sein Honorar an die K.u.K-Monarchie zurück. Klimt behauptete sich, stärkte seine künstlerische Autonomie, wusste aber, dass dieser Weg nur möglich war, weil ihn potente Sammler stützten. Er war der bestbezahlte Künstler in Wien. Einem Interessenten schrieb er 1916, für die „Schönbrunner Landschaft“ brauche er 8000 Kronen – 6000 waren zu wenig.

Im Museum Leopold ist eine wandhohe Reproduktion der „Medizin“ zu sehen und ein Entwurf. Neben dem Klimt-typischen Figuren-Tableau aus porträthaften Frauengesichtern und albtraumhaften Gestalten schwebt eine nackte junge Frau fern des Stroms der Leidenden in einer eigenen Sphäre. Diese elegante figurative Dramatik, mit der Klimt den Wiener Jugendstil profilierte, findet sich auch in Klimts Bild „Leben und Tod“ (1910/15) wieder. Die verschiedenen Zustände des Gemäldes werden auf einem Monitor in der Schau nachgestellt. Klimt wandelt das Thema des „Medizin“-Bildes ab und isoliert nun den Tod neben den Figuren, die das Menschenleben in Jugend, Schönheit und Alter nachbilden.

Mit Hilfe der neuen Quellenlage lässt sich sagen, dass Klimt diese Werke oft mühevoll überarbeitet hat, obwohl sie eine ästhetische Sicherheit und farbliche Brillanz ausstrahlen. „Zur Erholung will ich ein paar landschaftliche Studien malen“, schreibt der Künstler.

Klimt, der 1897 die Wiener Secession gegründet hatte, führte eine Reformbewegung an und wurde zur Referenzfigur der Wiener Moderne. Ab 1900 reiste Klimt im Sommer an den Attersee, wo er seine Lebensdame Emilie Flöge traf. Kinder hatte er mit anderen Frauen. Fotografien zeigen den Künstler mit Emilie auf einem Bootssteg. Wallende Kleider gehörten zur Reformmode, die Emilie entwarf. Ihr Geschäft in Wien, 1905 eröffnet, wurde erst geschlossen, als die Nazis 1938 den „Anschluss“ Österreichs verkündeten.

In der Schau zeigen zeitgenössische Fotografen den Künstler in der Sommerfrische. Klimts kräftige Gestalt fällt auf, seine ruhige, in sich gekehrte Art wird immer wieder inszeniert – ein Naturmensch und Katzenliebhaber.

Ab 1899 gab Gustav Klimt seinen Landschaftsbildern eine quadratische Form. Die Werke verbinden Farbstudien und Innenansichten eines Manisch-Depressiven („Ich bin seit Jahren ein namenslos unglücklicher Mensch“). Arbeiten wie „Allee von Schloss Kammer“ (1912) demonstrieren darüber hinaus, wie Klimt mit einer Maltechnik der Natur beikommen will und gleichzeitig belegt, wie üppig ihr Eigenleben ist.

Entlang der Gemälde, Zeichnungen und Fotos sind die 400 Postkarten Klimts in einem „Vitrinenband“ zu sehen und zu lesen. Sie richten sich alle an Emilie Flöge, der er manchmal acht Karten am Tag schickte. Heute hätte er Telefon, SMS und E-Mail.

Eine Schau entdeckt den Menschen hinter dem Künstler. Gemälde , Zeichnungen, Fotos, Design sind zu sehen. Klimt wird als Postkartenschreiber vorgestellt – privat, lebensnah, alltäglich:

Klimt persönlich im Leopold Museum in Wien. Bis 27. August; täglich 10 bis 18 Uhr, do bis 21 Uhr;

Tel. 0043/15 25 700

http://www.leopoldmuseum.org

Katalog 39,90 Euro

Obere Belvedere: Sämtliche Gemälde aus dem Klimt-Bestand werden besonders präsentiert (12. 7. bis 6.1. 2013).

Quelle: wa.de

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