Leila Guerrieros Reportageband „Strange Fruit“

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Die argentinische Journalistin Leila Guerriero.

Von Ralf Stiftel Selbst dem Tod gewinnt die Reporterin Leila Guerriero noch Wohlklang ab: „Wer mit Blausäure vergiftet wird, weint, während er stirbt. Das Gift blockiert die Zellatmung, und man erstickt Stück für Stück, aber bis es soweit ist (…), ruft die Blausäure Zittern, Erbrechen und Übelkeit hervor. Und Tränen. Einen heftigen, unkontrollierbaren – demütigenden – Tränenstrom. Der Körper weint, das Blut wird leuchtend rot, und der Atem riecht nach Bittermandeln.“

Das poetischste aber an dieser Reportage über eine Giftmörderin ist der Titel: „Drei traurige Tassen Tee“. Leila Guerriero, das liest man mit, ohne dass sie es ausspricht, hat eine Menge erduldet, um María de las Mercedes Bernardina Bolla Aponte de Murano nahezukommen. Die für drei Morde Verurteilte, die ihre Haft abgebüßt hat, mittlerweile 73 Jahre alt ist, merkt sich noch nicht einmal den Namen der Frau, der sie ihr Leben erzählt. Sie kommandiert ihren Mann herum, einen Blinden, der von ihr abhängig ist. Sie behauptet, unschuldig zu sein, sonnt sich im fragwürdigen Ruhm ihrer Geschichte. Am Ende hat Guerriero eine Erzählung, die alles bietet, was große Literatur braucht. Außer der Erfindung. Leila Guerrieros Geschichten sind wahr. Nun kann man sie auch in Deutschland kennen lernen: In dem Buch „Strange Fruit“, das zehn „Crónicas“ der argentinischen Journalistin versammelt.

Dazu liefert die 1967 in Junín geborene Autorin gleich noch ihr Rezept. Sie erklärt, warum sie ihre Stoffe lieber nicht in Romanen verarbeitet. Weil „ich eigentlich keinen Sinn darin sehe, aus einer Geschichte, sie sich die Mühe gemacht hat, sich derart fesselnd zu ereignen, etwas Fiktives zu machen“. Sie ist einfach eine große Erzählerin, ohne dass sie etwas erfinden möchte. Sie liebt die Wirklichkeit und sagt, sie liebe es, „die Wirklichkeit zu betreten wie einen Basar voller Gläser: Ich fasse kaum etwas an und verändere nichts“.

Weil sie aus Argentinien kommt, begegnete sie einigen außergewöhnlich faszinierenden, aber auch tragischen Geschichten. Ein Meisterstück ist sicher ihre Erzählung „Die Stimme der Knochen“ über die „Equipo Argentino de Antropologia Forense“, die 1984 entstand. Direkt nach dem Ende der Militärdiktatur, bei der Tausende verschleppt, ermordet, in anonymen Massengräbern verscharrt wurden. Ein amerikanischer Forensiker, Clyde Snow, gab den Anstoß, sammelte Mitarbeiter. Sie gruben die Knochen aus, identifizierten die Opfer, gaben den Hinterbliebenen wenigstens Gewissheit. Inzwischen arbeiten die Mitglieder weltweit, im Kosovo, in Togo, Südafrika, Timor, Paraguay. Bei Leila Guerriero beginnen die Informationen mit einer Verwunderung im kleinen Raum mit einer der Forensikerinnen: „Frauenknochen sind anmutiger.“ Und sie führt in ihrer Erzählung den Leser ganz nah zu den Personen, lässt sie auch darüber sprechen, was diese Arbeit mit ihnen macht. Miguel sagt: „Schuppenflechte. Und dass ich mich seit Jahren an keinen Traum erinnern kann.“

Sie mildert nie die Härten ihrer Erzählungen, und sie konfrontiert den Leser wahrlich mit Wirklichkeiten, die schwer erträglich sind. Ihre Nachforschungen aus „Simbabwe“ zum Beispiel zeigen an den wenigen Überlebenden den Alltag mit Aids in der Diktatur Robert Mugabes, der den Virus leugnet. Dagegen stehen Frauen wie Editha und Angeline, die den Virus in sich tragen. Eine Reportage über den größten illegalen Markt Südamerikas handelt natürlich auch von der Armut, die all die Straßenstände mit den imitierten Markentextilien erst notwendig macht. Und auch die Chronik über die Erfolgsfrauen aus dem Direktvertrieb beschreibt überaus konkret die Lockungen und Versprechungen des Kapitalismus, die sich da für einige wenige erfüllen. Tröstlich ist dann schon das schöne Stück über „Doktor Queen“, den erfolgreichsten Freddie-Mercury-Imitator Argentiniens, dem zur völligen Identität mit seinem Vorbild nur eins fehlt: Er ist nicht schwul.

In kaum einem Roman findet man so viel Realität vor allem aus Argentinien wieder. Und nur wenige Romane lesen sich so spannend.

Leila Guerriero: Strange Fruit. Deutsch von Kirsten Brandt. Ullstein Verlag, Berlin. 267 S., 19,99 Euro

Quelle: wa.de

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