Lehmbruck-Museum Duisburg zeigt Max Klinger

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Vertrautheit vermittelt Max Klingers Bronze-Porträt von Elsa Asenijeff, zu sehen in Duisburg. ▪

DUISBURG ▪ Ihr Hemd droht abzurutschen, fast ist die linke Brust entblößt, aber sie hält den Stoff mit einer Hand fest. Ruhig blickt die Frau den Betrachter an. Die Bronzebüste, die Max Klinger um 1899/1900 von seiner Geliebten Elsa Asenijeff schuf, vermittelt die Vertrautheit zwischen Künstler und Modell. Die großartige Skulptur ist im Duisburger Wilhelm-Lehmbruck-Museum zu sehen, in der etwas kapriziös betitelten Ausstellung „Von der herben Zartheit schöner Formen“. Von Ralf Stiftel

Die Retrospektive mit rund 180 Werken erinnert an einen Maler, Bildhauer und Zeichner (1857–1920), der im Kaiserreich ein wahrer Malerfürst war. Der Professor an der Kunstakademie Leipzig wurde mit repräsentativen Aufträgen bedacht. Er hatte einen Weinberg in Naumburg erworben, in dem er ein repräsentatives Wohnhaus errichtete. Seine Gemälde lösten Skandale aus, zum Beispiel seine Kreuzigung Christi, die den Erlöser ohne Lendentuch zeigte. Für Kunsthistoriker gehörte es trotzdem dazu, über Klinger zu schreiben. Nach seinem Tod allerdings verblasste sein Ruhm zugunsten der nächsten Generation, der inzwischen etablierten Expressionisten. Inzwischen aber wird die Kunst der Jahrhundertwende deutlich höher geschätzt, wie auch Schauen zum Symbolismus beispielsweise in Belgien belegen.

Die Ausstellung war zuerst im thüringischen Apolda zu sehen, kuratiert von Hans-Dieter Mück und im Kern zusammengestellt aus der reichen Sammlung des Tiroler Bauunternehmers Siegfried Unterberger. Sie vermittelt einen schönen Querschnitt durch Klingers Schaffen. Er gilt als Symbolist, und seine Darstellungen von Zentauren, die sich mit Nymphen im flachen Meer tummeln, die berühmte Radierung mit der Elfe, die einen Bären neckt, oder das Blatt mit Amor, Tod und Jenseits (beide aus der Serie „Intermezzi“, 1881) stützen das.

Dazu passt auch, wie er Geistes- und Kunstgrößen porträtierte, als Heroen, als Übermenschen, wie zum Beispiel bei dem Beethoven-Monument, dessen Original nicht aus Leipzig entliehen werden konnte. Das Motiv ist aber vertreten durch einen Torso (1898/1902), der den Komponisten ebenfalls zum Titanen überhöht. Ähnlich heroisch ist sein Nietzsche-Kopf, den er nach der Totenmaske des Denkers schuf.

Klinger hatte Malerei studiert, sich die Fertigkeiten in Plastik und Radierung aber autodidaktisch angeeignet. Das sind, so Kurator Mück, aber die Felder, auf denen er seine bedeutendsten Leistungen erbrachte. Klinger wagte sich an neue, bis dahin zumindest in der deutschen Kunst kaum behandelte Motive. So schuf er 1884 den Radierungs-Zyklus „Ein Leben“, in dem er das Schicksal einer Prostituierten mitfühlend schildert. Erstmals werden in dieser Retrospektive auch die erotischen Studien Klingers präsentiert, Blätter von intimen Momenten wie dem „Blick in den Toilettenspiegel“, Darstellungen vom Geschlechtsakt und von lesbischen Liebesspielen. Diese zu Lebzeiten nicht zu veröffentlichenden Arbeiten sind nicht bloß frivole Lustübungen, gerade die Zeichnungen sind Übungen in Realismus.

Klinger, der auch als deutscher Rodin bezeichnet wurde, war mehr als nur Schöpfer erotischer und mythologischer Szenen. Die Schau ist bedeutsam für Duisburg, weil der Künstler wichtigen Einfluss auf Wilhelm Lehmbruck ausgeübt hatte. Diese Beziehung leuchtet ein eigenes Kapitel mit Werken Lehmbrucks aus. Schlagend deutlich wird der Einfluss bei einer Gruppe dreier Badender. Klingers Bronze „Badendes Mädchen, sich im Wasser spiegelnd“ (1896/97) steht da neben zwei thematisch verwandten Arbeiten Lehmbrucks. Das frühere Werk des Expressionisten (1902/05) wirkt wie eine Variation von Klinger, die Badende beugt sich nach unten, das Beugen und Strecken von Gliedmaßen wird unterstrichen. Beim „Mädchen mit aufgestütztem Bein“ (1910) ist die Handschrift Lehmbrucks deutlicher ausgeprägt.

Eröffnung do, 19 Uhr, bis 24.4., mi – sa 12 – 19, do bis 21, so 11 – 19 Uhr,

Tel. 0202/ 283 2630, http://www.lehmbruickmuseum.de

Katalog, 2 Bde., 30 Euro

Quelle: wa.de

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