Lebenslust transportiert der Tanzabend „Bella Vita“ in Dortmund

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Die Frauen kommen in Schwung: Szene aus „Cantata“ mit den Tänzerinnen des Dortmunder Doppelabends „Bella Vita“.

Von Edda Breski DORTMUND - Lassen Sie uns über Maccheroni sprechen! Mitten im Stück geht der Vorhang zu, es erscheint ein Persönchen in einer wilden Mischung aus Gothic, Charleston und Gesellschaftskleid des frühen 20. Jahrhunderts, sie liest aus einer Speisekarte vor und rollt die italienischen „R“s.

Der Choreograf Mauro Bigonzetti hat dem Komponisten und Koch Rossini ein Ballett gewidmet: „Rossini Cards“ ist derzeit an der Oper Dortmund zu sehen. Gekoppelt ist es mit „Cantata“, einem Stück zu süditalienischer Folklore. Der Ballettabend heißt „Bella Vita“, er feiert das Leben unter südlicher Sonne mit Tanz, Gesang – und einem Nudelrezept.

Man sieht das Dortmunder Ballett, das an Xin Peng Wangs lyrischen Stil gewöhnt ist, selten so ausgelassen. In „Rossini Cards“ sprinten die Tänzer über die Bühne, um im hohen Bogen in den Orchestergraben zu springen. Es gibt eine umwerfende Szene, in der alle in Unterwäsche um einen Tisch sitzen und eine skurrile Choreografie aus Ess- und Konversationsgesten aufführen. Vaudeville trifft Slapstick trifft große Oper. Barbara Melo Freire streckt ihre Hände wie Klauen aus, sie steckt in einer dramatischen Robe (Kostüme: Helena de Medeiros). Giuseppe Ragona und Giuseppe Salomone kommen und machen aus der Performance einen wilden, akrobatischen Pas de trois. Jacqueline Bâby und Mark Radjapov rollen sich über- und ineinander. In ihrem Duett geht es um das unbedingte Vertrauen, das zwei Partner entwickeln müssen.

„Rossini Cards“ ist nämlich nur an der Oberfläche Komödie. Es geht um Vertrauen und Selbstentblößung und um den Drahtseilakt, den ein Künstler vollbringen muss, wenn er vor Publikum auftritt. Bigonzetti hat das ebenfalls mit Slapstick maskiert: Alle Tänzer stehen an der Rampe und betrachten die Pianistin am Flügel. Nur einer zieht sich aus und lässt sich in den Graben fallen. Rossini selbst gab nach zwanzig Jahren und 39 komponierten Opern seine Karriere auf und zog sich mit 37 Jahren zurück, erst im Alter komponierte er wieder.

Bigonzetti nimmt wohl die Struktur von Rossinis Musik auf, etwa in dem einzigen Solo für Spitze (Monica Fotescu-Uta). Dass Rossini der „Schwan von Pesaro“ genannt wurde, kommentiert Bigonzetti spöttisch: Die Solistin versucht sich an Schwanenarmen, gibt aber entnervt auf. Sehr viel mehr geht es aber um eine Nachschöpfung, eine Aufnahme des Schwungs von Rossinis berühmten Komödien. Im Finale kommt die Ouvertüre zur „Diebischen Elster“ vom Band, und das Ensemble macht eine Polonaise, löst sich zu Paaren auf, die sich mit großen Sprüngen einander nähern. „Rossini Cards“ ist eine Wiederaufnahme, das Dortmunder Ballett hat es vor sechs Jahren in dem Programm „Stars and Steps“ getanzt.

Auch „Cantata“ hat einen Sprechteil: Denise Chiarioni und Barbara Melo Freire, die aus Brasilien kommt, feuern Silben aufeinander ab und ringen zugleich um körperliche Nähe. Die Theatralik dient der Zurschaustellung von Gefühlen, die von anderen wahrgenommen und damit bestätigt werden. In „Cantata“ schafft Bigonzetti eine Gemeinschaft wie in einem kleinen Dorf. Alle kennen sich. Gefühle werden preisgegeben und gespiegelt. Das Lichtdesign von Carlo Cerri öffnet Räume: schattig gestreifte, wie solche, in denen Menschen vor der Sonne Zuflucht suchen. Die Frauen tanzen mit fliegenden Haaren, die Männer nehmen in weiten Hosen Machoposen ein, die Tänzer krabbeln, stampfen, klatschen. Alessandra Spada fliegt förmlich über die Bühne, sie wird von ihrem Partner geworfen, sie kreist mit dem Kopf wie eine besessene Tarantellatänzerin. Dazu schlagen Trommeln und Tamburine. Die Musik, traditionelle Lieder aus Süditalien, klingt einfach und direkt. „Cantata“ ist eine Lebensfeier, und das Dortmunder Ensemble hat darin einen wunderbaren Auftritt.

Der Tanz

Zwei Choreografien, die mit Oper- und Alltagsmotiven spielen. Ein ausgelassener Abend voll italienischer Lebensfreude.

Bella Vita in der Oper Dortmund.

heute, 16., 27. Juni, 3. Juli

Tel. 0231/50 27 222

www.theaterdo.de

Quelle: wa.de

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