„Lebensecht?“: Hyperrealistische Skulpturen im Osthaus-Museum Hagen

Die Verzweiflung einer Frau, die in die Ecke getrieben ist: Marc Sijans Skulptur „Cornered“ (2011) ist in Hagen zu sehen. Fotos: Stiftel

Hagen – Diese Frau strahlt wahrhaft Verzweiflung aus. Ihre abgewetzte Vliesjacke hat sie sich über den Kopf gezogen. Ihren Kopf lastet schwer in ihren Händen. Ihr ermüdeter Blick geht ins Leere. Aber im Karl Ernst Osthaus Museum Hagen sitzt keine lebendige Frau auf dem Podest. Wir sehen eine Skulptur, eine hyperrealistische Schöpfung aus Polyesterharz und Farbe.

Der amerikanische Künstler Marc Sijan hat mit seiner Skulptur „Cornered“ (2011) eine Situation dargestellt, die er in seiner Nachbarschaft beobachtet hatte. Aber er suchte sich eine andere Frau als Modell, deren Köper er abformte. Es ist ein aufwendiger Prozess, jedes Detail der Hautfalten und Unreinheiten, von Adern und geröteten Druckstellen exakt in die Skulptur zu übertragen. Am Ende hat man eine Skulptur, die die Verzweiflung einer Obdachlosen intensiv vermittelt. Man versteht, was es heißt: In die Ecke getrieben.

Das Osthaus-Museum zeigt in der Ausstellung „Lebensecht?“ eine Auswahl Skulpturen von 25 Künstlern aus aller Welt. Erstellt wurde die Schau vom Institut für Kulturaustausch in Tübingen. Anhand von Arbeiten weltberühmter Künstler wie George Segal, Duane Hanson, Ron Mueck bietet sie einen Überblick von den Anfängen des Genres bis in die Gegenwart. Zugleich zeigt sie, wie breit das Spektrum an Ausdrucksmöglichkeiten und Themen bei der hyperrealistischen Skulptur ist. In gewisser Weise knüpft die Ausstellung konsequent an die Präsentation fotorealistischer Malerei an, die das Osthaus-Museum 2016 zeigte.

Gerade beim Hyperrealismus geht es nicht einfach darum, die Natur zu reproduzieren. Sijans Obdachlose funktioniert über die emotionale Intensität. Einen lebenden Menschen könnte und würde man nicht so betrachten. Man empfände das selbst im öffentlichen Raum als übergriffig und verletzend. Ganz anders gestimmt ist der Betrachter vor „Ethyl“ (2001). Der US-Künstler Tom Kuebler zeigt eine nicht mehr ganz junge Reinigungsfachkraft mit Wischeimer und fleckiger Schürze, im Mundwinkel eine Kippe, wirkt sie recht resolut und selbstbewusst.

Aber genauso gut kann die hyperrealistische Skulptur dazu benutzt werden, etwas Unvorstellbares, Groteskes zu vermitteln. Der australische Bildhauer Ron Mueck porträtiert Menschen wie sein Kollege Sijan, aber er verändert den Maßstab. Seine Skulptur „A Girl“ (2006) zeigt ein gerade geborenes Baby. Da fehlt jede Kindchen-Niedlichkeit. Schon weil das Mädchen wie ein gestrandeter Wal vor dem Betrachter liegt, fünf Meter lang. Man sieht Blutflecken und blaue Druckstellen, und die Nabelschnur, ein dicker Schlauch, ist noch nicht abgeschnitten. Hier spielt das Format eine Rolle: Die Monumentalität vermittelt eindringlicher die Gewalt und den Schmerz bei der Geburt.

Noch weiter geht Patricia Piccini mit ihrer kleinen Arbeit „Newborn“ (Neugeboren, 2010). Auf einem Opossum-Pelz liegt noch ein Baby. Freilich ist dieses Wesen bizarr verändert, mit fingerlosen Arm- und Beinstummeln und einem kleinen Elefantenrüssel im Gesicht. Ein Mutant? Ein Außerirdischer?

Ähnlich grotesk ist der Effekt bei Zharko Bashekis Arbeit „Ordinary Man“ (2009-10): Man sieht den über zwei Meter hohen Oberkörper eines Mannes, der scheinbar aus dem Boden hervorbricht. Bei diesem Riesen darf man an Fantasy denken, an Sagen, vielleicht bezieht sich der mazedonische Künstler auch auf mittelalterliche Weltgerichtsaltäre, bei denen die Toten aus den Gräbern steigen.

Überragende Wirklichkeitstreue ist ein Grundmotiv der Kunstgeschichte seit der Antike, seit der Legende um die Maler Zeuxis und Parrhasios, in der letzterer im Wettstreit gewann, weil sein Rivale nicht erkannte, dass der Vorhang im Gemälde gemalt war. Die hyperrealistische Kunst, die im Focus der Hagener Ausstellung steht entstand allerdings später, in den 1970er Jahren im Umfeld der amerikanischen Pop-Art.

Duane Hanson gehört zu den Pionieren. Ikonisch ist die „Supermarket Lady“ in der Aachener Sammlung Ludwig. In Hagen ist Hansons „Cowboy with Hay“ (1984–89) ausgestellt. Man erwartet, dass er jeden Augenblick sein Lasso schwingt.

George Segal erweist sich als Vorläufer: In „Gottlieb’s Wishing Well“ (1963) stellt er einen lebensgroßen Mann, den er grob aus Gips formte, an einen echten Flipperautomaten. Hyperrealistisch ist das nicht. Aber es zeigt einen ähnlichen Angang, das Täuschen des Blicks. Ein Pop-Künstler ist erkennbar auch Mel Ramos, eigentlich als Maler bekannt. Aber in seiner Skulptur „Chiquita Banana“ (2007) gibt die heruntergezogene Schale eine lebensgroße nackte Frau frei. Ramos übertrug da die Verfremdung von Reklame-Motiven aus seiner Malerei in die Räumlichkeit. Man kann diese Darstellung sexistisch finden, die Frage ist allenfalls, wie viel Ironie darin steckt.

Nacktheit spielt im Hyperrealismus eine große Rolle. Die Darstellung der menschlichen Haut gehört zu den anspruchsvollsten technischen Herausforderungen. Allerdings kann das leicht ins Voyeuristische kippen. Wer allerdings Marc Sijans Paar sieht („Embrace“, 2014), kommt nicht auf den Gedanken. Die beiden sitzen umarmt, vielleicht gar haben sie Sex. Aber Sijan konzentriert sich auf Gefühle. Da klammern sich zwei, die schon ein ganzes Stück Leben hinter sich haben, aneinander und zugleich ans Leben. Die Schwimmerinnen, deren Büsten Carole A. Feuerman wie Reliefs an die Wand setzt („General’s Twin“, 2009-11), feiern weibliche Stärke und Selbstbewusstsein.

John DeAndrea bewegt sich mit seiner Vorliebe für den weiblichen Akt eher auf der Grenzlinie. In Hagen ist seine Arbeit „American Icon – Kent State“ (2015) zu sehen, die ausdrücklich politisch gemeint ist. Der Künstler bildet ein Paar aus einem historischen Foto nach, das bei Studentenprotesten 1970 gegen den Vietnamkrieg entstanden war. Die Nationalgarde hatte auf die Studenten geschossen, und eine Frau kniete klagend neben ihrem erschossenen Freund. DeAndrea zeigt das Paar nackt,bezieht sich damit auf die Bildtradition der Antike. Er lenkt aber auch von dem Ursprungsmotiv ab.

Bis 31.1.2021, di – so 12 – 18 Uhr, Tel. 02331/ 207 3138, www.osthausmuseum.de

Katalog, Hirmer Verlag, München, im Museum vergriffen, im Buchhandel 29,90 Euro

Quelle: wa.de

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