Das Leben von Anne Frank als Comic

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Eindrucksvoll und ruhig ist der Terror der Nazis in Bilder übersetzt: Blatt aus „Anne Frank“. ▪

Von Jens Greinke ▪ Es war reflexhaft und absehbar, dass bei Erscheinen dieses Comics wieder die ängstliche Frage gestellt wurde: Geht das? Darf man das? Eine der bekanntesten Tragödien aus dem Holocaust als Bildergeschichte mit Sprechblasen? Das war es gut, dass die Anne-Frank-Stiftung in Amsterdam bereits vorab ihren Segen gegeben hatte und „Das Leben von Anne Frank – Eine grafische Biografie“ offiziell autorisiert hatte.

Dem Szenaristen Sid Jacobson und dem Zeichner Ernie Colón gelingt es tatsächlich, das kurze Leben der Anne Frank mit der nötigen Ernsthaftigkeit und Würde darzustellen. Die beiden Comic-Autoren hatten zuvor bereits Erfahrung in der Darstellung von realen Ereignissen gesammelt, als sie die Anschläge vom 11. September 2001 illustriert und eine Biografie von Che Guevara herausgebracht hatten. „Anne Frank“ ist ihr bislang ambitioniertestes Werk. Der wie Anne Frank 1929 geborene und heute 81-Jährige Jacobson sagt: „Ihre Biografie ist die Krönung unserer Karrieren.“

Die Anne-Frank-Stiftung hatte bereits zuvor das Medium Comic genutzt, um den Schrecken des Holocaust darzustellen. Im comic-affinen Holland kein Problem. „Die Entdeckung“ und „Die Suche“ sind zwei aufeinander aufbauende Einzelbände vom niederländischen Zeichner Eric Heuvel, die von der Machart und dem Ausdruck her der Anne-Frank-Biografie ähneln. Sie wurden als pädagogische Comics konzipiert, die das Leben in der Zeit des NS-Regimes beschreiben. Die Stiftung bietet interessierten Schulen auch in Deutschland dazu Begleitmaterial für die Sekundarstufe an.

Wie Heuvel nutzen auch Jacobson und Colón unaufgeregte und klare Bilder, um das Leben und Leiden unter dem Nationalsozialismus darzustellen. Die Darstellung des beklemmenden Alltags der jüdischen Familie Frank im Hinterhaus in der Prinsengracht gelingt ihnen dabei hervorragend. Vor allem zeigt der Comic aber Anne Franks Wesen und Charakter: ihre ständige Unruhe, ihre Neugier und ihre Lebenslust. Der Betrachter fühlt und leidet mit der jungen Anne, deren Tagebuch nach ihrem Tod im KZ Bergen-Belsen und dem Ende der NS-Herrschaft zu einem der wichtigsten Dokumente dieser unglückseligen Zeit wurde.

Prinzipiell stellt sich bei Comics nicht die Frage: Geht das? Wie in anderen Kunstformen gibt es auch hier gute und schlechte Interpretationen von Themen. „Das Leben von Anne Frank“ ist sicherlich eine der besseren.

Sid Jacobson/Ernie Colón: Das Leben von Anne Frank – Eine grafische Biografie, Carlsen Verlag, Hamburg, 160 S., 16,90 Euro

Quelle: wa.de

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