Landschaftsfotograf Michael Kenna in Iserlohn

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Die Natur als Grafikerin: Michael Kennas Bild „Bamboo and Tree“ (China 2013).

ISERLOHN - Was Michael Kenna zeigt, erinnert an chinesische Tuschmalerei. Da biegt sich ein Bambuszweig durch das Bild, und in blasserem Grau dahinter gibt ein Baum dem Bild eine Struktur. Ganz einfach ist diese Schichtung der Dinge und der Grautöne. Und doch überwältigt die Wirkung dieser Komposition, die Tiefe und Klarheit vereint.

Von Ralf Stiftel 

Das Bild nahm der britische Fotograf 2013 im chinesischen Yunnan auf. Es ist in der Städtischen Galerie Iserlohn zu sehen. Rainer Danne hat das Institut zu einem Ort profilierter Fotoausstellungen gemacht. Jetzt zeigt er die erste Retrospektive Michael Kennas in Deutschland, rund 100 Aufnahmen, die von den späten 1970er Jahren bis in die Gegenwart entstanden.

Kenna, 1953 in Widnes geboren, heute in Seattle in den USA lebend, gehört zu den führenden Landschaftsfotografen weltweit. Er arbeitet traditionell, macht seine Aufnahmen mit der Hasselblad auf Film und zieht seine Bilder selbst ab. Die analoge Fotografie, sagt er, gebe ihm mehr Freiheit. Und der Betrachter spürt das vor diesen kleinen Vintage Prints, die dem, was man sieht, eine fühlbare Präsenz verleihen. Fotografie, sagt Kenna, sei für ihn gesammelte Zeit. Die Kamera könne sichtbar machen, was das menschliche Auge nicht wahrnehme.

Es ist sein virtuoser Umgang mit Licht und Papier, der die Bilder so überwältigend aussehen lässt. In manchen seiner dramatischen Wolken- und Wetterbilder meint man Farben wahrzunehmen. Aber es ist wirklich alles schwarz-weiß, nur die unendlich fein abgestuften Grautöne wecken die Illusion. In der Aufnahme „Matin Blanc“ (1997), aufgenommen am Blue Beach in Nizza, funktioniert es umgekehrt: Vorn links sieht man einige schwarze Striche, offenbar Pfähle im Boden. Der Rest des Bildes ist weiß. Aber das Weiß hat eine physische Qualität, man sieht, dass dies nicht einfach unbelichtetes Fotopapier ist, sondern eine sehr helle Fläche.

Schatten der Geschichte

Auf einem frühen Foto von „Broughton Castle“ (1977) erscheint das titelgebende Gebäude als unscharfer, hellgrauer Fleck im Bildhintergrund, das über einen Teich oder Burggraben hinweg aufgenommen wurde. Die Burg wird zum Schatten hinter grafisch präsenten Schilfstrichen. Kenna macht aus dem Monument einen Schatten der Geschichte.

Er arbeitet gern mit schwierigen Lichtverhältnissen, macht zum Beispiel Nachtaufnahmen mit mehrstündiger Belichtungszeit. Die Karlsbrücke in Prag inszeniert er 1989 als Hell-Dunkel-Drama zwischen den Silhouetten der Barockskulpturen und dem Schlaglicht der Laternen. Manchmal erlaubt er sich auch einen Spaß, fotografiert einen Vogelschwarm am Himmel und nennt die Aufnahme dann „55 Birds“ (1991).

Struktur und grafische Wirkung sind immer wieder Themen. Und wie überwältigt der Rhythmus aus Schwarz und Weiß in „Corridor of Leaves“ (2006). Da hat er eine Birkenallee in der Emilia Romana aufgenommen, rechts und links liefern die laublosen Bäume Fluchtlinien, dazwischen liegt das graue Raster des Laubs. Und mitten im Schnee fotografiert er „Fifty Fences“ (2004), 50 Zäune, die an einem Hang in Hokkaido wie Schriftzeichen einer alten Handschrift arrangiert sind.

Ruhe ausstrahlend

Asien ist präsent im Werk Kennas. Mehrere Reisen führten ihn nach China, Japan, Korea. Seine Bilder dort scheinen inspiriert von Seidenmalerei und Holzschnitten, nicht nur der Bambuszweig vom Anfang. Ein visuelles Wunder ist seine Aufnahme der Huangshang Mountains (2008). Da bannt er die nebelumfangenen Gipfel in einer Differenziertheit aufs Papier, dass man stundenlang schauen könnte. Und welche Ruhe strahlt seine Study #4 aus, die er am Lijang Fluss in China machte (2006). Durch die Langzeitbelichtung wurde die Wasseroberfläche zum Spiegel. Man blickt auf das Boot und dann auf die schemenhaften Berge im Hintergrund – ein Versprechen, dass die Welt noch weitergeht.

Er hat Industrieanlagen in den USA fotografiert, futuristische Architektur in Dubai, den Mont St. Michel und Quichottes Windmühlen in Spanien. Ein Kosmos aus Ruhe, Konzentration, Poesie.

Bis 22.2.2015, mi – fr 15 – 19, sa 11 – 15, so 11 – 17 Uhr,

Tel. 02371/ 217 19 40,

www.galerie-iserlohn.de

Quelle: wa.de

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