Das Landesmuseum in Münster zeigt „Henry Moore. Impuls für Europa“

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Die archetypische Figur einer Liegenden wird aufgelöst in ein organisch geformtes Labyrinth: Henry Moores „Working Model for Unesco Reclining Figure“ (1957) ist als Leihgabe der Tate Gallery in Münster zu sehen.

MÜNSTER - Das abstrakte Monument vor dem Landesmuseum für Kunst und Kultur in Münster zieht die Blicke auf sich. Die polierte Bronze schimmert, das Spiel aus Verzweigung, stumpfen Enden und Zuspitzung bringt die Vorstellung auf Touren. „Three Way Piece No. 2“ nannte Henry Moore seine Skulptur (1964/65). Was soll das sein? Ein Leitungsknoten? Der Knochen eines Urzeittiers? Oder, was der Zusatztitel des Werks nahelegt, ein Archer, ein Bogenschütze? Es gibt einen halbkreisförmigen Bug, den man als Bogen deuten kann.

Am Ende sieht der Betrachter mehr hinein, als dass er etwas erkennt. Was der Anziehungskraft von Moores 3,65 Meter hoher, drei Tonnen schwerer Bronze keinen Abbruch tut. Im Gegenteil: Sie lädt den Platz vor dem Neubau des Landesmuseums mit Spannung auf. Das Metall wirkt organisch, sinnlich, man möchte über die Oberfläche streichen.

Hermann Arnhold, Direktor des Landesmuseums, wollte nicht auf große Außenarbeiten verzichten bei der großen Ausstellung „Henry Moore – Impuls für Europa“. Es ist die erste Werkschau des britischen Bildhauers in Deutschland seit der Retrospektive, die 1999 die Ruhrfestspiele in Recklinghausen begleitete. Aus Recklinghausen kam auch eine weitere große Außenarbeit: Die „Two Piece Reclining Figure No. 5“ ist sonst auf dem Grünen Hügel zu sehen. In Münster selbst ist dauerhaft die 7,50 m lange „Three Piece Sculpture: Vertebrae“ (1968/69) im Park an der Aa zu sehen – ein ausgelagerter Teil der Schau. Die Arbeit kam 1977 in die Stadt, als Ankauf der WestLB, und während schon die ersten Skulptur-Projekte liefen. Was wäre ein besserer Anknüpfungspunkt für eine Moore-Schau – ein halbes Jahr, bevor die nächste Ausgabe der Skulptur-Projekte beginnt?

Es ist die Erotik von Material und Form, die Henry Moores Skulpturen so prädestinieren für den Außenraum. Die Welt ist überzogen von seinen Werken, und oft sind es besondere Orte, repräsentativ, politisch bedeutungsvoll, wo man die monumentalen Stücke zwischen Figur und Abstraktion findet. Die alte Bundesrepublik hatte vor dem Bundeskanzleramt in Bonn die „Large Two Forms“ als Blickfang, seinerzeit von Bundeskanzler Helmut Schmidt eingeweiht, der mit Moore befreundet war. Vor dem Gebäude der Unesco in Paris ist seit 1957 seine steinerne „Reclining Figure“ zu sehen.

Die Münsteraner Ausstellung hat auch politische Implikationen: Nach dem Beschluss der Briten, die EU zu verlassen, schlägt die Kultur eine europäische Brücke. Die Schau wäre ohne die Mitwirkung der Tate Gallery nicht möglich gewesen. Von den 121 Werken stammen 64 aus dem Londoner Institut, für das Chris Stephens als Kurator mitwirkte, im Team mit Tanja Pirsig-Marshall vom Landesmuseum. Und es ist keine reine Moore-Ausstellung, sondern verortet den Künstler zwischen die Meister, die für ihn vorbildhaft waren, wie Picasso, Giacometti, Arp, und jene, die er wiederum prägte, von direkten Schülern wie Karl Hartung und Bernhard Heiliger bis hin zu Künstlern, die Gegenpositionen formulierten, wie Norbert Kricke.

Moore (1898–1986) hatte sehr jung den Ersten Weltkrieg erlebt. Er wurde Opfer eines Senfgas-Angriffs. Schon in den 1920er Jahren machte er eine steile Karriere, erlangte internationalen Ruhm. Bis 1940 stand er den Surrealisten nah. Zur prägenden Gestalt wurde er aber nach 1945, als das British Council seine Popularität für die Kulturarbeit nutzte. Große Ausstellungen wurden ebenso gefördert wie Ankäufe von Skulpturen für den öffentlichen Raum. Moore war nicht nur ein anerkannter Künstler, er stand auch glaubwürdig für den Ausgleich zwischen den Völkern und Pazifismus. Eine Win-Win-Situation: Der Künstler als Diplomat auf europäischem Parkett.

Die Ausstellung glänzt auch im Museum mit großen Skulpturen. Man spürt die Ausstrahlung der „Draped Reclining Woman“ (1952/53) vor der überlebensgroßen Version. Diese Arbeiten funktionieren auch über die Monumentalität: Schon das Arbeitsmodell für die Liegende vor dem Unesco-Gebäude misst mehr als zwei Meter, und an der schrundigen Oberfläche, an den seltsamen Biegungen und an den Durchbrüchen kann der Blick entlangwandern.

Es ist seltsam, wie wenig man bei Moore eine Entwicklung spürt. Die „Four Piece Composition: Reclining Figure“ entstand 1934. Moores zentrales Motiv, die Liegende, ist darin abstrahiert zu vier einfachen Steinstücken, runde Bögen, eine Kugel, als hätte einer gefundene Knochen und Kiesel zusammengelegt. Die kleine Skulptur ist von Picasso beeinflusst, der derartige Formationen malte und zeichnete. Andererseits zeichnet Moore bis in die 1980er Jahre recht realistisch Motive wie Mutter und Kind und „olympische Köpfe“. Da ist es durchaus zielführend, die Ausstellung nicht chronologisch zu inszenieren, sondern die Räume mit wichtigen Motiven zu bespielen.

Kurator Chris Stephens hebt hervor, dass die menschliche Figur für Moore ein fester Bezugspunkt war. Im Eröffnungsraum fesselt, wie Moore geradezu dem Jahrzehnt nach dem Krieg das Motiv der Liegenden vorzugeben scheint. Moore verarbeitete damit auch eine Kriegserfahrung: Er sah viele Liegende 1940/41 in London in U-Bahn-Tunneln, die als Bunker bei Bombenangriffen dienten. In den späteren Versionen verselbständigt sich das Thema, bekommt ganz andere Assoziationen, erotische zum Beispiel. Die Schau konfrontiert Moores Arbeiten mit einer Fülle von Vergleichsstücken. Manche wirken wie Nachahmungen. Joseph Beuys dagegen paraphrasiert in seiner „Plastik von Moore von Beuys“ (1960) die großen Formen mit einem verknoteten Einmachgummi. Noch der gefallene, versehrte „Krieger“ (1993) von Markus Lüpertz verweist auf die Prägekraft der Moore‘schen Formen.

Moore erneuerte radikal die Skulptur, zum Beispiel mit der Art, wie er Durchbrüche thematisiert, in der Entwicklung organischer Abstraktion. Das zu verfolgen in Serien von Helmköpfen, von sitzenden Figuren, von freien Formen bis zu den „Three Points“, ist ein spannungsvolles Seh-Erlebnis.

Henry Moore. Impuls für Europa im LWL-Landesmuseum für Kunst und Kultur, Münster. Bis 19.3.2017, di – so 10 – 18 Uhr, Tel. 0251/ 5907 201, www.lwl-museum-kunst-kultur.de,

Katalog, Hirmer Verlag, München, 27 Euro

Quelle: wa.de

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