Landesmuseum in Münster eröffnet seinen Neubau

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Da wird einem madonnen zumute: Mittelalterliche Mariendarstellungen sind im Vergleich zu sehen.

Von Ralf Stiftel MÜNSTER - Die eine trägt stolz die Himmelskrone. Andere haben ein Kopftuch übergeworfen. Oder ihr Haar fällt offen. Im guten Dutzend sitzen die Marien vor dem Betrachter, eine regelrechte Versammlung, jede mit dem Christuskind auf dem Schoß. Und über ihnen schwebt eine Maria im Strahlenkranz. Man hätte dieses wichtige Thema mittelalterlicher Skulptur natürlich auch die Wand lang inszenieren können. Als geballte Ladung aber entfalten die Gottesmütter erst ihre volle Wirkung, laden ein zu vergleichendem Schauen – oder sind ein Blickfang für den eiligen Besucher des Museums für Kunst und Kultur in Münster.

Fünf Jahre lang war das wichtigste Museum des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe (LWL) geschlossen wegen Umbaus. Da wurde abgerissen, und nach den Plänen des Berliner Büros Staab Architekten entstand ein wunderbar transparenter, einladender Neubau, der selbst Kunstbanausen besticht durch die geniale Idee, das Foyer als Passage von Domplatz zu Aegidiimarkt freizugeben. Am Freitag wird der Neubau eröffnet, es folgt ein Wochenende, bei dem man das Haus bei freiem Eintritt kennenlernen kann.

Fast 50 Millionen Euro wurden verbaut, es ist das größte Bauprojekt in der Geschichte des Landschaftsverbands, wie LWL-Direktor Matthias Löb unterstreicht. Dabei gewann das Museum 1800 Quadratmeter Ausstellungsfläche. Auf 7500 Quadratmetern (mehr als ein Fußballplatz) ist jetzt Kunst zu sehen vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Münster spielt mit diesem Haus wieder in der ersten Liga der Ausstellungsorte. Was angesichts einer Sammlung von 350 000 Gemälden, Skulpturen, Zeichnungen, Möbeln, Schmuckstücken, Münzen, Installationen nicht wundert. Gezeigt wird eine Auswahl von 1200 Exponaten. Reichlich Augenfutter.

Dem Team um Direktor Hermann Arnhold genügte es nicht, ein tolles Haus mit 51 Sälen zu haben. Sie inszenieren den Gemischtwarenladen als Überraschungstour, bei der die Chronologie auch schon mal für eine visuelle Pointe gebrochen wird. Spektakulär ist das schon in der „Spitze“ zum Domplatz, wo mittelalterliche Heiligenskulpturen auf Sockeln posieren und man durch ein großes Fenster auf dem Dom blickt. Aber jeder Raum sucht das Zusammenspiel von Objekt und Präsentation. Der Rundgang beginnt in einem Raum mit dem dreieinhalb Meter hohen Bockhorster Triumphkreuz, das wie in einer Kapelle über dem Besucher schwebt. Ein Saal ist der Klosterkultur gewidmet, hier findet man Skulpturen, Altartafeln, Fragmente eines Altars des Meisters von Liesborn. Die Sitzgelegenheiten, hochlehnige Sessel, erinnern Kirchengestühl und passen sich so den Schaustücken an. Die überlebensgroßen gotischen Skulpturen der Überwasserkirche sind in einem anderen Saal zwischen Altartafeln aufgestellt – selbst wie Zuschauer. Für den Betrachter ergibt sich ein Blickwechsel zwischen der steinernen Choreografie und den farbstarken Bildern. Und die Glasmalerei der Gerlachus-Scheiben kann sich in einem eigenen Raum endlich ungestört entfalten.

So findet das Haus eine Dramaturgie für jedes Thema. In einem Saal werden ein Prunkkamin und barocke Tapisserien gezeigt, und über dem Kamin hängt ein Bild, das man erst auf den zweiten Blick als zeitgenössisch erkennt: das Foto einer in Leder maskierten Figur von Thorsten Brinkmann, das so auf einen Teppich montiert ist, dass es sich völlig einfügt. Der Saal mit den barocken Stillleben wird zur Wunderkammer, weil in der Mitte ein Tisch mit präparierten Tieren aufgestellt wurde. Der Raum zum 30-jährigen Krieg bietet Gemälde, Dokumente, Drucke – und in der Mitte einen großen Tisch, an dem bis zu zehn Personen diplomatische Züge und Zwänge im Computerspiel nachstellen können. Die Biedermeier-Möbel werden auf einer Bühne gezeigt wie eine riesige Puppenstube.

In kühlem Blau präsentiert sich ein Raum für August Macke. Dort ist das Atelier-Wandbild „Paradies“ zu sehen, das der Expressionist 1912 mit Franz Marc schuf, aber auch weitere Gemälde, Skizzen, Zeichnungen aus dem großen Bestand des Hauses. In einem Raum zaubern die Lichtarbeiten von Otto Piene flüchtig tanzende Gespenster an die Wände. In einem Oberlichtsaal können abstrakte, großformatige Gemälde von Ernst Wilhelm Nay und Emil Schumacher („documenta III“, 1964) sich frei entfalten. Und ein Ecksaal mit Blick auf den Dom bietet Raum für die monumentalen Arbeiten u.a. von Richard Serra (die schwarze Wandzeichnung „Fassbinder“), Anthony Caro (die rot lackierte Stahlskulptur „Shade“, 1968/73) und Frank Stella („Sanbornville II“, 1966).

Das bietet in seinem Wechsel der Präsentationsformen, mit dem Mut zu Überraschungen und dem Respekt vor der Kunst ideale Voraussetzungen, eine unvergleichliche Schatzkammer neu zu entdecken.

Drei Tage lang stellt sich das neue Landesmuseum bei freiem Eintritt vor: Freitag ab 19.30 Uhr, Samstag 10 – 2 Uhr, Sonntag 10 – 22 Uhr. Dabei gibt es Themenführungen im Stundentakt und offene Ateliers.

Die normalen Öffnungszeiten: di – so 10 – 18 Uhr, jeden 2. Freitag im Monat bis 22 Uhr.

Als erste Sonderausstellung folgt „Das nackte Leben. Bacon, Freud, Hockney und andere. Malerei in London 1950 – 80“ (8.11.–22.2.2015)

Zur Eröffnung erscheint der Katalog „Einblicke – Ausblicke“ mit 100 Spitzenwerken, Wienand Verlag, Köln, 28 Euro,

sowie ein Kurzführer, 5 Euro

Tel. 0251/ 59 07 01, www.

lwl-museum-kunstkultur.de

Quelle: wa.de

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