Kurzgeschichten von Marion Gay

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Pessimistische Pointen: Marion Gay hat einen Band mit Kurzgeschichten vorgelegt.

Wenn sie einen anderen Satz aufgeschrieben hätte, wäre das alles gar nicht passiert. Zum Beispiel hätte sie notieren können: „Es war einer dieser butterblumengelben Sonntage im Mai, die Wiesen saftig, der Geruch von Flieder und Schweinemist in der Luft.“ Darin steckt doch alles, die ganze trostlose Idylle eines festgefahrenen Lebens.

Aber die Heldin in Marion Gays Erzählung hat etwas anderes zu Papier gebracht an jenem butterblumengelben Tag: „Ich möchte Rot tragen, im Sarg.“ Das können Menschen leicht missverstehen, erst recht, wenn eine Frau einfach mal ausbrechen möchte, einfach mal rausgehen und sich in den eigenen Gedanken verlieren. Nicht für immer. Aber für ein paar Stunden. Als sie zurückkommt zu Sebastian und den Kindern, wartet schon die Polizei. Wer seltsame Sätze aufschreibt, der tut sich vielleicht etwas an.

33 Geschichten enthält Marion Gays neues Buch „Romy Schneider starb kurz vor Haarlem“. Die Texte sind kurz, viele füllen nur eine oder zwei Seiten. Die Hammer Autorin, Jahrgang 1968 und den Lesern dieser Zeitung als Kunstkritikerin bekannt, weiß mit Andeutungen zu spielen. Immer wieder wird in den Erzählungen die Normalität gebrochen, und man ahnt zwischen den Zeilen Entfremdung und Melancholie. Da steht auf einmal die junge Frau, die mit Mann, Kind und Mutter urlaubt, nachts im Zimmer der Erzählerin und ihres Partners und bittet sozusagen um Asyl. Der Mann der „Blutleeren“ und die „Alte“ stellen ihr nach. Das Hotelzimmer mutiert zur belagerten Burg, in der die Flüchtige den „Schlechtwetterwein“ trinkt, Fußball im Fernsehen guckt und sich im Bett breit macht. Da spitzt die Autorin eine groteske Situation fein zu, und die Situationskomik reibt sich spannungsvoll mit einem zarten Unterton von Bedrängtheit.

Reines, ungetrübtes Glück gibt es in diesen pessimistischen Geschichten nicht einmal für Kinder. Für das Schulmädchen endet der Versuch, sich mit Gabriele aus dem Westen anzufreunden, enttäuschend. Weil die andere ihren Bruder, den „Popelfresser“, eklig findet. Marion Gay hat ein Gespür für Stimmungen, für unklare Gefühle, für Uneindeutigkeiten. Sie fängt das ein, die Momente, in denen eine Unschuld verloren geht, in denen ein Kind merkt, dass manchmal Menschen nicht zueinander passen, sogar ein Mädchen aus der gleichen Klasse. Und der coole Tom, der sich in einer anderen Erzählung dem Jungen auf dem Hof als „Kollege“ anbietet, möchte eigentlich bei der jungen Mutter landen. Viele Enttäuschungen liefern hier Pointen für bittersüße Momente. Noch grausamer geht es Elsa in „Wie es mit Nelly war“ mit dem Verlobten ihrer Schwester, der sich ganz anders um Nelly, den zugelaufenen Hund, kümmert, als das Mädchen sich erhofft. Das geht zu Herzen, weil es so kühl geschildert wird.

Manchmal überspannt sie ihre Konstellationen. Die Studentin, die sich bei Frau Strünkede eingemietet hat und zum muffigen Zimmer noch ein Übermaß an Familienanschluss erdulden muss, insbesondere vom unangenehmen Sohn des Hauses, müsste doch auch andere Auswege finden als den provozierten Bruch. Wie wär’s mit einer einfachen Kündigung? Die Zwangslage in „Das Maß ist voll“ überzeugt nicht, auch wenn Gay die Neurotisierung ihrer Heldin eindringlich beschreibt.

Dafür entschädigen wieder ihre Miniaturen, Momentaufnahmen wie „Der See“, in denen sich gar keine richtige Geschichte entfaltet, jedoch die Autorin mit knappsten Sätzen eine wunderbare Schauerstimmung skizziert.

Marion Gay: Romy Schneider starb kurz vor Haarlem. Oktober Verlag, Münster. 153 S., 15,90 Euro

Die Autorin stellt ihr Buch heute in einer Lesung in Hamm vor, Atelier des Hammer Künstlerbundes am Maxipark, 20 Uhr,

Tel. 02381/ 175 751

Quelle: wa.de

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