Filmfest wird zur Online-Plattform

Kurzfilmtage Oberhausen laufen wieder digital

Der afghanische Windhund in dem Film „Forever Corona (Oliver Polak, Erobique)“ von Kay Otto
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Der afghanische Windhund in dem Film „Forever Corona (Oliver Polak, Erobique)“ von Kay Otto

Die 67. Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen haben ihr Programm erweitert. Bis 10. Mai sind insgesamt 400 Filme aus 50 Ländern zu sehen.

Oberhausen – Profiteure der Corona-Pandemie werden in den Medien oft mit skeptischem Unterton genannt: Lebensmittelkonzerne, Amazon und Lieferando. Im Kulturbereich will dagegen das Drama nicht enden. Theater, Museen, Kinos und Musikhallen sind geschlossen. Die Inzidenzwerte entscheiden, wie Kunst unmittelbar erlebbar werden kann. Trotz weniger Lockerungen bleibt es düster. Mit einer Ausnahme. Die 67. Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen sind seit 1. Mai wieder komplett digital, und das Festival profitiert wie 2020 davon. Bereits im vergangenen Jahr blieb der Besucherandrang in der Lichtburg aus. Dagegen hat sich in der Corona-Pandemie die Fan-Community für kurze Filme erweitert. Es wurden über 2500 Festivalpässe für 9,99 Euro verkauft. Insgesamt kamen 25 000 Euro Einnahmen zusammen. 23 000 Euro davon spendeten die Kurzfilmtage, die von der Stadt Oberhausen, TV-Sendern, dem Land NRW und Wirtschaftsfirmen gefördert werden, an die Stiftung Sozialwerk der VG Bild Kunst.

Nun ist das Programm der Kurzfilmtage abrufbar. Und die YouTube-Generation kann beim künstlerisch ambitionierten Film vorbeischauen. Die Grenzen sind oft fließend. Wer klickt nicht gern auf Bewegtbilder am Laptop oder Smartphone?

Der Ansatz geht in Oberhausen auf. Bis 10. Mai sind rund 400 Filme aus 50 Ländern zu sehen. Bis auf wenige Ausnahmen stehen die Filme, die Startzeiten haben und in 100 Länder ausgestrahlt werden, 48 Stunden lang abrufbar bereit. Festivalleiter Lars Henrik Gass weiß, dass „die soziale Energie, die ein Festival mehr als ein Streaming-Plattform sein lässt“, aktuell nicht möglich ist. Aber Gass will diesen kommunikativen Ausfall „digital“ beheben. Zu den acht Wettbewerbsprogrammen mit 190 Filmen ist eine Online-Festivalstruktur entwickelt worden. Es gibt 100 Einführungen zu den Filmen, Regisseure erklären in digitalen Statements nach den gestreamten Filmen ihre Absichten und Gespräche sind im Festival-Space möglich – für alle zugänglich. Es sind über 50 virtuelle Treffen und Diskussionen geplant. Beispielsweise terminiert der Sender Arte seinen Empfang auf Dienstag, 16 Uhr. Wer Sekt will, muss sich allerdings selbst versorgen.

Das erweiterte 67. Festival bietet drei neue Programme mit internationalen und deutschen Filmen sowie mehr Musikclips. Für Lars Henrik Gass ist Oberhausen in der gesellschaftlichen Umstrukturierung schon einen Schritt weiter. „Festivals werden von Veranstaltungen zu Plattformen“, sagt Gass und spürt „neue kulturpolitische und demokratische Dimensionen“. Auch Umweltaspekte werden genannt.

Vor allem bildet die Corona-Pandemie eine Dimension für Filmemacher. In der Sektion „Deutscher MuVi-Preis“ finden sich zwölf Beiträge. Nie ist ein afghanischer Windhund als „Modell“ so hinreißend gefilmt worden. Kay Otto (Hamburg) hat in „Forever Corona (Oliver Polak, Erobique)“ (3 Min.) ein Studioshooting als Gegenwelt zu Abstandsregeln anberaumt. Wie die langen Haarsträhnen des Vierbeiners in der Super-Slow-Motion zu einer Show werden, erfreut nicht nur Hundeliebhaber. Und wenn der Windhund frontal zu sehen ist, ist Charakter spürbar – so ein treuer Blick. Dazu perlt leichter Elektro-Pop.

Traditionell sind die Musikvideos in Oberhausen keine Visualisierung, um Songs kommerziell zu bewerben. „Rasenmäher in E-Moll“ (14 Min.) ist denn auch eine künstlerische Tour de Force der finsteren Stimmungen. Stefanie Müller und Klaus Erika Dietl setzen eine Prozession in Gang, die die Misere von Künstlern und Musikern in der Pandemie ausdrückt. Auf einer Open-Air-Bühne im Niemandsland sind die Schreie ins Mikro nur eins von vielen Szenenbildern der Vergeblichkeit. Das fühlt sich bitter an, wenn eine Frau mit Stöckelschuhen über Strohballen läuft und schrittweise versinkt. Dazu erklingt Indiepop, der die Kulisse aus siffigen Garagen und vergessenen Randlagen der Wohnzivilisation nicht aufhübschen will. Eine zerbrochene Gitarre, zwei Mädchen boxen mit Masken und der Karneval dient als Sinnbild für die Lotterie des Lebens. Wer gerade an der Abbruchkante steht, das macht „Rasenmäher in E-Moll“ deutlich.

DJ Hell, Star der Elektro-Pop-Szene, und die Künstlerin Stacie Ant gehen in ihrem Musikvideo „Out Of Control“ (3 Min.) noch weiter. Nach Corona sind die Sadomaso- und Bondage-Spiele in einer animierten Künstlichkeit erstarrt, ohne menschliche Teilhabe. Die Filmemacher montieren in die Datendatei ihrer glatten Figuren noch natürliche Augenpaare ein – eine Störung der Oberfläche. Kühle Elektromusik dominiert die überwältigenden Bilderstrudel aus Körpern.

Die Kurzfilmtage haben sich aber nicht dem Corona-Thema ergeben. Die Programme sind vielfältig, die Filmgenres in Bewegung – ein Qualitätsmerkmal des kurzen Films. Der neue Deutsche Online-Wettbewerb zeigt zwölf Beiträge aus 250 Einreichungen. Neben Migrationserfahrungen, Schreckszenarien aus der Fleischproduktion und Erinnerungsarbeit ist Deborath Jeromin über deutsche Geschichte gestolpert. „Verwundene Fäden“ (40 Min.) ist eine dokumentarische Archivarbeit, die mit viel Gespür das ambivalente deutsch-griechische Verhältnis skizziert. Filmemacherin Jeromin fand in einer Kleingartenanlage in Leipzig-Lindenau („Hoffnung West“) Anleitungen zur Zucht von Seidenspinnern. 1933 entwickelte sich im Freizeitbereich ein Stückchen Kriegswirtschaft. Aus den Kokons wurden Seidenfäden für Fallschirme produziert. Sorgsam bebildert Jeromin ihre Aktenfunde („Düngung der Maulbeere“) mit Propaganda-Bildern der NS-Zeit, aktuellen Recherchen und mit Interviews griechischer Frauen („Ich war 16 Jahre“), die von deutschen Fallschirmspringern 1941 auf Kreta erzählen und von den Gräueltaten berichten können. Die Fallschirmseide ist der Erinnerungsträger. Der Film stellt die Leiden von Frauen zur offiziellen Geschichtsschreibung.

In Oberhausen werden am 10. Mai 27 Preise mit einer Preissumme von rund 52 000 Euro vergeben.

www.kurzfilmtage.de

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