60. Kurzfilmtage Oberhausen mit „Film ohne Film“-Programm

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Achtung, Kannibale! Trickbild aus „Cannibal Story“ (7 Min.) von Yunkurra Billy Atkins/Sohan Ariel Hayes.

Von Achim Lettmann -  OBERHAUSEN Etwas ganz Neues bieten die Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen. Zur 60. Auflage des Filmfestivals (1. bis 6. Mai) wird erstmals „Film ohne Film“ gezeigt, also Erlebnisse im Kino, die nicht von der Leinwand kommen. Was passiert im dunklen Vorführsaal zwischen Platzwahl, Eispause und Abspann? Festivalleiter Lars Henrik Gass hatte recherchiert und war sogar auf Schlägereien gestoßen, die in Münster und Bielefeld vermeldet wurden.

Es geht um Popcorn, störende Gespräche und die Armlehne – mein oder dein? Neben der sozialen Sprengkraft einer Kinovorstellung ist der Zuschauerraum selbst ein Ort, der sich in der Kinowelt wandelt. Wenn heute Filme daheim als DVD im TV-Sessel oder im Beamer-Keller breitwandig konsumiert werden, was macht dann die Filmprojektion noch im Multiplex aus?

Die Reihe „Memories Can’t Wait – Film without Film“ erweitert auch das Spektrum der Kurzfilmtage, die nicht nur kurze Filme zeigen wollen. Dafür geht das Festival von der Lichtburg, dem Kino für die Programm-Filme, rüber ins Europa-Kino mit seinem historischen Saal. Einst fanden hier bis zu 1000 Besucher Platz. Luise Albertz, legendäre SPD-Bürgermeisterin der Stadt, eröffnete Ende der 1950er Jahr die Kurzfilmtage, und Lars Henrik Gass ist ganz begeistert, diesen Ort, der 25 Jahre leer stand, mit „Film ohne Film“ bespielen zu können. „Es ist ein Oktagon“, sagt Gass und meint die geometrische Form des Saals.

Bei der Programmvorstellung der Kurzfilmtage begeistert sich der Festivalleiter: „Über 100 einzelne Glühbirnen zählen zur Lichtdecke.“ Und er rückt den Saal in Oberhausen an die Philharmonie des Architekten Hans Scharoun in Berlin heran. Ein ambitionierter Vergleich. Aber Gass versucht seit Ende der 1990 Jahre, das Europa-Kino in die Kurzfilmtage zu integrieren. Aufgrund wechselnder Eigentümer ist dies nie gelungen. Nun allerdings sind am 3. und 5. Mai (jeweils zweimal am Tag) hier die sogenannten „Performances“ möglich, neben weiteren Aufführungen auch im Lichtburg-Kino. „Das Publikum muss mitmachen“, sagt Gass und verspricht insgesamt 30 Arbeiten von Künstlern, Musikern und Schauspielern. Es wird Überraschungen geben, die thematisieren, was Kino-Gebrauch heute ist, welche Raumerlebnisse stattfinden, wie sich der Zuschauer im Kino selbst wahrnimmt. Der finnische Künstler Mika Taanila kuratiert diesen Schwerpunkt.

„Mehr Kino“ scheint die Losung zu den 60. Internationalen Kurzfilmtagen in Oberhausen zu sein. Natürlich gibt es zum runden Geburtstag die traditionellen Sektionen, wie den „Internationalen Wettbewerb“, in dem diesmal drei deutsche Film zu sehen sind. Nur deshalb, weil sie für ihr Genre etwas Neues probieren, sagt Gass. Früher war nur ein deutscher Beitrag gelistet. Wieder gibt es Einreichungen aus über 100 Ländern. 61 Filme werden gezeigt. Es sind skurrile Trickfilme wie „Cannibal Story“ (Australien, 7 Min.) zu sehen. Frech und morbide wird von Menschenfressern berichtet, die blutspritzig und unversöhnlich zufassen. Irgendwo leben sie noch in Höhlen. Ganz kommentarlos kommt „Isfilma par dzivi“ (Lettland, 2 Min.) daher. Ein Standbild zeigt Fußballer, die in einer Reihe stehen, die Arme auf die Schultern legen und zweimal entsetzt schauen. Dass hier ein Elfmeterschießen verloren geht, hat Laila Pakalnina gefilmt – nicht für jeden ersichtlich, aber ein ironisches Statement zum Männersport.

Im Programm „Deutscher Wettbewerb“ sind 21 Filme zu sehen. Carsten Spicher, der keinen Trend setzen will, sieht beim Filmjahrgang 2014 Risse im Familienbild und immer wieder Menschen, die sich in familienähnlichen Gruppen finden. Auch Natur werde von den Filmemachern thematisiert. Zum 6. NRW-Programm sagt Spichern, dass die Qualität stabil hoch sei, weil es in NRW zahlreiche Filmschulen gibt. Elf Filme wurden ausgewählt, sieben kommen aus Institutionen. Die WDR-Sendung „West-Art“ lobt einen Preis aus, über den NRW-Bürger befinden sollen. Musikvideos, Kinder- und Jugend-Filme werden ebenfalls prämiert. Insgesamt vergibt Oberhausen rund 40 000 Euro Preisgelder.

Bei den Musikclips findet sich eine Arbeit von Dietrich Brüggemann, der auf der Berlinale einen Drehbuch-Bären für den Langfilm „Kreuzweg“ erhielt. Hier zeigt der Filmemacher „Easy or Not“ für Tim Neuhaus und Kat Frankie. Ideenreich und sensibel.

Die Filmtage

Vom 1. bis 6. Mai werden 450 Filme bei den Internationalen Kurzfilmtagen in Oberhausen gezeigt. Ab 26. März steht das Programm: www.kurzfilmtage.de

Wo? Lichtburg-Kino, Elsässer Str. 26; Tel. 0208/824 290; www.lichtburg-ob.de

Quelle: wa.de

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