Kurzfilmtage Oberhausen entdecken Kino vor 1914

+
Ein Mann spuckt Goldstücke, die in dem Film „Le Roi des dollars“ goldgelb glänzen. Die Kurzfilmtage Oberhausen zeigten den Trickfilm der Firma Pathé von 1905. Regie Segundo de Chomón. ▪

Von Achim Lettmann ▪ OBERHAUSEN–Die Anfänge der Kinokultur werden gern mit dem Spruch, als die Bilder laufen lernten, ins komische Fach abgeschoben. Putzig hört sich das an, als ob Charlie Chaplin die Kleinen Strolche jagt. Die Kurzfilmtage in Oberhausen setzen diesem possierlichen Euphemismus wahre Entdeckungen entgegen. Es gibt sie noch, die alten Filme vor 1914.

Damals waren sie fast alle wenige Minuten kurz. Die 56. Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen sind der richtige Ort, um sie zu feiern. Die Filmhistorikerin Mariann Lewinsky und der Experimentalfilmer Eric de Kuyper präsentieren zehn themenbezogene Programme mit jeweils mehreren Filmen und Klavierbegleitung. Was heute auf Internet-Plattformen wie „YouTube“ und in der Werbung seine gesellschaftliche wie kommerzielle Bedeutung generiert, entwickelte sich Ende des 19. Jahrhunderts zum neuen Bildverfahren, das seine Eigenschaften noch erprobte. Das Filmexperiment war eine willkommene Überraschung, ein Seherlebnis; erst in den 20er Jahren sollte sich der Spielfilm durchsetzen und der experimentelle Film als ästhetische Eigenheit an den Rand der jungen Kinokultur gedrängt werden.

Grandios ist, dass in Oberhausen der Mut der frühen Jahre, diese Unbekümmertheit, Filme zu machen, unverstellt und überraschend frisch erlebbar ist. Wer ein Programm aus der Reihe „From the Deep: The Great Experiment 1898-1918“ sehen kann, scheint eine Zeitreise zu machen. „Saarbrücken“ (1904) ist ein Film, der in Saarbrücken produziert wurde, um den Film (101 Minuten) wohl nur in dieser Stadt zu zeigen. Ein veritables Geschäft seinerzeit. Hier sollen sich viele Leute erkennen. Und sie schauen alle in die Kamera, wie auf ein fremdes Wesen, dem sie nicht ganz trauen. Ein Botenjunge will ins Bild und kommt näher; einige Herren mit Melonenhüten gehen in Formation; auf dem Markt drehen sich alle um und die Kauflust erstarrt im Bann des Bildes. Sie schauen in der Hoffnung, sich selbst in der nachfolgenden Filmvorführung zu erkennen – im Wanderkino auf dem Jahrmarkt. In Oberhausen sehen wir in diese Gesichter und das Kino schafft eine imaginäre Verbindung zu vergangenen Menschen. Ein Zeitsprung, der erstaunt.

Der Programmteil „Sensation Bewegung, Dimension Zeit, Präsenz der Absenz“ in Oberhausen umkreist das Wesen des Films. Mariann Lewinsky zitiert den Filmtheoretiker Siegfried Kracauer, der eine Affinität vom Kino zur Straße feststellte. In seiner „Theorie des Films“ (1959) schrieb er dem Film eine „unwandelbare Hinneigung zur Straße“ zu und erkannte, „das Zufällige siegt über das Planmäßige“ auf der Straße wie im Film. Solche Einsichten Kracauers (1889- 1966) erläutern noch heute den stabilen Genre-Erfolg des Roadmovies.

Einer der frühen Filmautoren – die meisten Regisseure blieben anonym – ist Segundo de Chomón. Er war trickreicher als viele Zeitgenossen, wie Georges Méliès zum Beispiel. Méliès hatte sich von den Brüdern Lumière, den Erfindern des bewegten Bildes, 1895 inspirieren lassen. Chomón zeigt in „Le Roi des dollars“ (1905) Veränderungen im Bild (2 Min.). Dass ein Mann goldfarbene Münzen ausspuckt, ist ein gut inszenierter Trick, der verblüffen sollte. Hinzu kommt, dass die Farbe im Schwarzweiß-Film beeindruckt. In „Danses serpentines“ (3 Min., 1896/98) wirken Farblichtprojektionen auf dem Kleid einer Tänzerin, während andere Filme nachcoloriert wurden. Die Firma Pathé hatte sich vor 1914 zum Weltmarktführer entwickelt und mit Hand- und Schablonencolorierungen ein großes Publikum erreicht. Hollywood gab es noch nicht.

Frühe Filme

Programm „From the Deep“ in der Lichtburg Oberhausen bis 4. Mai. Tel. 0208 / 824290.

http://www.kurzfilmtage.de

Montag, 3. Mai, 12.30 Uhr: Marcel at the motion pictures. 20 Uhr: Cinema of Distruction. Dienstag, 4. Mai: 12.30 Uhr: Räume. 17 Uhr: Programm=Publikum

Quelle: wa.de

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.
Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare