Kurzfilmtage Oberhausen und „Das Kino der Tiere“

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Träumerei: Der Kurzfilm „Dog of My Dreams“ (2001) von Roz Mortimer erzählt von großen Hunden und Mädchen. Auf den Kurzfilmtagen Oberhausen zeigen elf Programme unser Verhältnis zum Tier: „Das Kino der Tiere“. ▪

Von Achim Lettmann ▪ OBERHAUSEN–Sie wird richtig rausgeputzt, gewachsen, gekämmt und gestutzt – zwischen den Hörnern. Jolanda ist eine niederländische Milchkuh. Und Pim Zwier hat ihr einen Film (9:30 Min., 2008) gewidmet, der am Montag (ab 20 Uhr) bei den Internationalen Kurzfilmtagen in Oberhausen gezeigt wird: „Jolanda 23“. Auf dem Filmfestival wird nach dem Verhältnis von Mensch und Tier gefragt. In insgesamt elf Programmen mit jeweils zahlreichen Filmen wird die Geschichte des kurzen Tierfilms erzählt.

Die Kuh Jolanda hat es gut. Sie wird Schritt für Schritt auf einen Fototermin vorbereitet. Dann steht sie auf saftigem Grün vor einer Maisfeld-Kulisse und ihr Fell strahlt schwarz-bunt. Sie ist der Stolz des Bauern. Ohne dass Regisseur Zwier die Optimierung in der Milchwirtschaft anspricht, spürt man dennoch, dass Jolanda ein Produkt der Agrarindustrie ist, ein Zuchterfolg. Mit solchen Zwischentönen wird unser Verhältnis zum Tier skizziert. Die Kuratoren des Filmschwerpunkts, Cord Riechelmann und Marcel Schwierin, untersuchen keine Vermenschlichung von Tieren. Donald Duck tritt in Oberhausen nicht auf. „Er ist gar keine Ente“, sagte Verhaltensforscher Riechelmann. Interessanter ist, wie der Mensch die Tiere kategorisiert. So gibt es Filmreihen zum Nutztier, zum Haustier, zum Tier im Zoo, zu Versuchen mit Tieren, zu nutzlosen Tieren, zu ihren Reflexen und zur Gewalt gegen Tiere. „Der erste Speer des Menschen war für ein Tier bestimmt“, sagte Riechelmann. Und in dem Film „Schwalben am Spieß“ (10 Min., 1958) zeigen Prof. Grzimek und sein Sohn, wie ritualisiert die Gewalt gegen Tiere in Europa ist. Italiener fangen Singvögel zum Verspeisen, Spanier erlegen Stiere in der Arena, und in Deutschland locken Angler ihre Beute mit lebendig aufgespießten Fischködern an. Der Film moralisiert, informiert und klärt auf.

Erst seit den 50er Jahren gebe es überhaupt Filme, die das Tier als eigenständiges Wesen präsentieren, sagt der Filmemacher und Künstler Marcel Schwierin. Gerade in der Kunst würde das Tier aktuell eine große Rolle spielen. „Aber auch in der klassischen Kultur“, sagt Schwierin, der emotionale Tierdokumentationen aus den Zoos im Fernsehen dazuzählt; ebenso wie Kochshows, in denen die Qualität von Fleisch thematisiert wird und letztlich auch der Medienhype um Eisbär Knut.

Weshalb ist uns das Tier so wichtig? Zum Beispiel sind Kinder ganz tierverrückt, sagt Cord Riechelmann. Für den Verhaltensforscher erkennen Kinder im Tier ein vorsprachliches Stadium des Menschen. Und: „Das Tier ist in der Gesellschaft so unbehofen, wie das Kind selbst.“ In dem Film „Dog of My Dreams“ von Roz Mortimer (12 Min., 2001) wird gezeigt, wie kleine Mädchen mit großen Hunden umgehen.

Die Frage nach dem Wie und Warum führt zum Ursprung des Kinos überhaupt. Noch vor den ersten Filmen machte Étienne-Jules Mareys Bewegungsstudien von Tieren (1892) – mit dem „Fotorevolver“ ganz schnelle Einzelbilder. Auch die Sequenzfotografie von Eadweard Muybridge (1877) geht auf die Frage zurück, hat ein galoppierendes Pferde alle vier Hufe in der Luft? Es hat, haben die Bilder bewiesen. Der Wissenschaftsfilm ist neben dem künstlerischen Film das zweite Genre, das in Oberhausen zu „Das Tier im Kino“ präsentiert wird.

Es gibt herrliche Geschichten zu sehen, wie „Useless Dog“ von Ken Wardrop (5 Min., 2004). Es wird ein Border Collie vorgestellt, der vor Schafen Angst hat. Aber sein Herrchen lässt ihn, wie er ist: „Das ist die Natur, was kann man da machen“, sagt der Ire. Gute Nerven muss man haben, wenn die „Fütterung der Riesenschlangen“ (drei Min., 1911) läuft. Kaninchen werden von Schlangen im Terrarium geschnappt und erdrückt. Eine Studie, nüchtern und beschreibend.

Bis in die 70er Jahre wurden Tiere für den Tierfilm „verbraucht“, sagte Schwierin. Zahlreiche Delfine waren in der Serie „Flipper“ eingesetzt. Erst später verpflichtete sich Hollywood selbst, für die Produktion von Filmen keine Tiere mehr zu quälen und zu töten.

An der Geschichte des Tierfilms lässt sich belegen, dass Gewalt in unserer Gesellschaft zunehmend stigmatisiert wird. „Das Bewusstsein, was Gewalt ist, wird erweitert“, sagt Cord Riechelmann. Ein Film wie „Water, Water, Everywhere...“ (5 Min., 1971) könne heute nicht mehr gedreht werden. Gilles Blais zeigt, wie eine Forelle in einem verschmutzten Wasser erstickt. Eigentlich ein Plädoyer für eine saubere Umwelt. Dieser Film ist am Montag in Oberhausen zusehen (ab 12.30 Uhr). Auch weil das Problem nach wie vor besteht und der Film nicht nur Filmhistorie belegt.

Kurzfilmtage

Bis 10. Mai finden die 57. Internationalen Kurzfilmtage in Oberhausen statt. 466 Beiträge werden gezeigt. 141 Filme aus 40 Ländern konkurrieren in fünf Wettbewerben. Der Große Preis der Stadt Oberhausen wird am Dienstag vergeben. 18 000 Besucher werden erwartet.

Lichtburg-Kino, Elsässer Str. 26

Karten-Tel. 0208 / 824290

http://www.kurzfilmtage.de

Quelle: wa.de

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