Kurzfilmtage in Oberhausen

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Niklas schaut zu, wie das Loch für den Braunkohle-Tagebau wächst. Szene aus Christine Uschy Wernkes Film „Borschemich (neu)“. ▪

Von Dirk Frank ▪ OBERHAUSEN–Gegenwart und Vergangenheit eines Genres: Die 58. Kurzfilmtage in Oberhausen waren wieder eine respektable Leistungsschau der aktuellen Kurzfilmproduktion. Das Jubiläum des Oberhausener Manifests (1962) sorgte für alte und neue Diskussionen um die Qualität des kurzen und auch langen Films.

„Der alte Film ist tot. Wir glauben an den neuen.“ Diese kämpferische Parole aus dem Oberhausener Manifest ist mittlerweile 50 Jahre alt. Doch nicht nur der runde Geburtstag dürfte den Festivalmachern Grund gewesen sein, das Manifest zu feiern. Die zornige Aufbruchstimmung prägte zugleich das aktuelle Programm mit dem schmeichelhaften Gedanken, dass auch heute noch der Kurzfilm „Schule und Experimentierfeld des Spielfilms“ sein könnte. Das formale und thematische Spektrum der Beiträge beeindruckte; die Qualität war unterschiedlich.

Augenzwinkernd nimmt Regisseur Bjørn Melhus in „Das Badezimmer“ für den Deutschen Wettbewerb Bezug zu einem Klassiker des Thrillers. Der Gärtner war’s, könnte man sagen: Ein wahnsinniger Mann, mit einer Motorsäge ausgestattet, führt den Besucher durch das eher horrorfreie Anwesen einer Stiftung. Synchronisiert wird die Rede des Gärtners aber mit dem deutsch eingesprochenen O-Ton Hitchcocks zu „Psycho“. Protagonist, Text und Originalmusik verwandeln eine harmlose Hausbegehung in ein schreiend komisches Filmzitat.

In seiner diskurskritischen Machart an Alexander Kluge erinnernd, analysiert „Zuschauerpost“ von Rainer Bellenbaum den Umgang mit Migranten im Fernsehjournalismus. Ein ORF-Bericht, der Klischees und Ressentiments des Fremden bedient, wird in seiner Machart durch sich überlagernde Sprach- und Bilderschichten entlarvt. Ein im wahrsten Sinne des Wortes anstrengender Beitrag dagegen „Sounding Glass“ von Sylvia Schedelbauer: Sie unterlegt die subjektive Wahrnehmung eines Waldbesuchers mit einem ständigen „Flicker“-Effekt. Der Kurzfilm mutiert dadurch zu einer Zumutung für den Rezipienten, Verstörung und Störung liegen nah beieinander.

Lokale und regionale Themen eines Bundeslandes waren in den elf Beiträgen des NRW-Wettbewerbs zu finden. In „Borschemich (neu)“ von Christine Uschy Wernke wird aus der Sicht eines 12-Jährigen die Verlagerung und der Neubau einer kompletten Dorfes im Braunkohlerevier beschrieben. Der Zuschauer blickt mit den wachen Augen von Niklas in den Schlund der unaufhörlich wachsenden Wüste am Dorfrand. Zeichentrickvarianten der bedrohlichen Baggerzähne konterkarieren spielerisch und jugendaffin die dokumentarisch-nüchterne Erzählweise.

Dass der Kurzfilm nicht nur zwischen Dokumentarischem und Experiment verharrt, sondern durchaus auch Themen des Langfilms adaptiert, zeigt „Guck woanders hin“ von Charlotte Anne-Marie Rolfes. Die 15-jährige Janna, ein bildhübsches Mädchen, lernt den gleichaltrigen Niklas kennen. Ihr unsicheres und scheues, bisweilen aber auch aggressives Verhalten wird analytisch durch Rückblenden auf einen Missbrauchsfall in der Vergangenheit zurückgeführt.

Das Oberhausener Manifest wurde in diesem Jahr nicht nur mit historischen Beiträgen der Unterzeichner gewürdigt. Auch filmische Neuverortungen, die den bilderstürmerischen Impuls des Jahres 1962 kritisch hinterfragen, waren zugelassen. Der junge Filmemacher Max Linz hat im Auftrag der Kurzfilmtage die zehnteilige Serie „Das Oberhausener Gefühl“ entworfen, die ursprünglich fürs Internet konzipiert war. Linz fragt nach der Aktualität des Manifests, indem er besonders die Praxis der Film- und Kunstförderung unter die Lupe nimmt. In inszenierten Dialogen aus dem Oberhausener Kulturbetrieb treten ebenso kunstbeflissene wie banausenhafte Entscheider auf und machen die Künstler sprach- und ideenlos. Die Fronten im Kulturbetrieb, so ließe sich Linz’ Arbeit resümieren, verlaufen heute angesichts einer gießkannenhaften Subventionspraxis anders als in den 60ern.ORTSMARKE –

Quelle: wa.de

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