Kunstwerke in Bochum – Ein Rundgang

Schwer und zerbrechlich: Im Stadtpark Bochum ist Giuseppe Spagnulos „Grande Ruota. Ferro spezzato“ („großes Rad, Eisen gebrochen“) aus dem Jahr 2000 als private Dauerleihgabe platziert. Vorher wurde die Eisenskulptur im Schlosspark Weitmar präsentiert. Foto: Lettmann

Bochum – Kulturell ist das Schauspielhaus in Bochum der Imageträger der Stadt. Allerdings hat sich die Ruhrgebietskommune auch zum Geheimtipp für Kunst im öffentlichen Raum entwickelt. Neben Skulpturen und Objekten am Kunstmuseum Bochum und im angrenzenden Park, sind die Ruhr-Uni und der Schlosspark im Stadtteil Weitmar mit dem Institut Situation Kunst zu Stellflächen für wetterfeste Exponate geworden. Die Stadt legt zunehmend Wert auf ein künstlerisch geschärftes Profil.

Fußläufig lassen sich vor allem Kunstwerke im City-Bereich erreichen. Auf einer Verkehrsinsel am Hauptbahnhof steht eine Stahlskulptur, die Ende der 70er Jahre für Zündstoff sorgte und Bochum bundesweit in die Schlagzeilen brachte: Richard Serras „Terminal“ (1977/79), Wahrzeichen der documenta VI in Kassel. Die Stadt erwarb die tonnenschweren korrodierten Stahlplatten. Den „Schrott“ wollten viele Bürger nicht haben. Es gab Anfeindungen und körperliche Attacken. Graffiti und Verschmutzungen folgten. Aber Bochum fällt nun das Renommee zu, die erste Skulptur Richard Serras aufgestellt zu haben. Ein Mutmacher für viele Kommunen, die fortan fragten: Was ist Kunst im öffentlichen Raum? Mittlerweile haben sich auch die Bochumer arrangiert. Stahl ist ein Stück Erinnerung an Industriearbeit geworden, ein ursprünglicher Wertstoff des Reviers.

Am Beispiel Bochum ist zu erkennen, dass Kunst immer eine Auseinandersetzung mit sich selbst ist. Vom „Terminal“ geht es die Massenbergstraße runter in die Fußgängerzone, wo Karl-Henning Seemanns „Entfaltung der Stadt“ (1996-98) tatsächlich einen Bilderbogen aus Bronze auffächert. Kohleabbau im Kriechgang, Stahlgewinnung, Porträtbilder, aber auch Kanonenrohre und Fliegerangriffe zeigen die Kehrseite industrieller Vergangenheit. Wer hat da keine eigenen Gedanken zum kritischen Stadtbild?

An der Sparkasse entlang geht es rechter Hand über die Grabenstraße an der Pauluskirche vorbei auf die Bongardstraße. Dann rechts runter in die Hans-Böckler-Straße findet sich die „Platzgestaltung Rathaus“ (1979/80) von Erich Reusch (1925–2019), die mehr am Gustav-Heinemann-Platz liegt. Die gemauerten Scheiben aus Granitsteinen heißen „Nasse Augen“ in Bochum. Der Architekt und Bildhauer selbst hatte keinen Titel vergeben.

Weiter zum Nordring finden sich „Zwei Stühle“ in Rot und Orange von Jacek Jurewicz (2005). Die Skulptur geht auf eine Initiative von acht Einrichtungshäusern des Brückviertels zurück. Aber nach zwei Sitzgelegenheiten sieht die kühle Konstruktion nicht aus. Im Inneren des Bochumer Straßenrings ist moderne Kunst selten.

Weiter auf dem Nordring führt der Weg links in die Kortumstraße zum Kunstmuseum hinauf. Hier sind die „Fünf Bildhauer“ von Johannes Brus (Essen) ein markanter Hingucker. Frontal schauen einen die sitzenden Figuren an. Brus, geboren in Gelsenkirchen, ist vor allem für seine Tierplastiken bekannt.

Am Museum finden sich Ulrich Rückriems Steinskulptur „Granit Bleu de Vire, geschnitten“ (1987) wie Giuseppe Spagnulos „Ferro spezzato – barra“ (1974), ein Werkstück aus Eisen. Der Italiener dokumentiert einen Arbeitsprozess mit einer Materialverbiegung. Werke von Wolf Vostell, Jiri Hilmar, Max Bill und Jacques-Charles Delahaye befinden sich am Museum, wie die Installation von François Morellet. Der französische Lichtkünstler hatte 2009 eine blaue Lichtspur an der Fassade befestigt, um die „Skyline“ der Stadt nachzuzeichnen. Ein leuchtendes Zeichen im Kulturhauptstadtjahr 2010.

Gleich gegenüber ist Spagnulos „Grande Ruota. Ferro spezzato“ (2000) platziert. Seit 2006 ist die tonnenschwere Scheibe in den Stadtpark gesetzt, wo sie auf dem Viereck ruht, das aus ihrem Zentrum geschnitten wurde. Ein heftiger Eingriff, der das Material zerbrechlich und die Form geschunden zeigt. Weiter an der Kurfürstenstraße entlang oder einfach durch den Park, stößt man auf die dreiteilige Stahlcollage von Ales Vesely. Vor allem der „Iron Report“ (1979/80) ist eine schräge hohe Bühne für objekthaft geformte Metalle. Veselys plastischen Zusammenballungen gehen auf das Stahlbildhauersymposion von 1979/80 zurück. Bochum reagierte auf den Streit um Serras „Terminal“ und wollte mehr moderne Kunst initiieren. Vorbild war die Stadt Münster mit ihren Skulptur Projekten von 1977. Alle neun Arbeiten der Bildhauer, die am Symposium teilnahmen, blieben in der Stadt. Allerdings blieb es bei dem einen Symposium.

Der Weg führt über die Lorenz-Rebbert-Allee und die Zeppelinstraße zur Burggrafenstraße, wo „Die Königin und der König“ von Paul Wunderlich (1927–2010) stehen. Der Zeichner ist erst spät zur bildhauerischen Arbeit gekommen. Sein Paar aus Bronze von 1999 wirkt rätselhaft: ein muskulöser Mann mit zarten Fingern und eine barbusige Frau im ausladenden Kleid. Ein paar Schritte weiter wird es farbig. Friedrich Gräsel (Bochum), der mit industriellen Metallformen arbeitet, hat seine „Stele mit zwei Ringen“ (1986) in Gelb und Grün sichtbar gemacht. Gräsel (1927–2013), bundesweit bekannt für seine Röhrenplastiken, reagiert auf die Industrienorm 1511, die sich auf Gussstücke für den Modellbau bezieht. Sehr speziell und spöttisch.

Über die Zeppelinstraße führt die Bergstraße auf eine Unterführung mit Lichtkunst zu. Hier sind Norbert Radermachers „Die Weltkarten“ (1991) zu sehen, die sich gegenüberliegen und von einer Straßenlaterne unter der Eisenbahnbrücke beleuchtet werden. Radermacher hatte die Laterne entdeckt, die kurioserweise in die Trägerstruktur der Brücke ragt. Seine Arbeit ist die Nummer 12 eines Lichtkunstprojektes, das auf Verkehrsformen der Industrialisierung reagiert. Es gibt 16 Bahnunterführungen an den Schienenstrecken um die Innenstadt herum. Künstler nehmen der Dunkelheit dieser Durchfahrten das Unwirkliche. Und Lichtkunst ist zum Faktor im Kunstprofil der Stadt geworden.

Infos zum Thema:

www.artibeau.de

www.welt-in-form.net ruhrkunstmuseen.com

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