Der Kunstverein Lippstadt zeigt Arbeiten von Rudolf Bonvie über die Finanzmärkte

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Wie reagiert der Aktienmarkt auf den Einmarsch im Irak? In seiner Arbeit „Le CAC 40 et la guerre“ (2003) zeigt Rudolf Bonvie Momentaufnahmen der französischen Börse vom 21., 24. und 25. März 2003.

Von Andreas Balzer

LIPPSTADT - Zwei Türme fallen, eine Armee überschreitet eine Grenze, eine Bank kollabiert. Und die globalen Finanzmärkte reagieren auf diese Erschütterungen wie Seismographen — und rufen dadurch oft genug neue Erschütterungen hervor. Doch was geschieht heutzutage wirklich an den internationalen Finanzmärkten, die so mächtig geworden sind, dass ganze Staaten ins Wanken geraten? Und wie lässt sich das mit den Mitteln der Kunst darstellen?

Diesen Fragen geht Rudolf Bonvie in seiner Ausstellung „Börsenarbeiten“ nach, die in der Galerie des Lippstädter Kunstvereins zu sehen ist. Mit ihrem Gewimmel aus roten, grünen und schwarzen Flächen und Rechteckfeldern in verschiedenen farblichen Abstufungen erinnern viele der überwiegend großformatigen Fotoarbeiten des 1947 geborenen Kölner Künstlers an abstrakte Malerei. Doch tatsächlich sind es Reproduktionen von Screenshots, die chronologisch Auf- und Abwärtsbewegungen im Börsenhandel wiedergeben. Die grünen Felder stehen für Unternehmen im Aufwärtstrend, Rot für Abwärtstrends. Die Firmennamen, Branchen und Zeitangaben hat Bonvie mit wenigen gezielt gesetzten Ausnahmen entfernt, so dass nur noch farbliche Abstraktionen übrigbleiben.

Dass das Rot überwiegt, ist nicht nur ein Zeichen der Zeit. Bonvie interessiert sich speziell für Krisensituationen und die durch sie ausgelösten Crashs. Tiefrot, mit nur wenigen grünen Tupfern ist zum Beispiel das Bild „AA+“, das die Herabstufung der USA von der Bonitätssstufe „Triple A“ zu „AA+“ am Montag, 8. August 2011, zeigt. Auch der Zusammenbruch der Lehman-Brothers-Investmentbank, die Situation ein Jahr nach dem 11. September 2001 und der Einmarsch der amerikanisch-britischen Truppen im Irak im März 2003 hatten optisch drastisch nachvollziehbare Auswirkungen auf die Börsenkurse.

Was da tatsächlich an den Finanzmärkten geschieht, versteht der Betrachter dieser Momentaufnahmen freilich nicht. Im Gegenteil: Ihm wird deutlich vor Augen geführt, dass da gerade etwas höchst Dramatisches passiert, die Vorgänge selbst bleiben jedoch zutiefst rätselhaft. Gerade dadurch sind die Arbeiten vermutlich realistischer, als wenn Bonvie einfach ein paar aufgeregte Broker bei der Arbeit gezeigt hätte. Vom „Realismus des Undarstellbaren“ spricht Kurator Erich Franz.

Deutlich „greifbarer“ sind die collageartigen Arbeiten, in denen sich der Künstler mit sozialen Netzwerken und Online-Portalen wie YouTube, Facebook und Tumblr auseinander setzt. Dabei integriert er Reaktionen anderer User auf die von ihm eingestellten Arbeiten und erzeugt so visuelle Geflechte aus Bildern und Texten, die die kommunikativen Prozesse im Netz reflektieren.

Bis 23.6., di, do, fr, 16 – 19, sa, so 11 – 13 Uhr,

Tel.: 02941/ 78 713,

www.kunstverein-lippstadt.de,

Katalog 10 Euro

Quelle: wa.de

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