Kunstverein Düsseldorf fragt nach dem Wert aktueller Kunst: „We Aren‘t Musicans“

+
Nüchtern und gestrig: „Dia-Abend“ (2012) nennt der Fotograf Martin Zellerhoff seine Arbeit, zu sehen im Kunstverein der Rheinlande und Westfalen Düsseldorf. ▪

Von Achim Lettmann ▪ DÜSSELDORF–Der Künstler hat es nicht selbst gemacht. Die Arbeit „New Northway“ (2012) erinnert an drei Bienenwachs-Platten, die allerdings eine ungewöhnlich nüchterne Oberfläche aufweisen. Die Linien und glatten Flächen auf den viereckigen Gummi-Stücken hat Hans-Jürgen Hafner gescannt, der Kurator der Ausstellung „We Aren‘t Musicans“. Der Titel der Schau im Kunstverein Düsseldorf spielt darauf an, dass die Künstler der Ausstellung keine Musiker sind. Klar, aber warum sind sie Künstler?

Der Niederländer Vincent Vulsma bindet den Kurator ein. Seine Jacquardgewebe aus Baumwollgarn sind gewebt und schwarzweiß. „WE455“ (2011) nennt er diese Strukturbilder, die changierende Abstraktionen bieten. Aber auch hier ist die Eigenleistung des Künstlers nicht zu erkennen. Hat er die Web-Maschine nur eingestellt?

Dass Kunst nicht von Können kommt, hat sich bereits herumgesprochen. Der Kunstverein in Düsseldorf zeigt aber auf, dass aktuelle Kunst bewusst „Können“ und „Handwerk“ ausspart, um sich nicht dem Vorwurf auszusetzen, populistisch und reaktionär zu sein. Paulina Olowska schafft mit ihren Arbeiten Verweise auf Volkskunst, angewandte Kunst und Kunsthandwerk. Sie malt ein Abendkleid (2007), das sich wie eine weiße Blüte zum Ornament formt. Viele Verweise nimmt auch ein zweites farbstarkes Gemälde auf („Festliches Kleid“, 2007). Es zeigt ein weitgeschnittenes Kleid mit Schlingen, Augen und feengleichen Gestalten, die symetrisch angeordnet sind wie zur Zeit des Jugendstils. Das Gefühl für die Stofflichkeit ist allerdings gepinselte Illusion der konzeptuellen Kunst. Blumen, ein klassisches Sujet der tradierten Malerei, erscheinen bei Paulina Olowska als übergroße knatsch-bunte Neonröhren, als ob sie Reklame machen müssten, für was auch immer. Motiv und Material des Werks „Blumen“ (2010) werden von der Künstlerin deplatziert oder anders gesagt, miteinander verschränkt. Das Ästhetische flackert hier in einer Mischform auf, die wieder reich an Verweisen ist.

Wer diese Kunst betrachtet, wird aufmerksam und nachdenklich zugleich. Denn die Anziehungskraft dieser Arbeiten erschließt sich nicht auf den ersten Blick. Und dennoch halten sie einen wie ein Rätsel, das gelöst werden will.

Auch der Fotograf Martin Zellerhof bedient sich an bekannten Sujets: historische Bildtechniken, überkommene Produktionsverfahren, Werbe- und Produktfotografie bearbeitet er, um auf ihre Eigentümlichkeit zu verweisen. „Agfamatic 100, blitzend“ (2009) ist ein schon liebevoller Pigmentdruck, der eben den Agfamatic Fotoapparat vor orangfarbenen Hintergrund als Werbefoto seiner Zeit inszeniert. Der gleißende Blitz ist das i-Tüpfelchen auf dieser Retro-Arbeit. In der Fotografie „Dönerladen, Eisenbahnstraße“ (2011) erinnert Zellerhof an die Farbfotografie, die sich in den 70/80er Jahren am Kunstmarkt durchsetzte. Diese Kunstfotografie ist mit Namen wie Stephen Shore, Joel Sternfeld und William Eggleston in Verbindung zu bringen, aber nicht mit Martin Zellerhof. Er sortiert mit seiner Initiative die Farbfotografie in den Gebrauchsmarkt der konzeptuellen Kunst ein.

So birgt bei aller technischen Meisterschaft auch die Fotografie „Vereiste Spree“ (2011) etwas Spott für die illusionistische Landschaftsfotografie inmitten der Großstadt. Und den „Dia-Abend“ (2012) von Zellerhof will heute bestimmt keiner mehr mitmachen, so düster wirkt das Heimkino, so blass der Bildausschnitt an der Wand. Und außerdem raucht noch jemand im Privatraum. Unglaublich.

Die Schau

Drei Positionen konzeptueller Kunst, die nach den Parametern für Kunst an sich fragt. Nachdenklich, konsequent und verspielt zugleich.

We Aren‘t Musicansim Kunstverein Düsseldorf.

Bis 9. September; di-so 11 bis 18 Uhr; Tel. 0211 / 210 7420; http://www.kunstverein-duesseldorf. de

Quelle: wa.de

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.
Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare