Kunsttriennale Beaufort widmet sich an Belgiens Küste dem Thema Denkmal

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Griechische Antike trifft auf fernöstliche Ironie in Xu Zhens Skulptur „Eternity – Poseidon“ in De Haan.

OSTENDE Wenn man von der Küstenstraße auf den Strand in Middelkerke geht, sieht man einen Wald aus mannshohen schwarzen Tafeln. Man kann (und soll) dabei an Grabsteine denken, die wie gotische Kirchenfenster geformt sind. Von der Seeseite aus ändert sich aber das Bild. Die Tafeln sind zum Wasser hin verspiegelt. „Holy Land“ nennt der französische Künstler Kader Attia seine imposante Installation.

Der documenta-Teilnehmer von 2012 schlägt mit der Arbeit einen Bogen über ein Jahrhundert (nicht nur) belgische Geschichte. Einerseits will er mit den Tafeln den 30 000 nordafrikanischen Soldaten ein Denkmal setzen, die im Ersten Weltkrieg für die Interessen der Kolonialmächte starben. Andererseits ist sein Werk eine symbolische Begrüßung der Flüchtlinge, die in den letzten Jahren über das Meer kamen, um in Europa das heilige, das gelobte Land zu finden. Die Versprechen des Kontinents aber erweisen sich als trügerische Spiegelungen. Letztlich sieht der Betrachter doch nur das Wasser, von dem aus er auf die Spiegel zugeht. Und natürlich sich selbst.

Das Kunstwerk gehört zur sechsten Ausgabe von Beaufort, das alle drei Jahre Kunst an die belgische Küste bringt. Nachdem die fünfte Ausgabe nicht so gut gefiel, haben sich die teilnehmenden neun Städte wieder auf das ursprüngliche Konzept besonnen. Die Kuratorin Heidi Ballet hat Arbeiten von 18 Künstlern und Künstlergruppen an exponierte Plätze gebracht, so dass Kunstfreunde den Skulpturen nachreisen und sich dabei die sehr besondere Landschaft erschließen können, in der Natur und manche Bausünde aufeinander stoßen. Als Leitthema verbindet die Arbeiten das Motiv des Denkmals, was vielfältige Assoziationen zulässt und sehr unterschiedliche Tonlagen von Pathos wie bei Attia bis zu Ironie. Ziemlich am entgegengesetzten Ende der Küste, im Zentrum eines Kreisverkehrs in Knokke, steht das „Beach Castle“, das Strandschloss, des französischen Künstlers Jean-Francois Fourtou. Es ist ein grotesker, zwölf Meter hoher Turm, zusammengewürfelt aus den typischen Strandhütten, die man an der Küste findet. Wenn man genau hinschaut, erkennt man, dass jede Hütte sich ein kleines bisschen von den anderen unterscheidet. Jede der zehn Küstengemeinden nutzt ein eigenes Design.

Der belgische Künstler Stief DeSmet huldigt wiederum in Ostende der Natur mit seinem mehr als viereinhalb Meter hohen bronzenen Monument für eine Schnecke, das er ganz ans Ende des mehrere 100 Meter langen Strekdam platzierte. Man könnte denken, der Damm sei nur für das Denkmal errichtet worden. Blickt man an der Schnecke vorbei auf die Küste, korrespondiert sie prachtvoll mit den Hochhäusern an der Strandpromenade.

Im Leopoldpark in Ostende wiederum steht, fast unauffällig am Rand, Guillaume Bijls ironische Installation „Sorry“ (2015). Der belgische Künstler erinnert an den Spürhund „Jack“, der im Ersten Weltkrieg an der Westfront bei Ypern getötet wurde. Aber man sieht nicht nur Jack auf dem Sockel, sondern vier weitere Hunde, die um das Denkmal stehen und ihres Artgenossen gedenken.

Mit der Ikonographie des Reiterdenkmals setzt sich die dänische Künstlerin Nina Beier auseinander. Sie montierte ausrangierte Reiterdenkmäler zu einem skurrilen Ensemble, das sie in Nieuwpoort auf einen Wellenbrecher platzierte. Der stolze Offizier in Rüstung reitet einer seltsamen Truppe voran – am Ende der Reihe folgt ihm ein Jockey, denn die Helden der Moderne sind Sportler. Bei Flut scheint es, als hätten sich die Helden verirrt und wären in der Weite des Meeres verloren.

Ein wuchtiges Steuerrad aus Bronze setzt Simon Dybbroe Møller in Westende an den Strand, fünf Meter hoch, zehn Meter durchmessend erinnert das „Navigator Monument“ an einen frühen Internetbrowser, den Netscape Navigator. Zugleich bezieht sich der dänische Künstler auf die Geschichte des Ortes. Der Badeort Westende wurde mit dem Kapital des Brüsseler Industriellen Edouard Otlet aufgebaut. Dessen Sohn Paul Otlet (1868–1944) führte das Projekt fort. Zugleich war er einer der Visionäre des Internets. Er versuchte, mit dem Mundaneum, einem Nachschlagewerk in Zettelkastenform, das Wissen der Welt zu ordnen, und erfand damit eine analoge Vorform der Suchmaschine.

Einen Dialog der Kulturen führt der chinesische Künstler Xu Zhen an der Strandpromenade von De Haan: Er setzt auf die Reproduktion einer antiken griechischen Statue des Poseidon Pekingenten und koppelt so ironisch Ost und West.

Der Neustart scheint geglückt: Eine ganze Reihe von Arbeiten wurde angekauft und soll dauerhaft an der Küste bleiben. Man findet hier noch eine ganze Reihe Skulpturen aus früheren Beaufort-Jahrgängen von namhaften Künstlern wie Jan Fabre, Daniel Buren, Wim Delvoye und Daniel Spoerri.

Bis 30.9., kostenlos,

Tel. 0032 / 50 / 30 55 00

www.beaufort2018.be

Katalog mit Karte 5 Euro

allg. Infos: Tel. 0221/ 270 97 77, www.visitflanders.de

Quelle: wa.de

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