Die Kunstsammlung NRW zeigt das Werk des Fotografen Wolfgang Tillmans

Ein inszenierter Moment von Freiheit und Vertrautheit: Wolfgang Tillmans’ Bild „Lutz and Alex sitting in the trees“ (1992) ist in Düsseldorf zu sehen. - Fotos: Kunstsammlung

Von Ralf Stiftel DÜSSELDORF - Zwei seltsame Vögel hocken auf den Ästen. Lutz und Alex sind nackt unter den Mänteln, wobei sie offensichtlich sein Kleidungsstück trägt und er ihren roten Lackmantel. Das Paar zeigt sich in trotzigem Selbstbewusstsein, und der Fotograf Wolfgang Tillmans fing 1992 einen wunderbaren Zeitgeist-Moment zwischen Rebellion und Romantik ein.

Das Bild ist im Ständehaus der Kunstsammlung NRW, dem K 21 in Düsseldorf, zu sehen. Die umfassende Werkschau, gleichsam eine Bilanz der letzten 25 Jahre, hat der Künstler selbst inszeniert. Der Fotograf hat im Jahr 2000 als erster Nicht-Brite den Turner Prize erhalten. Bekannt wurde er in den 1990er Jahren als Chronist der schwulen Szene und der Clubs in London, da fotografierte er noch für Zeitschriften wie i-D, Tempo und Spex.

Tillmans, sagt Marion Ackermann, Direktorin der Kunstsammlung, stehe für den Anti-Becher-Impuls. In Düsseldorf ist Fotografie eben mit der Becher-Schule verbunden, und deren prominente Vertreter wie Andreas Gursky, Thomas Struth, Thomas Ruff stehen für eine Kunst des monumentalen, glatten, technisch perfekten Bildes. Tillmans hingegen verfolgt nicht ein Konzept, sondern stellt immer neue Fragen an das Medium.

Er wurde 1968 in Remscheid geboren, aber er studierte in Großbritannien, am Bournemouth & Poole College of Art and Design. Sein bildnerisches Interesse wurde 1986 von einem digitalen Fotokopierer geweckt, der Graustufen darstellen konnte, erzählt er. Sein Interesse an Bildern ist breit und gleichsam demokratisch – das Zeitungsbild, die Kopie gilt ihm soviel wie der aufwendige C-Print. Dieses gleichsam demokratische Prinzip setzt er auch in der Düsseldorfer Ausstellung um. Da hängen in einem Saal gerahmt die monumentalen Arbeiten der Freischwimmer-Serie. Da arbeitet er ohne Kamera mit Fotopapier, auf das in der Wanne mit Entwicklungs- und Fixierflüssigkeiten direkt Licht fällt. Die Ergebnisse werden zu metergroßen Tafeln vergrößert, die wie abstrakte Gemälde wirken, aber auch die erotische Anmutung von Hautpartien haben können.

Andere Räume wirken disparat. Gleich im ersten zeigt er gerahmt die monumentale, knallrote Aufnahme „Silvio (U-Bahn)“ (1992), in der er eine vergängliche Gedenkstätte für das Opfer eines Neo-Nazi-Mordes festhält. Daneben kleine Schwarz-Weiß-Bilder, abstrakte Kompositionen, Tintenstrahldrucke, die ohne Rahmen direkt an die Wand fixiert werden. Es gibt da keine Hierarchie, der Betrachter ist gefordert, sich in diesem Sammelsurium zu orientieren.

Tillmans zeigt viele Interessen, mag sich nicht festlegen lassen auf eine politische Kunst, auf Beobachtungen zur Sexualität, auf Szenebilder, auf ästhetische Inszenierungen. Obwohl er von allem etwas bietet. Diese Vielfalt und die flache Hierarchie seiner Bilder machen es schwierig, die Schau auf einen Nenner zu bringen. Sie verleihen ihr aber auch Spannung. Man findet eben die freimütig vor der Kamera ausgelebte Beziehung von Lutz und Alex, die so nah geht, dass er ihr auf einem Bild auf den nackten Unterleib blickt und sie ihn auf einem anderen Bild am Penis hält (wie andere Händchen halten). Man findet die verstörende Aufnahme eines nackten Punks, der auf einen Stuhl uriniert. Die nächtliche Szene einer Ratte, die gerade in einem Kanalisationsschacht verschwindet. Tillmans porträtiert Lady Gaga und den Pop-Art-Künstler Richard Hamilton, er zeigt spröde Stillleben eines Zweigs in einer Altbauwohnung, er biegt Fotopapier und lichtet die abstrakte Biegung als „Paper Drop“ ab, er hat eine Serie von fliegenden Concordes und einen bunten Tukan im Gehege, und er zeigt schwarz-weiß ein Bild von Anders, auf dessen Kopf Kiesel arrangiert sind, als „Brighton Arcimboldo“, ein Zitat des manieristischen Malers, der vexierbildhafte Gesichter aus Gemüse, Fischen, Büchern schuf. Es gibt Tische mit Fotos, Prospekten und Zeitungsausschnitten, sogenannte Truth Studies, Wahrheits-Studien. Greifbar wird er darin nicht so schnell.

Wahrheit ist Tillmans wichtig. Er betont, dass seine Bilder analog entstanden seien, also noch im chemischen Prozess von Licht auf Film und ohne digitale Nachbearbeitung. Es sei wichtig, „dass man den Bildern trauen kann“. Aber drei Sätze später sagt er, dass er inzwischen auch mit einer digitalen Kamera arbeite – nach dem gleichen Prinzip. Er erkundet die Möglichkeiten des Mediums Fotografie.

Der Künstler hat vieles zu seinen Bildern zu sagen. Manchmal irritiert es. Doch der Kosmos, den seine Aufnahmen umreißen, wird jedem Besucher Aha-Erlebnisse bescheren. Vielleicht an der meterhohen Mikrofotografie von Pilzsporen an einem Baumstamm. An den so unglamourösen Porträts des Models Kate Moss. Oder an den Kästen, in denen er geknicktes Fotopapier zeigt, wo er das Material thematisiert und es gleichsam als Relief auffasst – man kann das auch kapriziös finden. Langweilig wird es bestimmt nicht.

Wolfgang Tillmans im Ständehaus der Kunstsammlung NRW Düsseldorf, K 21. Bis 7.7., di – fr 10 – 18, sa, so 11 – 18 Uhr,

Tel. 0211/ 83 81 204, www.kunstsammmlung.de

www.tillmans.co.uk

Jeder Besucher erhält zur Eintrittskarte den Katalog

Quelle: wa.de

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