Die Kunstsammlung NRW zeigt Fotografien von Katharina Sieverding

+
Katharina Sieverding mit zwei Tafeln aus dem „Stauffenberg-Block“ im K 21 Düsseldorf.

Von Ralf Stiftel DÜSSELDORF - Diese Flammengesichter rücken dem Betrachter nah. 16 mal sieht man sich in dem Raum im Düsseldorfer Ständehaus von grellen Porträts umgeben. Orangerot. Fast zwei Meter hoch jede Tafel. Sie stehen auf dem Boden, auf kleinen Holzkeilen, an die Wand gelehnt. Durch Unschärfe, extreme Vergrößerung und die Farbverfremdung erkennt man das Gesicht kaum. Selbst das Geschlecht ist schwer zu identifizieren.

Der „Stauffenberg-Block (I-XVI)“ von Katharina Sieverding ist schwer zu deuten. Die Arbeit aus dem Jahr 1969 wurde 1998 von der Kunstsammlung NRW angekauft, konnte aber selten gezeigt werden, weil sie so viel Raum beansprucht. Weil es aber auch ein Hauptwerk der Fotokünstlerin ist, wollte Marion Ackermann, Direktorin der Kunstsammlung, es schon seit längerer Zeit einmal ausstellen. Nun ist es soweit, und es wurde gleich eine kompakte Ausstellung daraus: „mal d’archive“.

Natürlich bezieht sich die Fotoinstallation auf den Hitler-Attentäter vom 20. Juli 1944. Für den Betrachter erschließt sich das nicht sofort, weil der hingerichtete Widerstandskämpfer eben nicht im Porträt erscheint. Sondern die Künstlerin selbst. Die Reflexion erfolgt indirekt, über die provokative Dissonanz zwischen dem Titel und dem Gezeigten. Als die Arbeit entstand, war lebte die NS-Tätergeneration noch, war sogar an vielen Schaltstellen in Politik und Gesellschaft noch an der Macht. Sieverding wies den Betrachter auf sich zurück. Ihr Gesicht wird in der Verfremdung zur Maske. Sie zeigt sich in einer Rolle, vielleicht als eine, die in den Spiegel blickt, errötet aus Scham über die Untaten der Elterngeneration. Die Künstlerin wurde in Prag geboren, in jenem Jahr 1944, in dem Stauffenberg hingerichtet wurde. Ihr Antlitz, monumental vergrößert und entmenschlicht, steht in dieser Porträtreihe wie eine Gruppe von Rachegottheiten. Mahnung und Herausforderung. Ein Selbstporträt muss nicht das eigene Ich bespiegeln, kann ein politisches Statement sein.

Und insoweit sind Sieverdings Fotografien auch keine Abbildungen, sie bilden eine Performance. Da steht die Künstlerin in der Tradition ihres Lehrers Joseph Beuys. Die drei großen Serien in der Schau entstanden alle vor der digitalen Fotografie. Alle Manipulationen wurden in der Dunkelkammer vorgenommen. Und noch hinter den spiegelnden Verglasungen bemerkt man die malerischen Qualitäten dieser Bilder.

Katharina Sieverding sprach bei der Vorstellung der Schau über ihre Arbeiten. Dabei wurde deutlich, wieviel Handwerk auch in ihnen steckt. Für die Serie „Maton Solarisation“ (1969) hat sie Passbilder aus Fotoautomaten als Ausgangsmaterial verwendet, die immer neu abfotografiert, in Negative verwandelt, durch Doppelbelichtung verfremdet wurden. Sie zählt die Schritte auf, bekommt sie aber selbst nicht präzise hintereinander, kein Wunder nach mehr als 30 Jahren. Aber in ihrer Erläuterung wird der Aufwand deutlich. Zwölf Tafeln, ebenfalls im Tür-Format, zeigen Gesichter jenseits der Geschlechterrollen, zum Teil mit geometrischen Mustern überlagert, in grobem Schwarz-Weiß. Dann gibt es noch die Arbeit „Transformer Cyan Solarisation“ (1973/74).

Heute arbeitet sie immer noch mit herkömmlicher Fototechnik, setzt aber auch Digitalfotografie ein. Zwei wandgroße „Visual Studies“ (2002) überlagern mehrere Motive, so dass der Betrachter vor einem kaum mehr lesbaren Palimpsest steht. In einer Arbeit hat sie die monumentalen Buddha-Statuen, die die Taliban in Afghanistan sprengten, überlagert mit einer US-Drohne. Man muss schon sehr lange hinschauen, um das zu identifizieren. Es ist vielleicht eine Technik, durch Zeigen zu verschlüsseln.

Die „Übel der Archive“, die im Titel anklingen, beziehen sich auf einen Essay von Derrida. Sieverding aber denkt das weiter, in die heutige Zeit hinein, in der die Daten der Archive als Machtmittel missbraucht werden können. Darum zeigt sie als skulpturale Arbeit noch ein Archiv: „ORWO“-Schachteln, jenes preiswerten Fotopapaiers, das in der DDR fabriziert wurde. Die nutzt sie, um Material aufzubewahren, das ihr wichtig erscheint, Zeitungsartikel und Anderes. Als stumme Herausforderung steht der Papierturm nun im Raum.

Bis 12.9., di – fr 10 – 18, sa, so 11 – 18 Uhr,

Tel. 0211/ 83 81 204, www.kunstsammlung.de,

Katalog, Distanz Verlag, Berlin, 38 Euro

Quelle: wa.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare