Die Kunstsammlung NRW in Düsseldorf zeigt Arbeiten von Günther Uecker

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Günther Uecker spielt auch mal mit seiner Kunst – hier posiert er in der Kunstsammlung NRW in Düsseldorf mit einem Objekt aus seinem „Terrororchester“.

Von Ralf Stiftel DÜSSELDORF - Für einen Spaß ist Günther Uecker immer zu haben. Er stellt sich unter die Metalldolche der hochmontierten Schreibmaschine aus seinem „Terrororchester“, als wollte er sich das Hirn nageln lassen. Überhaupt: Dieses Terrororchester mit dem Kreischfass, der Windfalle, der Peitschentrommel, die durch Fußtritt auf einen der 24 roten Knöpfe aktiviert werden. Da erklärt sich der Titel des Instrumentariums in der Kunstsammlung NRW von selbst.

Erstmals überhaupt hat Uecker eine Museumsausstellung in der Stadt, an deren Kunstakademie er mehr als 20 Jahre lang lehrte. In seiner „Werkstadt“. Rund 60 Arbeiten aus 50 Jahren sind in zwei Hallen ausgestellt. Der Besucher bekommt einen guten Eindruck von Ueckers vielseitigem Schaffen. Aber eine Retrospektive ist nicht angestrebt. „Unmöglich“ sei das, postuliert Uecker, seine Ausstellung in Moskau umfasste 800 Werke und selbst da hätten noch Lücken geklafft.

In der Kunstsammlung bieten Direktorin Marion Ackermann und Stefanie Jansen gleichwohl einen Querschnitt, der Ueckers Vielseitigkeit unterstreicht. Natürlich gibt es mehr als ein Dutzend „Nagelfelder“. Schnell reduziert man den 1930 in Pommern geborenen Künstler auf das Thema. Seit den 1960er Jahren benagelte er, was ihm unter die Finger kam. Radios, Fernseher, Möbel. Die Nagelfelder stehen zwischen Bild und Skulptur. Man sieht sie aus der Distanz als Fläche, auf der die Nägel eine Art Schraffur zeichnen. Aber die Nägel greifen in den Raum aus, wirken mal wie ein Gräserfeld im Wind, mal wie eine Wolke am Himmel. Sie werfen Schatten, sie geben der Fläche einen Rhythmus, und immer wirken diese Arbeiten transparent. Und es verblüfft immer wieder zu sehen, dass ein so aggressiver Akt wie das Einschlagen von Nägeln so fragile, empfindsame Bilder hervorbringt.

Das Diptychon „Sturz“ (1991) kombiniert Nagelei und Malerei, auf den zusammen drei Meter breiten Tafeln gibt Uecker dem Relief mit kräftigen Pinselschlägen zusätzliche Dynamik.

Der Künstler hatte zuerst in der DDR studiert, bis er 1953 in den Westen floh, nach Düsseldorf. Wesentliche Inspirationsquellen seiner Kunst sind Kandinsky (dessen Aufsatztitel „Über das Geistige in der Kunst“ Uecker noch immer anführt, um die eigene Arbeit zu erläutern) und die internationale Nachkriegsavantgarde. Eins der frühesten Nagelfelder ist „Hommage an Yves Klein“ (1962) betitelt. Noch nie zuvor war es öffentlich ausgestellt. Und in einem Kabinett sieht man auch „Das rote Bild I“ (1957), ein kleines monochromes Gemälde ganz nach dem Vorbild des französischen Künstlers.

Die Schau bietet Hauptwerke Ueckers in großzügigen Inszenierungen in der großen Halle und an den Wänden der anderen. Und in einer eingebauten Holzarchitektur bieten vier Kabinette eine Mischung aus Dokumentation und kleineren Arbeiten, thematisch sortiert. Hier erfährt man von seinen Aktionen, zum Beispiel wie er mit Gerhard Richter die Kunsthalle Baden-Baden besetzte. Oder wie er auf den Boden vor einer Düsseldorfer Galerie einen weißen Kreis malte, und die Passanten trugen mit der feuchten Farbe, mit den Fußstapfen seine malerische Energie durch die Altstadt.

Schon sehr früh, unterstreicht Marion Ackermann, habe Uecker internationale Wirkung entfaltet. Er stellte in Havanna, Teheran, Moskau aus, an Orten, die nicht unbedingt für Freiheit stehen. Und er verbog sich nicht und verbarg nichts. Für China schuf er den „Brief an Peking“ (1994): Auf meterhohe Stoffbahnen übertrug er die Erklärung der Menschenrechte, überarbeitete das mit schwarzer Farbe, so dass eine Art kalligrafisches Muster entstand. 1995 verboten die Behörden die Ausstellung. 2007 aber wurde der Brief gezeigt, im Chinesischen Nationalmuseum. Uecker deutet es als Zeichen des Wandels. In Düsseldorf wehen die Fahnen im Luftzug der großen Halle vor einer Wand, auf die Uecker eine andere wichtige Arbeit präsentiert: die Verletzungswörter. Seit 1992 malt er das Vokabular der Aggression auf, wunderschöne Kalligrafien, die davon zeugen, was Menschen anderen Menschen antun. In arabischer, chinesischer, lateinischer Schrift. Klein unten links steht die Übersetzung: brechen, schleifen, zersplittern. Es ist die Sprache des Alten Testaments, bis auf „vergasen“ und „aufklatschen“. Die Arbeiten zeugen von der Bedeutung, die Uecker der Sprache beimisst. Viele seiner Werke setzen Texte ein. Obwohl er auch die Skepsis kennt. In Düsseldorf sagt er zu den Journalisten: „Wo die Sprache versagt, da beginnt das Bild.“ Ein Selbstzitat.

Und seine Kunst funktioniert auch ohne Worte. Man schaue nur der „Sandmühle“ (1970) zu, bei der Fäden meditative Kreise in ein sechs Meter durchmessendes Sandfeld ziehen. Eine Meditation, die ihren Sinn in sich trägt, eine Zen-Maschine über die Klarheit der reinen Form.

Bis 10.5., di – fr 10 – 18, sa, so 11 – 18 Uhr,

Tel. 0211/ 83 81 204; www.kunstsammlung.de

Katalog in Vorbereitung

Quelle: wa.de

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