Die Kunstsammlung NRW in Düsseldorf entdeckt das Literarische bei Joan Miró

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Die Schrift bekommt eine malerische Qualität: Joan Mirós „Peinture Poeme (Une étoile caresse le sein d’une négresse)“ (1938) kommt aus der Londoner Tate Gallery nach Düsseldorf.

Von Ralf Stiftel DÜSSELDORF - „Peinture-poème“ nannte Joan Miró viele seiner Bilder, „Bild-Gedicht“. Zum Beispiel diese Komposition aus den roten und gelben Farbfeldern auf schwarzem Grund, wo sich in zarten weißen Strichen ein Gesicht, ein Arm und eine Leiter andeuten. Da schrieb der spanische Maler im April 1938 gleich eine Zeile hinein: „Une étoile caresse le sein d’une négresse“, ein Stern liebkost die Brust einer Negerin.

Miró (1893–1983) gehört zu den Publikumslieblingen der Kunstwelt. Und viele Ausstellungen trugen schon das Attribut „poetisch“ im Titel, sagt Marion Ackermann, Direktorin der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen. Doch noch nie zuvor gab es eine Schau, die Mirós Verhältnis zur Dichtung zum Thema gemacht hätte. Im K20 geschieht nun genau das. Unter dem Titel „Miró. Malerei als Poesie“ wird mit rund 110 Gemälden, Zeichnungen und Malerbüchern aus allen Schaffensphasen eine Werkschau präsentiert, die das Literarische in Mirós Kunst herausarbeitet.

Berührungspunkte gibt es genug. Der Künstler, dessen Familie ein Geschäft für Goldschmiedekunst in Barcelona betrieb, war zeitlebens ein begeisterter Leser. In die Ausstellung ist seine Bibliothek integriert, zum einen originale Objekte wie Fundstücke aus der Natur und Volkskunst, mit der er den Salon geschmückt hatte. Zum anderen Bücher. Damit der Ausstellungsbesucher auf Mirós Spuren schmökern kann, haben die Ausstellungsmacher sich Werke, die dort im Regal standen, antiquarisch in deutschen Ausgaben besorgt. So kann man Bücher über Kunsttheorie durchblättern, Goethe, Freud, aber auch die Krimis von Edgar Wallace.

Ab 1920 reiste Miró regelmäßig nach Paris. Er suchte dort den Kontakt zu seinem Landsmann Picasso, den er bewunderte. Aber in der Rue Blomet, wo er wohnte, lebten vor allem die Vertreter der literarischen Avantgarde. Er freundete sich an mit Tristan Tzara, Antonin Artaud, Michel Leiris, Paul Éluard, André Breton an. Und seine Kunst verstand er immer mehr als eine andere Form der Dichtung – in Bildern. Im Lauf seines Lebens schuf Miró mehr als 250 Malerbücher, viele davon mit seinen Dichterfreunden, aber er bebilderte zum Beispiel auch einen Text von Franz von Assisi. Eine ganze Reihe dieser Bücher sind in Düsseldorf ausgestellt. Es sind oft mehr als einfach nur Bücher mit Bildern. Miró gestaltete die Bände zu Kunstobjekten, setzte unterschiedliche Techniken ein, er wollte Bücher gestalten, die „alle Würde einer in Marmor gemeißelten Skulptur“ hatten, wie er sagte. zu Paul Éluards „À toute épreuve“ schuf er Holzschnitte, für die er das Material in den Wäldern suchte, aber auch Sperrholzabfälle aus der Fabrik seines Schwagers verwandte. Schaut man auf die Seiten, sieht man feinste Farbnuancen und Holz-Maserungen.

Aber auch seine Malerei ist durchtränkt von Literatur. Seine „Peinture-poèmes“ zum Beispiel setzen die Schrift als Bildelement ein. In ein braungrundiges Bild von 1925 schreibt er „Étoiles en des sexes d’escargots“ (Sterne in Schnecken-Geschlechtern), und verleiht dem weitgehend abstrakten Werk eine hintergründige Spannung. Er bewies oft auch Humor, seine „spanische Tänzerin“ (1924) ruft ein „Olé“ mit fünf e. Und schon eins der frühesten Werke, das Stillleben „Le cheval, la pipe et la fleur rouge“ (1920, Das Pferd, die Pfeife und die rote Blume), zeigt an zentraler Stelle einen von Picasso illustrierten Gedichtband Jean Cocteaus.

Miró ist vor allem auch deshalb so populär, weil viele Kunstfreunde die surrealen Schöpfungen einfach als heiter-naive Drolligkeiten genießen. Die Düsseldorfer Ausstellung unterstreicht, dass der Maler sehr viel bewusster, ja intellektueller arbeitete. Wie bekannt ist denn, dass er 1925 ein „Gemälde“ schuf, das monochrom blau ist – Jahrzehnte vor Yves Klein? In den chronologisch gehängten Kapiteln erfährt man zudem, wie sehr er auf die Zeitläufte reagierte. Als Franco 1936 in Spanien putschte, floh Miró nach Frankreich. Er schuf – wie Picasso – ein Bild für den spanischen Pavillon bei der Weltausstellung. Und seine Bilder verdunkelten sich, wurden roher. Er arbeitete mit Sand und Teer. Keine Zeit für zarte Poesie.

Natürlich findet man die fein gestrichelten Fantasiewesen in Düsseldorf, zum Beispiel die Sternbilder wie „Femmes et oiseaux dans la nuit“ (1945, Frauen und Vögel in der Nacht), im Gegensatz zum Titel ein weißgrundiges, leichtes Bild. Doch anders als seine Epigonen wird er nicht harmlos. Bei der Frau im Bild betont er die Vagina.

Und man sieht das Spätwerk, mit dem Miró auf seine Art rebelliert, malend. Als um 1968 die Studenten revoltieren, da solidarisiert sich der Künstler mit ihnen. Und seine Bilder können schroff sein. Das „Gemälde“ vom 4. November 1966 ist ein wütend hingefetzter schwarzer Block, aus dem Farbfäden nach unten laufen. In manche Bilder setzt er einfach seine Handabdrücke, er spritzt Farbe auf die Leinwand, dass es wie Explosionen aussieht.

Ein „Gemälde“ (vor 1973) ist eine Absage an alle Gefälligkeit. Fette Linien, dazwischen ein Gekritzel fast wie von Cy Twombly, wieder kleine schwarze Felder, als habe er den Pinsel auf die Leinwand geschlagen. Wer denkt, er kenne sich mit Miró aus, kann sich in Düsseldorf eines Besseren belehren lassen.

Eröffnung heute, 19 Uhr, bis 27.9., di – fr 10 – 18, sa, so 11 – 18 Uhr, Tel. 0211/ 83 81 204, www.kunstsammlung.de

Katalog, Hirmer Verlag, München, 29,90 Euro

Quelle: wa.de

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