Der Kunstpalast in Düsseldorf zeigt „Verrückt nach Angelika Kauffmann“

Als starke, kreative Frau zeigt Angelika Kauffmann in ihrem Gemälde von 1794 die Stegreifvirtuosin Teresa Bandettini-Landucci als Muse. Fotos: Kunstpalast

Düsseldorf – Mitten in der Bewegung hat Angelika Kauffmann die Stegreifvirtuosin Teresa Bandettini Landucci erfasst. Die Arme gestikulieren dramatisch. Die Künstlerin scheint auf den Betrachter zuzuschreiten. Der Efeubekränzte Lockenkopf, das wallende Gewand weisen auf die Antike. Die Bandettini war Ende des 18. Jahrhunderts eine Starperformerin in Rom. Und Kauffmann war 1794, als sie das historisierende Porträt schuf, eine europaweit gefeierte Malerin.

Man kann nicht sagen, dass sie vergessen wurde. Trotzdem wurde diese beispiellose Karriere längst noch nicht erschöpfend gewürdigt. Nun zeigt der Kunstpalast in Düsseldorf die große Übersichtsausstellung „Verrückt nach Angelika Kauffmann“. In der Kooperation mit der Royal Academy of Arts in London werden nicht nur internationale Leihgaben gezeigt, sondern auch die neuesten Forschungsergebnisse vorgestellt.

Angelika Kauffmann, geboren 1741 im schweizerischen Chur, gestorben 1807 in Rom, wurde vom Schriftsteller Johann Gottfried Herder als „vielleicht kultivierteste Frau in Europa“ bezeichnet. Sie durchbrach viele der Grenzen, die auch im Zeitalter der Aufklärung noch für Frauen bestanden. Ihr Vater war Hofmaler, ihre Mutter Hebamme. Angelika erhielt eine vielseitige Ausbildung, beherrschte früh fünf Sprachen und wurde vom Vater an Fürstenhöfen in Norditalienals Wunderkind präsentiert.

Das Mädchen war nicht nur als Malerin begabt, wie ihr 1753 entstandenes Selbstporträt zeigt. Darauf stellt sie sich im Rokokokleid mit einem Notenblatt dar: Sie war auch eine talentierte Sängerin. Erst nach dem Tod der Mutter 1757 entscheidet sie sich gegen eine Musikkarriere. Sie thematisiert die schwere Wahl im „Selbstbildnis am Scheideweg zwischen Musik und Malerei“ (1791/92), wo sie zwar der Sangesmuse die Hand reicht, aber sich der unternehmungslustig in die Ferne weisenden Allegorie der Kunst zuwendet. Sie modernisiert in diesem Gemälde das antike Motiv von Herkules, der sich zwischen Tugend und Laster entscheiden muss. Aus dem Bild spricht Selbstbewusstsein.

Frauen waren nicht an Akademien zugelassen. In Florenz durfte Angelika Kauffmann nicht einmal im selben Raum wie ihre männlichen Kollegen arbeiten. Sie bildete sich als Autodidaktin aus, engagierte 1763 in Rom sogar männliche Modelle für Aktstudien, was einen Skandal provozierte.

Gleichzeitig knüpfte sie erfolgreich Kontakte, insbesondere zum englische Adel. In jener Frühzeit führte die „Grand Tour“ britische Reisende nach Italien. Und dort porträtierte Kauffmann sie. Als sie 1766 in London ein Atelier eröffnet, helfen ihr diese Verbindungen. Spätestens, nachdem die Mutter von König George III. bei ihr ein Bildnis ihrer Tochter bestellt hatte, gehörte es zum guten Ton, sich von der Künstlerin porträtieren zu lassen.

1768 war sie Gründungsmitglied der Royal Academy of Arts. 1778 erhielt sie den ehrenhaften Auftrag, den Vortragsraum der Academy mit vier Deckengemälden zu schmücken. Sie schuf gleichsam ein Programm der Malkunst mit den Allegorien von Erfindung, Zeichnung, Komposition und Farbe. In Düsseldorf sind vier Ölskizzen aus dem Victoria and Albert Museum in London zu sehen. Gänzlich gleichgestellt war Kauffmann allerdings nicht: An Mitgliederversammlungen durfte sie nicht teilnehmen, ihre Stimme konnte sie nur schriftlich abgeben. Insgesamt war Angelika Kauffmann Mitglied in fünf Akademien. Auch das verdeutlicht ihren Ausnahmestatus.

Sie war gut im Geschäft. Sie hatte ihr Atelier bestens organisiert. Unter anderem bereiteten ihr Vater und ihr Ehemann, der venezianische Maler Antonio Zucchi, für sie die Leinwände vor und stellten für solche Zuarbeiten die eigene Karriere zurück. Sie arbeitete mit standardisierten Formaten. Nur durch die perfekte Organsiation konnte sie die Flut an Aufträgen bewältigen.

Sie erwies sich dabei auch als stilprägende und innovative Künstlerin. So porträtierte sie die Admiralstochter Martha Cocks und Mary Lennox, die Duchess of Richmond, nicht in formeller Kleidung mit einengendem Korsett, sondern in türkischen Gewändern. Damit vermittelte sie ein neues Körpergefühl: Erstmals durften Frauen sich in Hosen zeigen.

Auch in ihren Historienbildern setzte sie neue Akzente: Frauen wurden zu Heldinnen. Sie malte Kleopatra, die das Grab des Marcus Antonius schmückt (um 1769/70), und rückte damit nicht den historischen Helden, sondern die Trauer der Zurückgebliebenen in den Fokus. Das Sublime, die tiefe Empfindung bekam bei ihr einen Ausdruck.

Für solche Ideale steht auch ihr Bild der Cornelia, Mutter der Gracchen (1785), die der mit Geschmeide protzenden Nachbarin ihre Kinder als ihren schönsten Schmuck präsentiert. Oder die später in Rom entstandenen Bildnisse von Frauen als Musen. Kauffmanns Salon war ein Treffpunkt für Sängerinnen, Dichterinnen, Schauspielerinnen. Das Weibliche bekam in ihren Bildern einen bis dahin ungekannten Stellenwert.

Kauffmann verkehrte eben mit Künstlern und Intellektuellen auf Augenhöhe. Sie porträtierte schon 1764 den Gelehrten Johann Joachim Winckelmann. Auch da verzichtet sie auf Inszenierung, sie zeigt den Altertumsforscher in bequemer Kleidung und setzt den Akzent auf seine Denkarbeit. Das Bild wurde massenhaft reproduziert und gehört zu den bekanntesten Werken der Malerin.

Sie prägte aber auch ein neues Männerbild, das des Empfindsamen, der auch Gefühle zeigen darf. Ihr Bild des trauernden Telemach mit Mentor auf der Insel der Kalypso (1788). Hier ist der Held kein tatendurstiger Muskelprotz, sondern ein Melancholiker, der durch Entsagung der Lockung der Göttin widersteht. Bei Kauffmann darf der Mann sogar weinen.

Ähnlich eigenwillig ist ihr Bild „Ganymed, den Adler des Zeus tränkend“ (1793). Der trojanische Königssohn wurde in der Mythologie von Zeus entführt, der ihn wegen seiner Schönheit liebte. In manchen Varianten der Geschichte verwandelt sich Zeus in einen Adler. Im Barock ergab das dramatische Luftszenen. Bei Kauffmann sitzen der Raubvogel und der nackte, sehr androgyne Jüngling einträchtig beisammen. Das Bild deutet subtil das homoerotische Verhältnis an.

Bis 24.5., di – so 11 – 18, di bis 21 Uhr,

Tel. 0211 / 566 42 100, www.kunstpalast.de

Katalog, Hirmer Verlag, München, 39,80 Euro

Quelle: wa.de

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