Kunstmuseum Ahlen zeigt Malerei der Gegenwart und der klassischen Moderne

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Was wächst denn da? Christina Paetschs Bild „Annäherung“, zu sehen in Ahlen. ▪

▪ AHLEN–Der Baumstumpf wirkt gemartert. Rostige Nägel ragen heraus, Drähte und Seile schlingen sich um die Rinde. Die Serie „Flut“ (2010) von Stefan Fahrnländer wirkt wie ein klassisches Ölgemälde, ist aber am Computer entstanden. Von Marion Gay

Das Kunstmuseum Ahlen zeigt in einer umfangreichen und spannenden Doppelausstellung das Malerische in der Kunst heute und vor 100 Jahren. Die Ausstellungen „Treffpunkt und Topos: Schloss Dilborn 1911 – 1931“ und „wie gemalt. Bildner im 21. Jahrhundert“ ermöglichen einen direkten Vergleich malerischer Positionen, die zu ihrer Zeit avantgardistische Wege der Bildfindung beschreiten.

Das Künstlerehepaar Heinrich Nauen und Marie von Malachowski zog 1911 von Berlin ins Schloss Dilborn an den Niederrhein. Dort, in der stillen und idyllischen Landschaft, trafen sich bald Künstler und Sammler aus dem Umkreis des Rheinländischen Expressionismus, unter anderem August und Elisabeth Macke, Franz und Maria Marc, Erich Heckel und Edwin Suermondt. Vor allem der Schlosspark und -garten mit seinen üppigen Blumenbeeten wurden zum Motivschatz der expressionistischen Malerei. Nach Stationen im August Macke Haus Bonn und in der Städtischen Galerie Viersen sind in Ahlen großformatige Werke zu sehen, die Nauen (1880–1940) während der Dilborner Zeit als Auftragsarbeiten schuf. Zum Beispiel „Garten mit Fischstillleben“ (1927), entstanden für ein Hotel: Fische liegen auf einem Tisch, umgeben von urwüchsiger Landschaft mit knorrigen Bäumen. Beeindruckend auch das farbintensive „Der Besuch – Interieur“ (1913), das eine Gruppe von Frauen vor einer Blumentapete zeigt, mit einem japanischen Gemälde. Mit seiner Flächigkeit, den wilden Mustern und karikierten Gesichtern ein für die damalige Zeit unglaublich modernes Bild.

Auch Marie von Malachowski (1880–1943), die zeitlebens im Schatten ihres Mannes stand, schuf beeindruckend kraftvolle Werke wie „Kleines Mädchen in blauer Schürze“ (1928). Unsicher spielt das Mädchen mit den Fingern, das Gesicht zeigt Unbehagen. Rosa Bluse, blaue Schürze und der rote Stuhl leuchten vor dem schwarzen Hintergrund. Präsentiert werden auch Arbeiten von Künstlerfreunden, so Erich Heckels Holzschnitt „Park in Dilborn“ (1914), auf dem die Bäume wie geheimnisvolle Burgtürme aussehen.

Die Themen Landschaft, Stillleben und Interieur sind heute noch genauso aktuell wie vor hundert Jahren, wie die Arbeiten der sieben zeitgenössischen Künstler verdeutlichen. Die Ausstellung, die vom Künstlerpaar Christina Paetsch und Stefan Fahrnländer kuratiert wurde, vereint computergenerierte Bilder, Fotografien, Videos und Installationen, die verblüffend malerisch wirken. Zum Beispiel das großformatige Landschaftsbild „Unsichtbare Gegenwart“ (2009) des 1950 geborenen Gerhard Mantz. Idyllisch breitet sich der Seerosenteich aus, filigran und lichtdurchflutet ragt der Bambuswald auf. Leinwand und Keilrahmen suggerieren ein gemaltes Bild, nach Pinselstrichen sucht man vergebens – die Traumlandschaft stammt aus dem Computer.

Ähnlich irritierend die Bilder von Christina Paetsch, geboren 1963. Auf der Fotografie „Die Annäherung“ (2009) wächst neben einer Pflanze eine gelbe Hühnerkralle aus dem Boden. Wunderschön die panzerartigen Strukturen, einzelne Haare, die gebogenen, glänzenden Krallen.

Immer mischt sich Unbekanntes unter das Vertraute, die Grenzen zwischen Realität und Fiktion lösen sich raffiniert auf und verwirren unsere Sehgewohnheiten. Besonders beeindruckend geschieht das in den Werken der 1971 geborenen Susanne Kutter. Ihr Film „Trilogie der Illusion“ (2010) zeigt eine verlassene und heruntergekommene Küche, in der eine riesige Schabe an der Wand empor klettert. Das Modell daneben verrät die Täuschung: der Raum ist in Wirklichkeit ein kleiner Pappkarton.

Bis 3.6., di, mi, fr 14 – 18, do 14 – 20, sa, so 11 – 18 Uhr;

Tel. 02382/ 91830

http://www.kunstmuseum-ahlen.de

Katalog 37,90 Euro

Quelle: wa.de

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