Kunstmuseum Ahlen erinnert an Eduard Micus

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Eduard Micus‘ großformatiges Bild „Fiesta“ (1986), zu sehen im Kunstmuseum Ahlen. ▪

Von Achim Lettmann ▪ AHLEN–In den großen westfälischen Sammlungen fehlen die Bilder von Eduard Micus. „Er ist vergessen worden“, sagte Burkhard Leismann und nimmt sich davon nicht aus.

Ab Sonntag aber kann der Direktor des Kunstmuseums Ahlen in der Ausstellung „Eduard Micus. Retrospektive“ einen westfälischen Künstler vorstellen, der bereits Anfang der 50er Jahre zu einem Bildkonzept gefunden hat, das ihn zu einem der wichtigsten deutschen Vertreter dieser Zeit macht. Micus (1925–2000) teilte das Bild in zwei Hälften und führte es auf seine konstruktiven Parameter zurück: den Bildgrund machte er zur haptischen Fläche; den Forminhalt verschob er an den Bildrand, und die Teilung wird zum einfachen wie programmatischen Strukurelement. Hinzu kommt, dass Micus die informelle Kunst als Strömung seiner Zeit mit diesem Konstruktivismus verbunden hat. Dabei dominiert nicht das Gedankliche der Abstraktion oder das ordnende Kalkül der Bildhälften. Ein wenig mehr wirken die nuancierte Bearbeitung reduzierter Farbspektren und der feine Umgang mit Materialien wie Papier und Stoff. Das Bild „Fiesta“ (1986, Acryl/Papier auf Leinwand) gibt einen Eindruck. Andere Arbeiten wie „un dos tres“ (1989) belegen, dass Micus den Bildraum auch immer wieder spielerisch auslotete.

Wie reich das Werk Eduard Micus‘ ist, wird in der Ahlener Retrospektive spürbar. Über 100 Arbeiten von den 40er bis in die 90er Jahre sind im Kunstmuseum zu sehen. Es ist eine Ausstellung, die sensibilisiert, die einen empfindsam macht für das Grundsätzliche in der Kunst und darüber hin-aus.

1925 in Höxter geboren, ging Micus 1948 nach Stuttgart und studierte bei Willi Baumeister. Bis dahin hatte der junge Maler impressionistisch wie expressiv gearbeitet, um die Vorgänger zu erproben. Die Gemälde „Weg zur Hütte“ und „Blumen“ (beide 1946) sind in Ahlen zu sehen. Der Einfluss Baumeisters führt dazu, dass Micus die informelle Formensprache versucht. Als Pastelltöne füllen Türkis, Beige und Lila geometrische Formen, die mit leichtem Strich verbunden sind. Das kleine Bild „o.T.“ (1949) belegt, wie grafisch und ausgewogen Micus gearbeitet hat. Ein Querformat von 1950, wieder ohne Titel, demonstriert, dass leichte offene Formgebilde auch von Micus gestaffelt und vereint komponiert wurden, ohne wirklich verbunden zu sein. Solche sphärischen Welten, die von Willi Baumeister inspiriert sind, blieben Studierobjekte auf dem Weg zu seinen „Kontrastkompositionen“. Nach den rahmenlosen und objekthaften Bildern von 1952 ging Micus mit einer Arbeit von 1956 („o.T.“, Holz) noch einen Schritt weiter und schuf ein konstruktives Materialbild. Nur Herbert Zangs in Krefeld habe mit ähnlichen Bildparametern gearbeitet, sagte Burkhard Leismann. Anfang der 50er Jahre befassten sich Ellsworth Kelly und Francois Morrelet mit solchen Bildfindungen. Noch vor Pierro Manzoni und Günther Uecker (1957/58) sowie Robert Ryman (ab 1960) setzte sich Eduard Micus mit der Farbe Weiß auseinander. Seine Bilder wurden in wichtigen Gruppenpräsentationen in Recklinghausen („junger westen“) und Bern („Weiß auf Weiß“) ausgestellt.

Micus arbeitete beruflich als Layouter und Designer in der Verlags- und Zeitschriftenbranche. Er war verheiratet und hatte zwei Kinder. Ab 1962 entstanden die „Coudragen“, die auf eine Idee seiner Frau zurückgehen (coudre, französisch für nähen). Micus vernähte zwei Leinwände und variierte somit einmal mehr die Bildteilung. Er schloss sich der Gruppe Syn (1965–70) an. Erwin Bechtold, Bernd Berner, Rolf-Gunter Dienst und Klaus Jürgen-Fischer wandten sich gegen die Dominanz der Popart.

1972 ging Eduard Micus nach Ibiza, auch um dem Kunstbetrieb zu entgehen. Neben einer alten Finca ließ er 1987–99 einen Schauraum bauen, der einheimische Architekturprinzipien mit dem Bauhaus, der Schule für Gestaltung, verband. Auf der „weißen Insel“ findet er eine Einheit von „Maß und Sinn“, von „Form und Inhalt“. Die alten Ibizenker wurden ihm zum Leitbild. Sie bauten Häuser aus Steinen, die sie auf den Feldern fanden. Micus suchte und fand. Er griff zu Sperrholzbrettern, die er mit gebrochenem Weiß bemalte, durchlöcherte und die Spuren der Struktur bearbeitete, sie letztlich sinnlich machte.

Vor allem in der Eingangshalle des Kunstmuseum Ahlen sind klein- und großformatigen Materialbilder zu sehen, die die stille Wucht von Micus‘ Kunst wunderbar ausdrücken. Seine Bilder sensibilisieren für etwas, das fehlt.

Eduard Micus. Retrospektive im Kunstmuseum Ahlen.

Eröffnung, Sonntag, 24. Februar, um 11 Uhr. Die Tochter des Künstlers, Katja Micus, ist anwesend. Bis 5. Mai; mi – fr 14 bis 18 Uhr, sa/so 11 bis 18 Uhr; Tel. 02382 / 91 830

http://www.kunstmuseum-ahlen.de

Katalog, Wienand Verlag, Köln, 26 Euro.

Quelle: wa.de

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