Kunsthalle Münster zeigt Diango Hernández

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Vorbild (vorne) und Abbild: Diango Hernández hat ein DDR-Puppenhaus der 1970er Jahre in Münsters Kunsthalle gestellt und ein Modell dazugebaut – zehnmal so groß.

Münster - Die Halle wirksehr weiß, fast leer. An der Wand eine Serie aus sieben Bildern, darauf immer dieselbe Linienzeichnung, in sieben verschiedenen Größen. Sie zeigt eine unregelmäßige Eiform, mit einem Bündel Linien darunter.

Die Serie gehört zur Ausstellung „Eugene“ in der Kunsthalle Münster. Präsentiert werden sieben aktuelle Arbeiten, darunter Bilder, Installationen und ein Video, des in Düsseldorf lebenden Künstlers Diango Hernández.

Kernstück der sehr offenen, assoziativen Schau ist das Puppenhaus, das Hernández auf dem Trödelmarkt entdeckte. Hergestellt wurde es in den 70er Jahren in der DDR, ein etwas trostloses Modell im Steckbausystem mit weißen Stellwänden und rotem Pultdach. Hernández hätte es nie gekauft, wäre da nicht die eiförmige Kritzelzeichnung an der Wand gewesen.

Das Zeichen lässt sich lesen als das Aufbegehren eines Kindes gegen die traurige Schlichtheit des Sozialismus. Gleichzeitig hat es etwas Archaisches, es erinnert an Höhlenzeichnungen. Außerdem entspricht diese Form der Bewegung der Hand auf dem Mousepad (thematisiert in der Collage aus Pad, Fotografie und Zeichnung).

Hernández übertrug die Maße des Puppenhauses 1:10 auf das Architekturmodell, das dem kleinen nun als übergroßer Zwilling gegenübersteht. Das Kleine als Projektionsfläche für kindliche Fantasien, das andere könnte man sich als funktionales Ferienhaus in reizvoller Landschaft vorstellen, als Traumvorstellung eines Reisenden.

Hernández wurde 1970 auf Kuba geboren. Seit 2003 lebt er in Deutschland, kehrt aber regelmäßig in die alte Heimat zurück. „Meine Vorstellung von Kuba scheint mir inzwischen umfassender und intensiver als meine tatsächlichen Erinnerungen. Das Kuba meiner künstlerischen Arbeiten ist eine Erfindung, eine poetische Wirklichkeit“, sagt er.

Im dem Zusammenhang ist auch der Titel der Ausstellung zu sehen. Der altmodische, vornehm klingende Name „Eugene“ lässt an einen Poeten oder Forscher aus dem 19. Jahrhundert denken. Da Hernández permanent mit Fiktionen und falschen Identitäten spielt, legt er Fährten aus, die auf einen gewissen Eugene von Gundlach verweisen, einem deutschen Dokumentarfilmer, der in den 70er Jahren sozialistische Länder bereiste, um Natur und Geopolitik zu erforschen. An der Wand hängt eine seine Filmdosen, einer seiner Filme ist zu sehen.

Allerdings ist Gundlach erfunden. Hernández nutzt ihn als eine Art Avatar zur Auseinandersetzung mit den Themen „Heimat“ und „Reisen“ – zwei Gegensätze, die zusammengehören, sich beeinflussen und im anderen spiegeln. So zeigt der Film ein Bambusgewächs, das Gundlach angeblich in einem Zoo auf Kuba entdeckte. Hernández erklärt, wie er selbst danach suchte, beinah aufgab, es schließlich im Gehege des Gorillas sah und so herausfand, dass der Film die Perspektive des Tieres zeigt.

Hernández ist eben ein Geschichtenerzähler, der in seinen Werken Fragen nach Perspektiven stellt. So auch in der Plexiglasscheiben-Arbeit: Auf der einen Seite ist ein Legostein, auf der anderen Seite ein in der DDR hergestellter „Formo“-Stein. Beide sind sich sehr ähnlich, jedoch nicht kompatibel. Jeder steht für ein anderes System, für eine eigene Welt.

Marion Gay

Bis 6. September; di-fr 14 bis 19 Uhr, sa/so 12 bis 18 Uhr;

Tel. 0251/ 4924100;

www.kunsthalle.muenster.de

Quelle: wa.de

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