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Mikolaj Sobczak stellt sein malerisches Werk in der Kunsthalle Münster aus: „Leibeigene“

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Von: Achim Lettmann

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Aus der Serie „Metamorphosen“:  Mythologische Figuren Ovids werden mit Ereignissen aus der schwul-lesbischen Szene verbunden.
Aus der Serie „Metamorphosen“: Mythologische Figuren Ovids werden mit Ereignissen aus der schwul-lesbischen Szene verbunden. Hier das Werk „Diana und Actaeon“ (2021) in der Kunsthalle Münster. © volker renner

Die Historienbilder von Mikolaj Sobczak nehmen einen gefangen. Ihre Farbpracht ist in der Kunsthalle Münster in der Schau „Leibeigene“ zu sehen. Sobczak schreibt Geschichte neu.

Münster – Ein junger Mann nur im Slip ist auf den ersten Blick zu sehen. Er hält eine Hand schützend vor seinen Oberkörper. Alle anderen Figuren, die Mikolaj Sobczak in seinem Bild „Iconoclasts“ (2022) gemalt hat, sind Teil von historischen Darstellungen. Es sind Aktionsräume, die der polnische Künstler wie in einer Collage nebeneinander gesetzt hat. Weil Blickrichtungen gedreht sind, Massenszenen klein ausfallen und sich Illustrationen überlagern, macht Sobczak auch Deutungsräume auf. Was ist in der Kunsthalle Münster zu sehen?

„Leibeigene“ heißt die erste Einzelausstellung von Mikolaj Sobczak hierzulande. Das Bild „Iconoclasts“ thematisiert die Demontage von Denkmälern: Ikonen gehen in Flammen auf, Skulpturen werden fortgetragen, ein Bauarbeiter in Schutzmontur küsst ein Sinnbild Polens, das vom russlandtreuen Regime während des kalten Kriegs platziert wurde. Heute wird das sowjetische Erbe in Polen abgeräumt. Ein Transportband ist gelegt. Übergroß wird ein Stiefelschaft erkennbar. Das militärische Machtsymbol überragt Sobczaks Bilderwelt. Wie unangenehm dies dem verletztlich wirkenden Mann ist, lässt sich in seinem Gesicht lesen. Auch Verweise zur Geschichte der LGBTQI+-Bewegung sind Teil der Historienbilder.

Mikolaj Sobczak hinterfragt mit seinen malerischen Collagen unsere Geschichtsschreibung. „Leibeigene“, der Titel der Schau, gibt einen unübersehbaren Fingerzeig. Das sieben Meter breite Monumentalbild „Die Vision“ (2022) verbindet Schlüsselszenen. Im 16. Jahrhundert ordnete sich die Welt neu (Täuferreich in Münster, Bauernkriege). Der Kolonialismus entwickelt sich. Neben dem Sklavenmarkt in Konstantinopel werden Abgaben von Bauern eingetrieben, ein Gutsherr ist zu sehen und die französische Freiheitskämpferin Jeanne d‘Arc ragt hervor. Außerdem ist Preußenkönig Friedrich II. bei der Kartoffelernte zu sehen, zusammen mit seinem Jugendfreund Katte. Für Sobczak ist das Feudalsystem dieser Zeit ein Vorläufer des Kapitalismus und der Gig Ökonomie, die Arbeitende über digitale Plattformen ausnutzt. Es sind die Leibeigenen unserer Zeit. Er überträgt aus Gemälden von Scherrer, Krasnoselsky, Alan und Spitzweg das historische Personal für seinen Bilderfries. Sobczaks malerisches Vermögen macht neugierig. Was hier alles gemeint ist, wollen Merle Radtke, Direktorin der Kunsthalle, und Assistentin Constanze Venjakob noch in einer Publikation veröffentlichen.

In der Serie „Metamorphosen“ werden mythologische Figuren Ovids mit Ereignissen aus der schwul-lesbischen Szene verbunden. In dem Werk „Diana und Actaeon“ (2021) wird ein Jäger zu einer Hirschkuh verwandelt, weil er nackte Göttinnen beobachtet hatte. Aufgegriffen ist die „Spiegel-Affäre“ 1980 in Hamburg, als Schwule und Lesben über Spiegelvorrichtungen in öffentlichen Toiletten bespitzelt wurden. Als Schauspieler Corny Littmann diese Spiegel zerschlug, machten Medien die Strategie der Hamburger Polizei öffentlich. Alles ist auf einem Cut Out zu sehen, einer Stellwand in Form einer Faust. Sie erinnert außerdem an die Gruppe Homosexuelle Aktion Westberlin. Die Faust ist das Logo ihres Aktivismus. Sobczak, der sein Kunststudium in Münster 2019 abschlossen hat, verdichtet und erinnert.

Vor allem gibt es in „Leibeigene“ europäische Geschichte. Dass Polen nach dem 1. Weltkrieg ukrainische Gebiete unterwerfen wollte zum Beispiel. Sobczaks Werk bietet Entdeckungen – auch auf Videos –, die erstaunen.

Bis 22.1.2023; di – so 12 – 18 Uhr; Tel. 0251/6744 675; www.kunsthalle-

muenster.de

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