Kunsthalle Bielefeld zeigt „Picasso 1905 in Paris“

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Hellere Farben, ein freundlicherer Grundton: Picasso malte den „Jungen Mann aus Gósol“ 1906, das Bild (Aquarell/Gouache) kommt aus dem Göteborgs Kunstmuseum.

Von Ralf Stiftel ▪ BIELEFELD–Das Jahr 1905 war wohl für Pablo Ruiz Picasso ein glückliches Jahr. Er war jung, gerade 23 Jahre alt. Er hatte eine Geliebte, Fernande Olivier. Und er lebte endlich in der Hauptstadt der Künste, Paris. Er war arm, aber er hatte seine Vorbilder hinter sich gelassen, Toulouse-Lautrec zum Beispiel und dessen farbenfrohe Stimmungsbilder aus Nachtlokalen. Picasso widmete sich den Gauklern und dem Zirkus. Er schuf die heiteren Bilder seiner rosa Periode. In diese Welt führt die Kunsthalle Bielefeld mit der Ausstellung „Picasso 1905 in Paris“.

Es ist ein Abschiedsgeschenk des früheren Kunsthallenleiters Thomas Kellein an das Haus, das zwischen 1984 und 1993 mit vier spektakulären Picasso-Schauen deutschlandweit Interesse fand. Kellein, der zum Jahresbeginn zur Chinati Foundation in Texas gewechselt ist, kuratierte noch die fünfte Picasso-Ausstellung, die sich um zwei bedeutende Ankäufe für die Kunsthalle kristallisiert, einen bronzenen Gaukler-Kopf und die komplette Radierungsserie „Suite des Saltimbanques“. Da lag es nahe, jene frühe Phase zu beleuchten, in der das Genie noch seinen Weg suchte auf dem Montmartre, jenem Dorf am Rande von Paris. Es ist eins der teuersten Projekte der Kunsthalle, nur möglich durch vielfältige Förderung, so engagierte sich erstmals der Landschaftsverband Westfalen-Lippe und gab allein 500 000 Euro. Noch nie zuvor hat der Verband eine Kunstschau so unterstützt. Der Name Picasso zieht: Schon jetzt gibt es rekordverdächtig viele Anfragen nach Führungen.

Manchmal ist das Leben aber ungerecht. Vor eineinhalb Jahren begann Kellein mit der Arbeit – und als er Leihgaben anfragte, da bemerkte er, dass parallel zwei weitere Museen eine Schau über Picasso in Paris vorbereiteten, nicht irgendwelche Häuser, sondern das Van-Gogh-Museum in Amsterdam und das Museu Picasso in Barcelona. Deren große Schau (wir berichteten) läuft noch in der katalanischen Stadt bis Mitte Oktober. Nun war Picasso zwar ein überaus produktiver Künstler, aber Arbeiten aus jener Frühzeit sind nicht leicht zu bekommen. Kellein ist es gelungen, trotz der Konkurrenz durch die Schwergewichte noch eine interessante Schau zusammenzustellen, mit Leihgaben aus dem Metropolitan Museum in New York, dem Israel Museum in Jerusalem, der Londoner Tate Gallery und weiteren Häusern. Gleichwohl bietet Bielefeld das Kammerkonzert neben der Sinfonie der anderen Häuser. Ein sich kämmender Akt hängt zunächst nur als Reproduktion in Bielefeld, das Original ist in Barcelona. Am 16. Oktober endet dort die Picasso-Schau, dann kommt das Bild nach Westfalen.

Mehr als 100 Gemälde, Skulpturen, Papierarbeiten zeigen in der Nahaufnahme den suchenden Picasso im Übergang von den melancholischen Bildern der Blauen Periode über die Gauklerbilder bis zu Arbeiten, die den Kubismus schon anklingen lassen. Und wenn auch der Künstler noch nicht fertig war, so zeichnet sich doch schon das Genie in vielen Blättern ab. Mit welcher unbefangenen Frechheit zeichnet er 1902 sich und seine Geliebte nackt auf dem Lotterbett! Die Kunstgeschichte kennt er und schüttelt sie aus dem Ärmel, zum Beispiel in der Radierung des „kärglichen Mahls“ (1904) und in der Federzeichnung des urinierenden Knaben (1905), ein Motiv, das schon Callot und Rembrandt im Repertoire hatten. Wie frisch wirkt sein „Porträt eines jungen Mannes“ (1905), der mit den Stehhaaren aussieht wie ein Punker. Hinreißend das Gemälde „Frau im Hemd“, ein Porträt Fernandes, das in der Farbgebung die blaue Periode nachklingen lässt.

Besonders schmerzlich fehlt ein Gemälde, die große „Gauklerfamilie“ aus der National Gallery in Washington. Das Bild gehörte einst der westfälischen Schriftstellerin Hertha Koenig, die der Kunsthalle eine Reihe von Kunstwerken vermachte. Den Picasso aber verkaufte sie in der NS-Zeit aus Furcht, das Bild könne beschlagnahmt werden. Über den Handel gelangte es in die USA und darf heute die National Gallery nicht mehr verlassen. In Bielefeld ist eine Reproduktion in Originalgröße zu sehen, die den Verlust immerhin spürbar macht.

Manch andere Lücke füllt die Schau kreativ mit anderem Material. So sind Kunstwerke der Fauves zu sehen, von Matisse, Derain, Vlaminck, die 1905 noch die Speerspitze der Avantgarde bildeten, weitaus radikaler und freier als zu jener Zeit Picasso. Ein eigener Raum erinnert an den Symbolisten Pierre Puvis de Chavannes (1824-1898), dessen antikisierende Bilder mit ihrer reduzierten Farbigkeit und der Konzentration auf massiv aufgefasste Figuren Picasso stark beeinflussten. Fotos vom Montmartre stammen aus dem Jahr 1905, in Kabarettprogrammen und Zeitschriftenillustrationen wird die Epoche sichtbar. Und in einem kleinen Kino laufen Filme jener Zeit, darunter zwei, die der begeisterte Cineast Picasso sicher gesehen hat.

Bis 15. Januar 2012, di, do 11 – 18, mi, fr bis 21, sa, so 10 – 18 Uhr,

Tel. 0521/ 329 99 50 10, http://www.kunsthalle-bielefeld.de, Katalog 20 Euro, Hirmer Verlag, München.

Quelle: wa.de

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