Die Kunsthalle Bielefeld zeigt Kiki, Seton und Tony Smith

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Geometrische Versammlung: Tony Smiths Skulpturen-Ensemble „Wandering Rocks“ in der Kunsthalle Bielefeld. ▪

BIELEFELD–Eigentlich hat Tony Smith die „Wandering Rocks“ für eine Präsentation in der Natur geschaffen. Fünf Kristalle aus schwarzem Stahl, die beiden größten etwas über einen Meter hoch, die aussehen, als seien sie aus dem Himmel gefallen. In der Kunsthalle Bielefeld füllen sie einen Raum, dessen wandgroßes Fenster sich zum angrenzenden Park öffnet. Ein wenig Natur sieht der Betrachter also mit.

Und er nimmt auch die Bewegung wahr, die den Skulpturen innewohnt. Sie alle sind aus Dreiecksgebilden zusammengesetzt, neigen sich, scheinen in einer Art Tanz erstarrt, den sie jeden Moment wieder aufnehmen könnten. Smith hat die Skulpturen, von denen jede einen eigenen Namen trägt wie „Smohawk“ und „Crocus“, 1967 geschaffen und nach einem Naturphänomen im Death Valley, wo bis zu 350 kg schwere Felsen sich tatsächlich bewegen, zum Teil sogar gegen ein leichtes Gefälle. Das aber bleibt eine Assoziation, die Skulpturen bilden nichts ab, sondern sind Zeichen aus eigenem Recht.

Tony Smith (1912–1980), der vor ein paar Tagen 100 Jahre alt geworden wäre, wurde hierzulande nur selten ausgestellt. Die erste und letzte Museums-Einzelschau in Deutschland zeigten 1988 das Westfälische Landesmuseum in Münster und das Museum Abteiberg in Mönchengladbach. In seiner Heimat war er als Pionier anerkannt. 1967 widmete ihm „Time Magazine“ eine Titelseite. Er schuf den ersten reinen Kubus der Kunstgeschichte, eine avantgardistische Großtat, die mit Malewitschs „Schwarzem Quadrat“ vergleichbar ist. Auch dieses Werk von 1962 ist in Bielefeld zu sehen, „Die“, was zugleich Würfel und Sterben bedeutet. Man sieht eine reine geometrische Form, einen schwarzen Metallwürfel, mit Abnutzungspatina, weil das Objekt jahrelang in Smiths Vorgarten stand. Inzwischen gehört es dem New Yorker Whitney Museum of Art. Kunstvoll wirkt „Die“ nicht. Smith hat nicht mal selbst Hand angelegt, sondern das Stück telefonisch bestellt. Und doch ist es eine durchdachte Arbeit. Sie misst exakt 182,9 cm, sechs Fuß, was der Durchschnittsgröße eines Mannes entspricht. Smith hat gesagt, er habe weder ein Objekt schaffen wollen noch ein Monument. „Die“ ist nichts, was man in die Hand nehmen möchte. Es überwältigt auch nicht. Dieser Würfel, von dem man stets nur zwei Seiten sieht, tritt einem gegenüber wie eine Person. In menschlichem Maß.

Smith, dem Wegbereiter der Minimal Art, widmet die Kunsthalle Bielefeld nun eine Retrospektive, die begleitet wird von Werken seiner Töchter Kiki und Seton Smith. Diese Präsentation ist überfällig, schon weil der Künstler ein weit gespanntes und inspirierendes Werk hinterließ. 1938 begann er, als Assistent für den Architekten Frank Lloyd Wright zu arbeiten, kurz darauf begann er selbst, Häuser zu entwerfen. Seine in die Landschaft integrierten, oft aufgeständerten Bauten mit großen Fensterfronten sind hier in Skizzen und einigen seltenen Modellen zu betrachten. Auch die Fotografin Seton Smith begann ihre Karriere, indem sie Häuser ihres Vaters fotografierte, wobei die Aufnahmen in quadratischem Format, mit extremen Ausschnitten und einem Spiel zwischen Schärfe und Unschärfe weniger dokumentarisch als impressionistisch wirken. Smith war mit führenden Vertretern des abstrakten Expressionismus befreundet, mit Barnett Newman und Mark Rothko. Um 1950 plante er eine katholische Kirche, für die Jackson Pollock monumentale Gemälde hätte schaffen sollen. Das Projekt blieb unrealisiert, ein Holzmodell des Baus mit Wabenstruktur ist ausgestellt. Smith arbeitete in seinen Entwürfen oft mit modularen Elementen, die zu größeren Komplexen kombiniert wurden. Dieses Vorgehen übertrug er später auf seine Skulpturen.

Einen eigenen Malstil entwickelte Smith in Deutschland: 1953/54 hatte seine Frau, eine Opernsängerin, ein Engagement in Nürnberg. Hier wurden die Töchter geboren. Und hier prägte er einen Stil, der ein grobes Punktraster mit organischen Formen verbindet. Ein Beispiel ist die „Louisenberg Serie“, die er in Franken konzipierte. Kleinformatige Gemälde sind nach einem exakten Plan an einer Wand gehängt. Für die Bielefelder Schau wurde das Ensemble authentisch rekonstruiert.

Die Schau kombiniert die Werke der drei Beteiligten, auch wenn Tony Smith den meisten Raum erhält. Immer wieder stehen seine Skulpturen, Setons Fotos und Grafik oder Skulpturen von Kiki Smith im Dialog. Die Töchter sagen, sie seien vom Vater beeinflusst. Besonders bei den erzählerischen Arbeiten von Kiki Smith ist das schwer vorstellbar. Sie deutet zum Beispiel in der Bronze „Rapture“ das Märchen von Rotkäppchen feministisch um und lässt einem Wolfskadaver eine nackte Frau entsteigen. Von Ralf Stiftel

Kiki Smith, Seton Smith, Tony Smith in der Kunsthalle Bielefeld. Bis 25.11., di – so 11 – 18, mi bis 21, sa 10 – 18 Uhr, Tel. 0521/ 32 99 95 00, http://www.kunsthalle-bielefeld.de

Katalog, Kerber Verlag, Bielefeld, 27 Euro

Quelle: wa.de

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