Kunsthalle Bielefeld in der Bundeskunsthalle Bonn

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Unfroher Frohsinn: Max Beckmanns „Italienische Fantasie“ (1925), eins der Bielefelder Glanzstücke. ▪

Von Ralf Stiftel ▪ BONN–Normalerweise arbeitet die Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland in Bonn mit den ganz großen Häusern zusammen. Die Eremitage in St.

Petersburg zum Beispiel oder der Petit Palais in Paris, das Guggenheim in New York oder doch das Kunstmuseum im reichen Winterthur gastieren unter dem Motto: Die großen Sammlungen. Da wirkt es schon ein wenig provinziell, wenn unter dem Titel „Klassiker in Bonn“ die Sammlung der Kunsthalle Bielefeld gezeigt wird. Was zunächst gar nichts mit den Kunstwerken zu tun hat. Aber wie sinnvoll ist es, Bilder aus Westfalen an den Rhein zu transportieren, wo doch Kunstfreunde mit dem Zug in etwas mehr als zwei Stunden zum schönen Bauwerk des US-Architekten Philip Johnson fahren könnten? Und als Dreingabe noch den Skulpturengarten sähen?

Für ein Gastspiel finden sich immer Gründe, auch wenn nicht alle gleichermaßen überzeugen. Die Kunsthalle in Bielefeld ist viel kleiner als die Bonner Einrichtung. Für jede Wechselausstellung muss ein Teil der eigenen Bilder oder sogar der komplette Bestand ins Depot. Und von Wechselausstellungen lebt der aktuelle Kunstbetrieb. Also erfindet man den Begriff der „unbekannten Sammlung“. So umfassend, erläutert Thomas Kellein, bis Ende 2010 Leiter der Bielefelder Kunsthalle, waren die Schätze seines Hauses noch nie zu sehen. Viele Werke wurden erst in den letzten Jahren angeschafft. Und das, so Kellein, obwohl das Haus seit Jahren ohne Anschaffungsetat auskommen muss. Sponsoren und bürgerschaftliches Engagement machen das möglich, allen voran die Staff-Stiftung, die in Absprache Kunst kauft und der Kunsthalle als Dauerleihgabe zur Verfügung stellt.

Bürgerlichem Engagement verdankt die Stadt auch ihr Museum. Die Familie Oetker stiftete nicht nur Kunst, sondern finanzierte auch den gesamten Bau. Getrübt wurden die Beziehungen erst, als 1998 der Stadtrat den Namen „Richard-Kaselowsky-Haus“ tilgte, woraufhin Rudolf-August Oetker einige Dauerleihgaben zurücknahm, darunter ein Hauptwerk Kirchners, die „Russische Tänzerin“. Dass Kaselowsky, einem Mitglied der Fabrikantenfamilie, die Ehrung wegen seiner NS-Vergangenheit entzogen wurde, erfährt man in Bonn allerdings nicht. Inzwischen hat sich offenbar das Verhältnis wieder entspannt. In der Ausstellung sieht man auch den Kirchner. Was die museale Gedächtnislücke nicht besser macht.

Rund 120 Werke sind ausgestellt, ein schöner Querschnitt, der in seinen Spitzenwerken alles andere als provinziell ist. Wundervolle Bilder von Max Beckmann, einige starke Frühwerke von Georg Baselitz, einige qualitätvolle Proben der „Brücke“, darunter Otto Muellers „große Badende“ (um 1910/14) – das lockt allemal. Und das sieben Meter spannende Gemälde „Khurasan Gate 1“ (1968) von Frank Stella, das jahrelang in der Eingangshalle zu sehen war, überforderte in der Tat das Bielefelder Haus, so sehr, dass es nicht mal ins eigene Depot passte. Es war in Düsseldorf eingelagert. Man erhält keinen kompletten, aber doch einen repräsentativen Überblick über die Moderne von etwa 1900 bis in die Gegenwart, oft in Spitzenwerken eines Künstlers. Solche Solitäre zu finden, war das Ziel Kelleins.

Spannend ist, wie der Direktor in den letzten Jahren seine Ausstellungen zum Ausbau der Sammlung nutzte. Man findet in der Schau Arbeiten von Louise Bourgeois, Yoko Ono, Sean Scully, Richard Hamilton. Sie alle waren mit viel beachteten Sonderausstellungen zu Gast in Ostwestfalen. Für ein eindrucksvolles Konvolut von Fotos von Hiroshi Sugimoto nutzte Kellein 1996 die letzten eigenen Ankaufsmittel, einen Haushaltsrest von 80 500 Euro. Gut investiertes Geld – mittlerweile ist der Marktwert des japanischen Künstlers erheblich gestiegen.

Quelle: wa.de

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