Kunstakademie Antwerpen feiert 350 Jahre

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Das Prinzip der vollen Wand: Blick in die Jubiläumsausstellung der Akademie Antwerpen im MAS.

Von Ralf Stiftel -  ANTWERPEN Finden Sie auf dieser Wand den van Gogh? Erst nach langem Suchen. Große Formate hängen da auf Goldgrund, fast 120 Gemälde über- und nebeneinander. Eine Tapete aus Kunstwerken. Ziemlich weit links, ziemlich weit unten hängt Vincent van Goghs Bild der Kartoffeln erntenden Bäuerin von 1885. Für einige Wochen hat der Maler seinerzeit versucht, an der Kunstakademie von Antwerpen etwas zu lernen. Gewiss ein Grund, ihn in eine Ausstellung aufzunehmen, die den 350. Geburtstag der Institution feiert.

„Happy Birthday Dear Academie“ heißt das Jubelprogramm, das die Stadt an der Schelde ausrichtet. Im Zentrum steht die Ausstellung im neuen Museum MAS. Und die Akademie ist aller Ehren wert. Gegründet wurde sie in einer Krisenzeit. Rubens war gestorben, das goldene Zeitalter der flämischen Malerei verdämmerte gerade. Nach dem Ende des 30jährigen Kriegs herrschte in Flandern kein Frieden. Die Holländer hatten die Schelde gesperrt, der Handel in Antwerpen lag darnieder. Da kam der Maler David II. Teniers auf die Idee, die Kunst neu zu organisieren. Er gründete 1663 die Akademie. Es war die vierte in Europa nach Florenz, Rom und Paris. Die Kunst sollte nicht mehr als schlichtes Handwerk Sache der Lukasgilde sein. Sie sollte akademische Würden tragen und neues Ansehen gewinnen.

Eine lange Geschichte. Zwischenzeitlich war die Akademie in ihrer Existenz gefährdet, wurde aber von Künstlern gerettet, die Sponsoren suchten. Heute lebt sie gut, einige der bekanntesten belgischen Künstler gingen aus ihr hervor wie der Architekt Henry van de Velde, der Konstrukteur absurder Flugmaschinen Panamarenko, der Maler Luc Tuymans, der Choreograf, Bildhauer, Autor Jan Fabre. Furore macht auch die Modeabteilung, die zum Boom belgischer Designer beitrug. Walter van Beirendonck gehört zu den Großen der Zunft. Er hat auch mit dem Kunsthistoriker Paul Huvenne die Ausstellung im MAS kuratiert.

Die Schau beginnt mit der Ausgangssituation im 17. Jahrhundert, mit Anatomiestudien und Skizzen nach Leonardo. Sie rekonstruiert den großen Prunksaal, in dem Meister wie Jacob Jordaens und Frans Floris sozusagen die Muster lieferten, an denen sich der Nachwuchs orientieren sollte: Beispiele von Veduten, Allegorien, Stillleben und repräsentativen Porträts. Das alles folgt noch einer gewissen Logik. Dann aber kommt der zentrale Raum mit den goldenen Wänden, an dem sich Beirendonck austobte. Mathieu Van Brées monumentale Szene „Der Tod Peter Paul Rubens’“ von 1827 beherrscht die Wand, einfach weil es das größte Bild ist. Eine pathetische Szene der Selbstvergewisserung, eine Hommage an den bedeutendsten flämischen Meister, ein Zeugnis der Zeit. Dramatisch schwebt eins von Panamarenkos Flugzeugen direkt darauf zu.

Tatsächlich erhält man einen Querschnitt durch die Produktion der Akademiekünstler, von einem Genrebild von David II. Teniers („Vor dem Wirtshaus“, 1645-1650) bis zu Tom Liekens’ Bild „Chaos herrscht“ (2012), der Darstellung eines gestrandeten Wals. Höhen und Tiefen könnte man erleben, romantische Darstellungen, den „Sommer“ des Impressionisten Emile Claus, eine „Vesper“ des Expressionisten Constant Permeke, ein Selbstporträt von Ingres, eine laszive Dame auf Tigerfell von Laurens Alma Tadema („Die Kirschen“, 1873), Abstraktionen, Op-Art, Konzeptkunst. Aber selbst Jan Fabres Nachempfindung eines Grabmonuments aus weißem Marmor mit aufgesetzten Schmetterlingen geht in diesem Ensemble unter. Beirendonck nahm noch das bedeutendste Bild als bloßen Flicken für eine bunte Tapete. Der Gesamteindruck soll erschlagen. Tut er auch. Aber um den Preis der Erkenntnis und der Begegnung mit der Kunst.

Die Akademie hätte eine andere Präsentation verdient gehabt, weniger eitel inszeniert, mit mehr Respekt vor den Bildern.

Bis 26.1., di – so 10 – 17 Uhr,

Tel. 0032/3/ 232 0103, www. happybirthdaydearacademie.be, Katalog (nl.) 35 Euro

Quelle: wa.de

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