Kunst in Wuppertal und Tony Cragg

Eine skulpturale Hohlform von Tony Cragg in Wuppertal: „Zufuhr“ (1996) hat Volumen und Leichtigkeit zugleich. Foto: lettmann

Wuppertal – Was bleibt in der Corona-Pandemie? Ausflüge zur Kunst im öffentlichen Raum. Wuppertal im Bergischen Land bietet unterschiedliche Areale für wetterfeste Kunst.

Zum Beispiel ist der Skulpturenpark Waldfrieden im Christbusch zu einem überregional bekannten Ort für plastische Kunst geworden. Der britische Bildhauer Tony Cragg hatte 2006 die Villa Waldfrieden samt Anwesen gekauft. Seit 2008 wird der Park von der privaten Cragg-Fondation geführt. Hier werden immer wieder Arbeiten namhafter Künstler präsentiert, wie zuletzt vom irischen Künstler Sean Scully. Auf einem Rundgang sind Objekte von Tony Cragg, Richard Deacon, Wilhelm Mundt, Eva Hild und Bogomir Ecker zu sehen. Bis 19. März ist der Skulpturenpark samt Ausstellungshalle und Café aber geschlossen.

Sichtbar und zugänglich ist dagegen die Kunst von Tony Cragg im Stadtbild Wuppertals. Cragg, 1949 in Liverpool geboren, zog 1977 nach Wuppertal und wurde in den 80er Jahren mit seinen raumgreifenden Metallplastiken international bekannt. Er lehrte ab 1979 an der Düsseldorfer Kunstakademie, wo er von 2009 bis 2013 als Rektor Markus Lüpertz nachfolgte.

Vom Hauptbahnhof aus lassen sich die Objekte und Skulpturen von Tony Cragg und anderen Künstlern in der City besichtigen. Wer das sanierte Gebäude des Bahnhofs Richtung Innenstadt verlässt, sollte gleich links in die Elisabeth-Schniewind-Straße abbiegen und parallel zur Gleistrasse über die Bahnhofstraße zur Historischen Stadthalle gehen. Dort thront Alf Lechners Stahlobjekt „Rondo“ (1998) auf dem Johannisberg. Lechner (1925–2017), gebürtiger Münchner, war Maler und Designer, bevor er Stahlbildhauer wurde und abstrakt arbeitete. Tonnenschwere Elemente wirken bei ihm leicht und magisch. Für Wuppertal hatte er einen Ring zertrennen lassen und die abgeknickten Halbkreise übereinander gesetzt.

Hinter der Stadthalle mit ihrer Neorenaissance-Fassade – im Jahr 1900 eröffnet – sind Werke von Ulrich Rückriem und Bernar Venet platziert. Auch sie zählen zum Skulpturenpark Johannisberg, der 1997 vom Von-der-Heydt-Museum und der Stadtsparkasse initiiert wurde. Von Rückriem ist der Monolith „Anröchter Dolomit“ (1989) zu sehen, der Zustände der Steinbearbeitung sichtbar macht. Nach Schnitten und Spaltungen sind die Teile wieder zusammengefügt worden. Diese minimalistische Formsetzung steht seit dem Jahr 2000 im Park. Auf der zentralen Rasenfläche ist Venets „229,5 Grad ARC X5“ unübersehbar. Die fünf Stahlringe sind offen, versetzt gestellt und schließen eben nicht den 360-Grad-Kreis. Deshalb der ungewöhnliche Titel vom französischen Bildhauer.

Am Ende des Rasenplateaus führt linker Hand eine Treppe herunter zu Claus Burys Holzplastik „Elastisch schwebend“ (2001). Bury, Professor für Gestaltung an der Bergischen Universität (1997–2002), hatte für das 100-jährige Jubiläum der Schwebebahn eine Konstruktion aus Lärchenholz aufgestellt. Geschwungene Formen und Balken sind auf einer Gegenfläche austariert – sehr beruhigend. Den Berg weiter heruntergeht, stößt man auf die Südstraße, die Richtung Innenstadt führt. Hinter der Einmündung zur Straße Am Johannisberg steht eine skulpturale Hohlform von Tony Cragg. „Zufuhr“ (1996) ist perforiert, voluminös und verdeckt die Ansaugöffnung einer Klimaanlage. Die 25 000 Löcher machen die kompakte Figur vor dem Verwaltungsgebäude transparent. Und ein bisschen surreal.

Wer die Bergstraße noch ein paar Meter hinaufläuft, trifft auf eine mehrteilige Marmorarbeit von Frank Breidenbruch und A.R. Penck. Seit 1996 stehen „Die himmlischen Stürzer“ vor dem Parkhaus an einem Gymnasium. Sie wirken wie exotische Überreste einer fremden Kultur. Auf der zentralen Stele sind Ornamente, Kreuzzeichen, Halbkreise, Schlangenzeichen und Endlos-Symbole zu sehen. „Himmlische Stürzer“ bilden eine rätselhafte Gegenwelt zu den nüchternen und funktionalen Gebäuden am Johannisberg.

Wieder zurück geht es unter der zweispurigen Bundesallee durch, über die Wupper und unter der Schwebebahn durch. Die Südstraße ist hier zum Wall geworden. Wir kreuzen die Schloßbleiche und laufen in die Innenstadt bis zum Turmhof, zum Von-der-Heydt-Museum. Wo früher Platz für die klassischen Wächterfiguren vor dem historischen Portal war, sind nun zwei Plastiken von Tony Cragg zu finden. Sie wirken wie verschlüsselte Wandelobjekte. Erst auf den zweiten Blick sind die Gebrauchsgegenstände zu erkennen, die ihren Nutzen über Jahrtausende verbindet. 1991 wurden „Amphore/Dose“ und „Mörser/Flasche“ aufgestellt, anstelle der Löwen, die dem einstigen Elberfelder Rathaus vorstanden.

Weiter bis zur Poststraße und dann links findet sich am Kerstenplatz Johannes Dinnebiers Lichtsäule (1975). Als Teil einer Platzstrukturierung wurde die zwölf Meter hohe Stele aus drei konkaven Edelstahlblechen zum reflektierenden Hingucker. Drei Spots bescheinen die Säulenform. Heute wirkt das Kunstwerk hinter einem Bauzaun verloren. Weiter zur Neumarktstraße, die man überquert, geht es in die Friedrichstraße, wo eine bizarre Abstraktion von Tony Cragg zu finden ist. „Lebensader Wupper“ (1997) verbildlicht das Flusssystem der Wupper im Bergischen Land. Cragg hatte die Plastik 1999 bereits erneuert, weil das Metall oxyidiert war. Gleich neben der Skulptur führt der Durchgang Rummelspütt zur Morianstraße. Rechts runter bis zur Kreuzung geht es dann links in den Hofkamp zu Harald Klingelhöllers „WhyPop“. Auf einer Verkehrsinsel sind die spiegelbildlich verdrehten Worte platziert. Vorher standen die steinernen Schriftzeichen auf dem Parkhaus der Sparkasse im Rahmen der Regionale 2006. 2008 kaufte die Jackstädt-Stiftung das Werk und schenkte es der Stadt. Klingelhöller, documenta-Teilnehmer und bei den Skulptur-Projekten 1987 in Münster vertreten, schafft eine Spannung zwischen Werktitel und Schriftform. Die Assoziationen dazu sind vielfältig und so offen, wie diese Kunst sein will.

Etwas weiter steht eine Plastik von Fritz Bernuth (1904–1979) auf einem Absatz der Georg-Abeler-Treppe. „Schwingen“ (1976) nennt der Wuppertaler Künstler seine versetzt aufsteigenden Flügelelemente. Sie sollen tatsächlich beim Aufstieg helfen. Wuppertal ist eine Stadt mit vielen Treppen. Der Stadtraum in Elberfeld und Barmen, wo auch Kunst im öffentlichen Raum zu finden ist, lässt sich nur über Anstiege erschließen. Zurück zum Bahnhof ist es leichter. Die Wupperstraße führt auf das Pina-Bausch-Zentrum zu, das früher Stadttheater war und unter Denkmalschutz steht.

Quelle: wa.de

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