Kunst: Otto Freytag im Haus Opherdicke in Holzwickede

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Vom deutschen Expressionismus grundiert, das Werk eines Malers aus der „zweiten Generation“. ▪

Von Marion Gay ▪ OPHERDICKE–Rot leuchtet der Kuchen, himbeerrot schimmert die Marmelade. Orange liegt die Schöpfkelle neben dem gelben Messer. Otto Freytags Ölgemälde „Stillleben mit Hefezopf und Marmeladentopf“ (1959) zeigt einen einfach, aber stimmungsvoll gedeckten Tisch. Unter dem Titel „Ein Künstlerleben in Zeiten des Umbruchs“ präsentiert das Haus Opherdicke rund 100 Werke des 1980 in Berlin gestorbenen Künstlers. Die Ölgemälde, Aquarelle und Zeichnungen stammen größtenteils aus dem Nachlass des Unnaer Sammlerehepaars Kirchner, das mit Freytag eng befreundet war.

Otto Freytag gehört zur sogenannten „verschollenen Generation“, deren Werke in Vergessenheit geraten sind. Geboren 1888 in Duisburg, machte er zunächst eine Ausbildung in einem Architektenbüro, bevor er 1906 sein Studium an der Kunstgewerbeschule in Düsseldorf begann. Später wechselte er nach Berlin und studierte wie August Macke bei Lovis Corinth. Das älteste Bild der Ausstellung ist das Aquarell „Szene in der Stadt“ (1918). Es zeigt zwei Kutschenpferde umgeben von einer Gruppe Passanten. Die Szene ist mit hastigen Pinselstrichen auf Papier gebannt, die Farben, zum Beispiel der blaue Schatten, sind expressiv übersteigert.

Von Anfang an ist Freytags Werk vom Expressionismus beeinflusst, ein Stil, dem er durch die Jahre treu bleibt. Allerdings haben seine Arbeiten keine politische oder kritische Note, die für die meisten Expressionisten, wie etwa den Malern der Brücke-Gruppe oder Käthe Kollwitz, typisch sind. Freytags Themen sind unspektakulär: Stillleben, Landschaften, Porträts und Familienbilder. Die Schau zeigt die Arbeiten nicht chronologisch, sondern nach Themen sortiert. Sie wirken still, oft privat. Häufig malt Freytag seine Frau Marie-Luise zusammen mit dem Sohn Kaspar. Später taucht seine Lebensgefährtin Grete Dircks auf den Zeichnungen und Gemälden auf. Lediglich drei Kohlezeichnungen aus den 40er-Jahren zeigen Flüchtlinge, ansonsten finden sich keine Bezüge zum Zeitgeschehen. So stehen im Bild „Zwei Frauen in der Tür“ (1938) bunt gekleidete Frauen mit ihren Kindern vor einer grünen Haustür. Die Szene wirkt südlich und entspannt. Typisch für Freytags Werk sind die dicken schwarzen Pinselstriche, mit denen er die Körper umrandet. Bäuche, Beine und Brüste zeichnen sich stilisiert unter der Kleidung ab.

In den 20er- und 30er Jahren war Freytag recht erfolgreich. 1934 bekam er das begehrte Villa-Romana-Stipendium, 1937 berief man ihn als Dozent an die Hochschule für Kunsterziehung in Berlin. Obwohl sein Werk unter den Nationalsozialisten als „entartet“ galt, wurde er 1943 aufgrund des Lehrermangels zum Professor ernannt. Nach Ende des Krieges verwehrte man ihm jedoch die Rückkehr an die Hochschule, und obwohl ihm noch mehr als drei Jahrzehnte Schaffenszeit blieb, war die Zeit seines Erfolges vorbei.

Während er seine figürliche Malweise konsequent weiterverfolgt, werden die Farben im Laufe der Jahre kräftiger. So leuchten die Früchte auf dem Ölbild „Stillleben mit Tisch und darunterliegendem Kürbis“ (1952), die Formen der Krüge und Schalen erinnern an den Kubismus. Überhaupt sind die Stillleben die Highlights der Ausstellung. Im Gegensatz zu den oft allzu harmlos und kleinbürgerlich anmutenden Familienszenen und den eher kraftlosen Porträts geht von den Stillleben etwas sehr Lebendiges aus. In „Stillleben mit Torso“ (1946) ist Freytags Pinselstrich vibrierend leicht, Sonnenlicht bringt Glas und Flasche zum Schimmern. Ungewöhnlich das Ölgemälde „Stillleben mit Büste“ (ohne Jahresangabe): Hier nimmt Freytag die Konturlinien zurück, Zeichenpapier, Lineal und Büste erscheinen filigran und beinah naturalistisch.

In den 60er und 70er Jahre hielt sich Freytag oft auf Amrum auf. Bilder wie „Kirche in Nebel auf Amrum“ (1969) oder „Dorfstraße“ (1972) zeigen eine einsame, ländliche Idylle. Es sind die jüngsten Werke der Ausstellung, aus den letzten Lebensjahren finden sich keine Bilder mehr.

Die Schau

Vom deutschen Expressionismus grundiert, das Werk eines Malers aus der „zweiten Generation“.

Otto Freytag im Haus Opherdicke in Holzwickede.

Eröffnung am Sonntag, 31. Juli, bis 6. November, 11 Uhr; di–so 10.30 bis 17.30 Uhr, Katalog 22 Euro; Tel.02301/9183972

http://www.kulturkreis-unna.de

Quelle: wa.de

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