Kunst aus Beijing in der Kunsthalle Recklinghausen: Facing China

Ganz breites Grinsen: Yue Minjuns Gemälde „Untitled“, zu sehen in Recklinghausen.

Von Ralf Stiftel ▪ RECKLINGHAUSEN–Dieses hundertzähnige Grinsen, die geschlossenen Augen sind zum Markenzeichen geworden. Auch der Mann in Jeans und T-Shirt, der auf dem Kranich sitzt wie auf einem fliegenden Teppich, hat es. Es verrät seine Stimmung nicht. Fröhlich? Von Schmerz erfüllt? Sinniert er über die Distanz zwischen westlicher Konsumkleidung und traditionellen Symbolen wie Kranich und Seerosen? Der chinesische Maler Yue Minjun ist mit Bildern wie „Untitled“ (1996) zum Star in Galerien und Kunstmessen geworden.

Von Sonntag an ist es in der Kunsthalle Recklinghausen zu sehen. Der umgebaute Weltkriegsbunker war ein Jahr lang geschlossen für eine Restaurierung. Nun ist der Eingang neu gestaltet, es gibt einen Aufzug für große und schwere Kunstwerke und eine erneuerte Klimatechnik und das Haus wurde behindertengerecht. Und obwohl das Geld knapp ist, gibt es sogar eine Eröffnungsausstellung: „Facing China“. Ein Glücksfall, diese Sammlung eines niederländischen Industriellen, der ungenannt bleiben will. Seinem Engagement ist es zu verdanken, dass die Schau zustande kam. Er leiht nicht nur die Kunst, er bezahlt auch noch die Versicherungskosten. Andernfalls hätte das die Kunsthalle fast ihren Ausstellungs-Jahresetat von 45 000 Euro gekostet, sagt Museumsdirektor Ferdinand Ullrich.

Rund 90 Werke, bis auf wenige Ausnahmen Gemälde, sind zu sehen, aufgeteilt in zwei Ausstellungskapitel. Zum einen sieht der Besucher die derzeit am Markt hoch gehandelte figurative Malerei aus China. Die neun Künstler dieser Abteilung wurzeln in der Protestbewegung der 1980er Jahre, die im Massaker am Tian‘anmen-Platz niedergeschlagen wurde. Sie üben direkt oder indirekt Kritik an den gesellschaftlichen Entwicklungen. Die Künstler haben alle Konflikte mit dem Staat erlebt. Inzwischen sind sie etabliert, stellten bei der Biennale in Venedig, im MoMA in New York, im Centre Pompidou in Paris und in anderen Häusern in Berlin, Hongkong, Sydney aus. Die meisten leben in Beijing.

Ihre Malerei wird als „zynischer Realismus“ etikettiert. Yue Minjuns grinsende Gestalten ebenso wie die rötlich-runden Nackten in den Gemälden von Fang Lijun stehen für die anonymisierte Massengesellschaft des kapitalistisch modernisierten China.

Die Bilder mischen frech Pop-Art und sozialistischen Realismus, traditionelle Symbolik und Anspielungen auf die westliche Kunstgeschichte. Wei Dong, der in den USA lebt, zeigt in „The red game“ (2005) halbnackte Frauen. Eine scheint an einem Kreuz zu hängen, ihre Stirn ist geschoren nach der Mode der Kaiserzeit. Im Hintergrund trägt eine andere Frau die Jacke einer Mao-Uniform. Direkte Erotik, großes Pathos und übertriebene Glätte bis hin zum Kitsch geben dieser Darstellung kritische Schärfe.

Liu Ye zitiert in seinen Bildern alte europäische Madonnenbilder ebenso wie dem niederländischen Konstruktivisten Mondrian und widmet ein Gemälde gar dem Schriftsteller Antoine de Saint-Exupery – mit einem kleinen Prinzen in Fliegeruniform.

Fast noch spannender ist der Bereich, in dem „Slow Art“ zu sehen ist, abstrakte Malerei aus China, die sich nicht am Markt orientiert. Das erinnert zuweilen an westliche Tendenzen von Konstruktivismus und Minimalismus, wurzelt aber auch in östlichen Traditionen. So wirken Bilder geradezu wie Malmeditationen.

Zwei Jahre brauchte zum Beispiel Wang Guangle, um „Terrazzo“ zu schaffen, ein mannshohes Bild, das eine besondere Steinzeichnung reproduziert. Seine „Sargbilder“ spielen auf eine Tradition in seiner Heimatprovinz Fujian an: Alte Menschen schaffen sich früh einen Sarg an und lackieren ihn jedes Jahr neu. So bereiten sie sich auf den Tod vor.

Shen Chen schuf „Untitled No 71007-08“ mit unzähligen Übermalungen mit extrem verdünnter Farbe, jeder Strich musste erst trocknen, ehe der nächste möglich war. Das Ergebnis ist eine extrem feine Abstufung von grau nach schwarz.

Die Schau

Ein überzeugender und zum Teil überraschender Blick auf die chinesische Kunstszene: Facing China in der Kunsthalle Recklinghausen. 22.4.–24.6., di – so 11 – 18 Uhr,

Tel. 02361/ 50 19 35,

http://www.kunst-re.de

Katalog Facing China 20 Euro, Slow Art 15 Euro (engl./chin.)

Quelle: wa.de

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