„Kunst und Alchemie“ in Düsseldorfs Kunstpalast

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David Teniers d. J. porträtierte sich 1680 als 70-Jähriger in der Rolle eines Alchemisten und zeigt den Forschertrieb positiv.

Von Ralf Stiftel -  DÜSSELDORF Am Anfang der Alchemie steht die Farbe. Zumindest belegen das zwei ägyptische Papyrus-Fragmente aus dem 3. Jahrhundert. In griechischer Sprache ist in ihnen beschrieben, wie man Silber wie Gold aussehen lässt, wie man künstliche Edelsteine herstellt, wie man Farben mischt. Kein Wunder, dass sich die Maler des Goldenen Zeitalters in den Niederlanden öfter mal als Alchemisten porträtierten.

Beides kann man in Düsseldorf sehen: Die Schriftstücke aus der Antike und zum Beispiel das Selbstbildnis von David Teniers d.J. als Alchemist. Das Museum Kunstpalast zeigt „Kunst und Alchemie – das Geheimnis der Verwandlung“, die erste große Ausstellung zum Thema. Mit rund 350 Objekten von der Antike bis in die Gegenwart umspielt die Schau auf faszinierende Art die Beziehung zwischen einer Randwissenschaft und den Bildproduzenten. Dabei erwarten den Besucher Werke berühmter Künstler von Dürer und Cranach über Rubens bis Beuys.

Großes Prestige genossen sie fast nie. Pieter Brueghel d. J. malte um 1600 nach einer Zeichnung seines Vaters das Labor eines Alchemisten. Der sitzt in zerrissener Kleidung vor dem Feuer, vor rauchenden und zischenden Gefäßen und legt gerade seine letzte Münze in einen Tiegel. Ein Versuch noch, um Gold herzustellen. Hinter seinem Rücken geht der Haushalt zugrunde, die Frau schüttelt den leeren Geldbeutel, und im Hintergrund sieht man, wohin das führt: Die Familie geht ins Armenhaus. Es wurde zum beliebten Motiv der niederländischen Genremalerei: Sonderlinge in düsteren Kammern zwischen schimmernden Reagenzgläsern, alten Folianten und einem lodernden Feuer.

Es war zugleich die Hochzeit der Alchemie, die viel weniger mit faulem Zauber zu tun hatte, als man heute glaubt. Natürlich hofften viele, unedle Metalle in Gold verwandeln zu können. Darum ging es ja in dieser Fusion aus altägyptischer Färbekunst mit griechischer Naturphilosophie. Um das Verändern der Stoffe. Über die Araber, die die „al-kimiya“ übernahmen und weiterentwickelten, kam sie im Mittelalter nach Europa. Man muss sie als eine Vorgängerin der Naturwissenschaften ansehen, wie schon Justus von Liebig konstatierte. Die Goldmacherei machte die Lehren bekannt. Aber die Experimente brachten durchaus praktischen Nutzen. Glas, Porzellan, Schwarzpulver, Medikamente wurden in Alchemistenküchen gefunden.

In drei Schritten kann man die spannende Geschichte verfolgen. Am Anfang stehen wichtige historische Zeugnisse, neben den Papyri die vier Ripley Scrolls (spätes 16. Jh.) aus der British Library. Es sind vier lange Papierbahnen, auf denen ein anonymer Zeichner die Bildsymbole der Alchemisten festgehalten hat. Sie verständigten sich in einer Art Geheimcode für chemische Prozesse. Adam und Eva wurden mit Sonne (Gold) und Mond (Silber) gleichgesetzt. Wenn sie vom Baum der Erkenntnis, abweichend vom Bibeltext, Trauben aßen, ließen sie sich von der Schlange zum Tode verführen. Das teuflische Tier stand für Quecksilber, das sich mit anderen Metallen verbindet. Auflösen, faulen, läutern – das sind alchemistische Vorgänge, die in Bilder übersetzt wurden. Gleich in mehreren Fassungen ist das „Splendor Solis“ zu sehen, eine prachtvoll illuminierte Zusammenfassung der alchemistischen Lehren, die älteste Version (1531/32) wird dem Augsburger Künstler Jörg Breu d.Ä. zugeschrieben. Eine Buchmalerei aus Frankreich (17. Jh.) zeigt einen anderen Aspekt: Beim Kindermord zu Bethlehem sammeln die Soldaten das Blut, das als wichtige Zutat für das „Große Werk“ galt, das Goldmachen.

Maler fühlten sich oft als Alchemisten. Ihre Illusionskunst war ja dem Verwandeln von Stoffen verwandt, auch Bilder sollten etwas vortäuschen. Und „Opus magnum“, das große Werk, wurde auch zur Bezeichnung großer Kunst. Teniers zeigt sich in seinem Selbstporträt als Alchemist (1680) als ernsthaften Forscher, wohlhabend und einer gutbürgerlichen Tätigkeit nachgehend. Hendrik Goltzius bringt in seiner „Allegorie der Künste“ (1611) eine Fülle von Anspielungen auf die Alchemie unter. So trägt Athene neben dem Thron des Salomon auf ihrem Brustharnisch Sonne und Mond. Und der bekränzte Herr im Vordergrund ist durch den Caduceus, den Stab mit den Schlangen, als Hermes gekennzeichnet. Goltzius stellt die Welt des Wissens der des Lasters und der körperlichen Genüsse gegenüber.

Der intensiven Aufarbeitung der Alchemie durch die Barockmaler folgt der letzte Teil der Schau, die Moderne. Surrealisten wie Max Ernst entdeckten die Geheimlehren neu. 1923 malte er „Les hommes n’en sauront rien“ (Hiervon werden die Menschen nichts wissen), eine Neufassung der „Chymischen Hochzeit“ zwischen Sonne und Mond. Ein Raum ist Joseph Beuys gewidmet, dessen skrupulösen Umgang mit Stoffen wie Fett, Honig, Filz und Metall man sicher als alchemistisch auffassen kann. Auch Sigmar Polke schuf Werke voller alchemistischer Momente. Und Yves Klein mit seinen monochromen Bildtafeln, vor denen die Farbe autonom zu stehen scheint, passt hier vorzüglich. Er machte aus der Verwandlung eine Kunstaktion, indem er „Zonen immaterieller malerischer Empfindlichkeit“ verkaufte, die mit Gold zu bezahlen waren. Einen Teil davon ließ er verschwinden, indem er es in einen Fluss oder ins Meer warf.

Am Ende entpuppen sich viele Werke als alchemistisch unterfüttert wie Anish Kapoors Zementhaufen und Holzklötze, die mit Farbpigmenten bestäubt zu Abbildern der „prima materia“, des Urstoffs werden. Das Künstlerduo Gerda Steiner und Jörg Lenzlinger richtet auf einer Tischplatte ein „Chymisches Lustgärtlein“ ein, ein pelziges Gewucher aus Farbkristallen, Dosen, Flaschen, einer Packung Potenzpillen aus Indonesien, Gurkensamen und vielem mehr, das in seltsame Dinge verwandelt wurde mit Aufschriften wie „Verfestigte Furcht“ und „Neidisches Ektoplasma“.

Die Schau

Ein Streifzug durch die Geschichte, der die Verwandtschaft der Disziplinen verdeutlicht – und eine Revue bedeutender Werke von alten Meistern und Gegenwartsgrößen: Kunst und Alchemie – das Geheimnis der Verwandlung im Museum Kunstpalast Düsseldorf. Bis 10.8., di – so 11 – 18, do bis 21 Uhr, Tel. 0211/566 42 100, www.smkp.de, Katalog, Hirmer Verlag, München, 29,90 Euro

Quelle: wa.de

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