SK Kulturstiftung in Köln zeigt Werkschau des Fotografen August Sander

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Gut ausgeleuchtet, mit exakt liegender Schärfe, und doch zum Typus verallgemeinert – so funktioniert die Porträtkunst von August Sander: Der Bauer (1912), zu sehen in Köln.

Von Ralf Stiftel KÖLN - Berühmt ist August Sander für seine Porträts. Der mächtige „Konditor“ von 1928, ein Nachbar in Köln, der breit und rund und doch auch ein wenig tänzerisch hinter der Rührschüssel steht und uns anschaut. Oder der „Handlanger“, dessen Kopf von den Ziegeln auf dem Tragebrett geradezu ummauert scheint. In diesen Beispielen aus der Serie „Menschen des 20. Jahrhunderts“ hat Sander Archetypen geformt. Seine Kunst ist nicht allein das technisch gut realisierte Bild, an dem Schärfe und Licht stimmen. Es ist mehr noch das Konzept. Der Einzelne wird zum Teil eines Systems, einer Weltordnung. Sander wurde so zu einem Pionier konzeptueller Kunst.

Seit 1992 kümmert sich die SK Kulturstiftung in Köln um den Nachlass des Fotografen. Inzwischen besitzt sie mehr als 10 000 Negative, rund 6000 Originalabzüge, Dokumente und Objekte. Zum 50. Todestag am 20. April zeigt das Institut eine Werkschau mit rund 350 Exponaten. Selbst der Kenner kann hier noch Entdeckungen machen, verspricht Leiterin Gabriele Conrath-Scholl. Schließlich forscht die Stiftung kontinuierlich an dem ihr anvertrauten Schatz. Beim Sichten wurden zahlreiche Funde gemacht, viele Abzüge werden erstmals ausgestellt.

So werden die Anfänge Sanders ausgeleuchtet, der 1876 in Herdorf in der Nähe von Siegen geboren wurde. Ein Bild der Familie von 1902 im Salon zeigt das bürgerliche Milieu, dem Sander entstammt. In Herdorf begann er auch mit der Fotografie, unterstützt von seinem Onkel Daniel Jung, der ihm Geld für die erste Kameraausrüstung gab. Auch den Onkel sieht man im Bild, allerdings aus dem Jahr 1930. Einige Brüder wanderten in die USA aus. Herdorf war klein und ländlich, aber vom Bergbau geprägt. Hier lichtete Sander Bürger des Orts ab, wie den Fabrikbesitzer Herrn Weinbrenner Senior (1906–1911), mit Hut, Bart und offenem Blick. Oder den Steiger Zahn (1892), der seinen Vollbart gut getrimmt, die Fliege umgebunden hat und in die Ferne blickt. Erstaunlich, wie sehr Sander schon in diesen frühen Bildern sein Konzept umsetzt: Die „Wanderer am Hohenseelbachskopf“ von 1892 gingen später in seine Mappe „Menschen des 20. Jahrhunderts“ ein. Die Ästhetik des sozusagen dokumentarischen Blicks, der Verallgemeinerung, findet sich schon in Sanders Anfängen.

Die Schau ist thematisch gegliedert. Vieles ist schon publiziert, und der Kenner weiß, dass Sander weitaus mehr aufgenommen hat als nur Porträts. Schließlich betrieb er zeitlebens Ateliers, zuerst ab 1904 im österreichischen Linz, wo er nach einer Polio-Epidemie 1909 wegzog, ab 1910 in Köln-Lindenthal. In einer Vitrine sieht man Preislisten des Fotografen, gestaffelt nach der Zahl der abgenommenen Abzüge. Wie das aussah, zeigt eine Wand in der Ausstellung, dicht an dicht mit Auftragsarbeiten aus dem Westerwald behängt. Repräsentative Porträts zum Familienfest. Niedliche Kinderporträts. Eine Schulklasse. Sechs Uniformierte aufgereiht am Bahnhof. Ein Gruppenbild mit Bergleuten „Glück Auf Grube Hollertszug 1907“. Was gefragt war, Sander lieferte es.

Man engagierte ihn aber auch für besondere Anlässe: Beim 94. Niederrheinischen Musikfest 1925 dirigierte Richard Strauss das Kölner Gürzenich-Orchester. Sander nutzte die Gelegenheit, um den Komponisten für seine „Menschen des 20. Jahrhunderts“ zu porträtieren. Sein Probenfoto wurde 2007 von einem Orchestermusiker entdeckt und der Kulturstiftung als Dauerleihgabe übergeben. Der Dirigent ist in der Musikermenge fast nicht zu entdecken, und der ältere Herr am Pult ist außerdem unscharf.

Natürlich wird eine Auswahl der „Menschen des 20. Jahrhunderts“ geboten. Der Konditor ist da, es war Sanders Nachbar Franz Bremer, aber auch Raoul Hausmann, der mit mächtigem Monokel als „Erfinder und Dadaist“ figuriert. Da hängen sie nebeneinander und ergeben leise Pointen: Der „Herr Wachtmeister“ (1925) in Uniform, mit preußischem Imponierbart, die Hand am Säbelgriff neben dem britischen Kolonialbeamten (1930), einem nüchtern dreinblickenden Herrn im eleganten Anzug. Das ist natürlich von den Ausstellungsmachern inszeniert. Humor hatte Sander aber selbst auch, in der Porträtreihe fehlt nicht der „Gerichtsvollzieher“ (um 1930) mit dem Untertitel: „Menschen die an meine Tür kamen“.

Die Serie entwickelt an den Rändern eine ungewöhnliche politische Schärfe. Im Abschnitt VI Die Großstadt findet sich ein Bild des „Politischen Gefangenen“ (um 1942). Sanders Sohn Erich, der im väterlichen Atelier mitarbeitete, war auch Mitglied der SAPD. 1934 verhaftete ihn die Gestapo, er wurde zu zehn Jahren Haft verurteilt. 1944 starb er an einer unbehandelten Blinddarmentzündung.

Aber man sieht auch Landschaften – Sander reiste zum Beispiel den Rhein entlang, fotografierte und publizierte dann Bildbände. Wenige Fotografen haben so ausführlich wie er Sardinien abgelichtet. Er arbeitete ebenso für die Industrie, dokumentierte Fabrikationsabläufe, nahm Werbemotive auf. Er fotografierte Häuser für Architekten. Er war Naturliebhaber und lichtete Pflanzen und Pilze ab für Naturführer. Der spätere Ehrenbürger Kölns hat die Stadt am Rhein immer wieder fotografiert – in den 1920er und 1930er Jahren, die zerbombten Ruinen unmittelbar nach Kriegsende. Davon schuf er eindringliche Mappen, die die gewaltsamen Veränderungen festhielten. Zwei Räume dokumentieren das Kölner Atelier, mit Fotos vom Labor und sogar von der Toilette, und mit Originalobjekten, darunter Plattenkameras, ein Ölbild von Sander und Möbel.

Sander entfaltete eine weltweite Ausstrahlung, schon 1931 bewunderte der US-Fotograf Walker Evans seine Arbeit. Das Getty-Museum und das New Yorker MoMA haben Sammlungen seiner Werke. In Köln kann man dieser Wirkung auf den Grund gehen wie nirgends sonst.

August Sander: Meisterwerke und Entdeckungen in der SK-Kulturstiftung, Köln. Bis 3.8., tägl. außer mi 14 – 19 Uhr,

Tel. 0221/ 888 95 300, www.photographie-sk-kultur.de, Katalog in Vorbereitung

Quelle: wa.de

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