Künstlerschicksale im NS-Staat: „Anpassung – Überleben – Widerstand“ im Stadtmuseum Münster

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Widerstandsbild: Carl Baumanns Gemälde „Rote Kapelle Berlin“ (1941) ist in Münster zu sehen. ▪

Von Ralf Stiftel ▪ MÜNSTER–Ernst schauen die drei Männer nach vorn. Der Maler hat sie zu einer Gruppe geformt, auch wenn sie keinen Blickkontakt aufnehmen. Sie könnten Architekten sein – im Hintergrund wird gerade eine mächtige Brücke errichtet.

Tatsächlich waren Harro Schulze-Boysen, Walter Küchenmeister und Kurt Schumacher Widerstandskämpfer im Nationalsozialismus. Carl Baumann (1912–1996) porträtierte sie 1941, ein Jahr bevor die Gestapo die „Rote Kapelle“ enttarnte und die Männer festnahm. Der Künstler hat sich im Hintergrund selbst ins Bild gesetzt. Auch er kam in den Gestapo-Keller und überlebte, anders als die Porträtierten. Baumann übernahm nach dem Krieg zahlreiche Auftragswerke für den öffentlichen Raum in Hagen.

Das Bild ist im Stadtmuseum Münster zu sehen, der ersten Station der Wanderausstellung „Anpassung – Überleben – Widerstand“. Darin hat der Kurator Klaus Kösters zusammengetragen, wie Künstler in Westfalen sich im NS-Staat verhielten. Mehr als 20 Maler, Bildhauer, Grafiker sind vertreten, darunter bekannte Künstler wie Eberhard Viegener, Fritz Cremer und Wilhelm Wessel, aber auch viele heute Vergessene. Mit der Schau, einem Projekt mehrerer Museen, entstand ein Panorama über die Kunst in der Diktatur. Die Nazis hatten keine Kunsttheorie. Sie lehnten moderne Tendenzen als „undeutsch“ und „entartet“ ab – Expressionismus, Abstraktion, aber auch den zeitkritischen, urbanen Realismus der Neuen Sachlichkeit. Gefördert wurde, was überholt war, eine verklärende Darstellung mit Motiven aus Brauchtum, Volkskultur und vor allem dem Bauerntum.

Gezeigt werden Gemälde und Skulpturen, aber dies ist keine Kunstausstellung, sondern eine historische Präsentation, unterstreicht Rita Kauder-Steiniger vom Stadtmuseum. Darum werden auch die mediokren Landschaften eines Ernst Rötteken präsentiert. Der Landschaftsmaler, der immerhin bei Wilhelm Trübner studiert hatte, malte für den Reichsführer SS, Heinrich Himmler, die Externsteine und die Wewelsburg.

Von anderem Kaliber ist Carl Busch (1905–1973), ein Mitglied der gemäßigt modernen Künstlergemeinschaft „Die Schanze“ in Münster, dessen „Junge Dame in blauem Kleid“ 1926 noch neusachlich daherkommt und der sich geradezu wild selbst porträtierte – zu sehen in der Dauerausstellung des Stadtmuseums. Gleich 1933 trat er in die Partei ein – und malte im erwünschten Stil, zum Beispiel die „Kartoffelernte“ (1934). 1940 wurde er als Kriegsmaler in die Propagandakompanie eingezogen und schuf das monumentale Schlachtengemälde „Abwehrkampf in der Steppe des Ostens“ (1943). Deutsche Helden liegen im winterlichen Schützengraben, selbst der tödlich Getroffene reicht dem Kameraden mit letzter Kraft eine Granate – ein gemalter Durchhalteappell, ebenso pathetisch wie verlogen, aber bei einer Ausstellung in Münster damals sehr gelobt.

Nicht alle Künstler dienten sich den Machthabern derart an. Eberhard Viegener (1890–1967) hielt Distanz, obwohl er der Reichskulturkammer beitrat. Er war mit einer „halbjüdischen“ Frau verheiratet. Darum malte er unverfängliche Ansichten der Soester Börde. Der Iserlohner Künstler Alfons Lütkoff (1905- 1987) hatte sich von der Avantgarde Frankreichs – Picasso, Leger, Max Ernst – zu einem abstrahierenden Surrealismus anregen lassen. Er dachte nach 1933 an Emigration, hatte aber keine Möglichkeit dazu. Nach Aufforderung trat er 1937 der Partei bei, um seine Stelle als Gymnasiallehrer behalten und seine Familie ernähren zu können. Er malte verschlüsselte Bilder wie die surreale Hitlerkarikatur „Das Biest“ (1937). Ausstellen konnte er solche Werke nicht.

Die Diktatur zwang viele Künstler in Widersprüche, wie Paul Thesing (1882– 1954). Auch er hatte sich in Paris an der französischen Avantgarde geschult. Er schuf nicht nur farblich und kompositorisch brillante Gemälde, sondern arbeitete auch als Karikaturist mit antifaschistischen Zeichnungen wie „Das untergehende Hakenkreuz“ (1931). Schon 1929 verließ er Deutschland, lebte in Italien. Aber nach Kriegsausbruch wurde seine Aufenthaltsgenehmigung nicht verlängert. Er musste nach Deutschland zurück, arbeitete zunächst bei der Filmgesellschaft Tobis, für kurze Zeit zeichnete er sogar antibritische Karikaturen für NS-Blätter.

Dann gab es den Dortmunder Hans Tombrock (1895– 1966), der jahrelang als Obdachloser tippelte und seinen Lebensunterhalt mit Zeichnungen bestritt. Die sogenannte Vagabundenkunst fand durchaus Anklang bei Museen. 1933 aber zwang ihn die Verfolgung durch die Gestapo zu einer Flucht durch Europa, die ihn bis nach Stockholm führte. Dort arbeitete er mit Brecht, illustrierte zum Beispiel dessen „Furcht und Elend des Dritten Reichs“.

Die Künstler erwiesen sich oft als korrumpierbar oder ängstlich, manchmal als mutig. Manche zerbrachen wie der Bielefelder Florenz Robert Schabbon (1899– 1934), der mit Barlach ausstellte, aber sich umbrachte, weil er dem Druck nicht mehr standhielt. Die Familie vernichtete aus Angst einen Großteil des Werks.

Mehr Glück hatte Paul Wieghardt (1897–1969) aus Lüdenscheid, der mit seiner jüdischen Frau Nelli Bär-Wieghardt schon vor 1933 nach Paris emigriert waren. Es gelang ihnen, Visa für die USA zu bekommen, wo Wieghardt eine Professur am renommierten Art Institute of Chicago erlangte. Zu seinen Studenten gehörten Claes Oldenburg und Robert Indiana

Die Schau

Die verdienstvolle Ausstellung arbeitet Künstlerschicksale unter der Diktatur auf: Anpassung – Überleben – Widerstand. Stadtmuseum Münster, bis 1.4.2013. di – fr 10 – 18, sa, so 11 – 18 Uhr,

Tel. 02 51/ 492 45 03, www. muenster.de/stadt/museum/, Katalog, Aschendorff Verlag, Münster, 19,80 Euro

Weitere Stationen: Lippisches Landesmuseum Detmold 3.5.-28.7 2013,

Wewelsburg 15.9.-28.7.2013, Städtische Galerie Iserlohn 29.11.2013-16.2.2014,

Museen der Stadt Lüdenscheid 28.2.-18.5.2014,

Wilhelm-Morgner-Haus Soest 25.5.-6.7.2014.

Quelle: wa.de

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