Wie Künstler das Thema „Die Kathedrale“ in Köln aufgreifen

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Klassische Arbeitsweise eines Impressionisten: Claude Monets „Die Kathedrale von Rouen. Das Portal. Morgenstimmung“ von 1894 ist im Wallraf-Richartz-Museum Köln zu sehen.

Von Ralf Stiftel -  KÖLN Vertraut und doch auch fremd erscheint der Kölner Dom im Gemälde, das Carl Hasenpflug zwischen 1834 und 1836 malte. Die Doppelspitze der Türme, den feinen Rhythmus der hohen gotischen Fenster, die Portale kennt man. Aber der Dom wurde erst 1880 fertiggestellt.

Der romantische Maler nahm in seiner „Idealansicht“ die Vollendung vorweg. Zugleich war das Köln, das er schilderte, eine Konstruktion, eine pseudomittelalterliche Kulisse.

Im Kölner Wallraf-Richartz-Museum füllen Bilder des Doms zur Zeit einen ganzen Saal. Romantische Visionen, aber auch ein aus Holz gehauenes, bemaltes Relief von Stefan Balkenhol und ein Entwurf von Christo, der das gotische Gebäude verhüllt zeigt. Und ein raumhohes Fenster öffnet den Blick auf das wirkliche Gotteshaus. Da spürt man, dass dieses Museum wahrlich der richtige Platz ist für eine Ausstellung zum Thema „Die Kathedrale“.

Und es lässt staunen, dass offenbar Maler seit der Romantik immer wieder die großen Kirchen als Motiv wählten. Eine Serie des französischen Impressionisten Claude Monet markiert gar einen kunsthistorischen Wendepunkt, ein Davor und Danach. Von 1892 bis 1894 porträtierte er die Westfassade der Kathedrale von Rouen 33 mal. Und jede dieser Ansichten unterscheidet sich, weil er skrupulös die Veränderungen von Wetter und Sonneneinfall notiert. In der Fassung „Frühnebel“ (1894) ahnt man den gotischen Bau mehr als dass man ihn sähe. Die Mauern, der Fassadenschmuck, die Figuren verschwinden aus dem Blick, sind nur noch Anlass, Licht und Schwingungen einzufangen. Monet brach mit allen Traditionen. Ihm war die Kathedrale kein Sehnsuchtsort und nicht Projektionsfläche für nationale oder religiöse Gefühle. Er wollte ein Motiv, das sich über Jahre nicht veränderte und für seine experimentelle Serie stabil blieb.

Die Kölner Ausstellung zeigt vier Fassungen aus der Serie und zwei weitere Gemälde Monets von Rouen, ein grandioses Ensemble. Und sie erzählt, wie es dazu kam und wohin es führte. Ein tragisches Jubiläum bietet den Anlass dieses deutsch-französischen Unternehmens: Im September 1914 wurde die Kathedrale von Reims durch deutschen Beschuss zerstört. Es war die Krönungskirche der französischen Könige, ein zentraler Ort der nationalen Identität. Inzwischen haben sich die benachbarten Völker ausgesöhnt, dazu gehört als besondere Geste, dass der deutsche Künstler Imi Knoebel zur 800-Jahr-Feier neue Glasfenster für das Gotteshaus schuf. Dieser Geschichte von Zerstörung und symbolischer Heilung ist in Köln ein eigener Raum gewidmet mit Darstellungen der brennenden Kathedrale, mit einem Wasserspeier, in dem das geschmolzene Blei des Dachs zu einer Metallzunge erstarrt ist, mit Knoebels Entwürfen.

Die großen gotischen Sakralbauten faszinierten seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert viele Intellektuelle und Künstler. In Deutschland setzte Goethe den Irrtum in die Welt, die Gotik sei eine deutsche Erfindung, als er 1772 den Baumeister des Straßburger Münsters, Erwin von Steinbach, im Aufsatz „Von deutscher Baukunst“ pries. Besonders die Maler der Romantik stellten immer wieder Kirchen und Ruinen dar. Es wurden Gegenbilder zum Rationalismus der Aufklärung, zu einer ungeliebten Gegenwart. Man beschwor Größe und Glanz des Mittelalters, und auch die religiösen Gefühle flossen in die Bilder ein. In Frankreich übernahm Victor Hugo die Rolle Goethes. Sein Lobpreis der Kathedralen gipfelte im Roman „Notre-Dame de Paris“ (deutsch: „Der Glöckner von Notre-Dame“).

Spannend ist, dass das Interesse an den großen Kirchen nicht erlosch. Dass die Impressionisten Monets Idee aufgriffen, wundert nicht. So steht Monets Varianten der Kathedrale von Rouen eine Serie von Alfred Sisley gegenüber, der 1893 die Kirche von Moret-sur-Loing an verschiedenen Tageszeiten, in verschiedener Witterung malte, Sisleys Kathedrale, wie Monet es später formulierte. Aber auch die Expressionisten verliebten sich in das Motiv, obwohl es auch ihnen weniger um die Aufladung des Bildes mit religiöser oder nationaler Überhöhung ging. Christian Rohlfs ist mit einer Serie der Soester Kirchtürme zu sehen, August Macke malte die Kathedrale von Fribourg, Ernst Ludwig Kirchner den Frankfurter Dom. Und Lyonel Feininger löste die Marienkirche von Halle in immer neue prismatische Kompositionen auf. Selbst Picasso malte 1945 einen Blick auf Notre-Dame.

Und das Thema kehrt immer wieder in die bildende Kunst zurück. Der Amerikaner Andy Warhol schuf 1980 eine Siebdruckserie des Kölner Doms, veredelt durch aufgebrachten Diamantenstaub. Der Fotograf Andreas Gursky schuf 2007 ein freilich profanisiertes Idealbild der gotischen Kirche, indem er die Fenster der Kathedrale von Chartres am Computer so bearbeitete, dass eine von allen Stützen befreite, schwebende Glasfront übrigblieb, ein Moment der Schwerelosigkeit und Transparenz, vor dem ein Filmteam im Vordergrund surreal zwergenhaft wirkt.

Die Schau

Eine imposante Sammlung verschiedener Kathedralen-Bilder von zehn Künstlers des 19. und 20./21. Jahrhunderts.

Die Kathedrale. Romantik, Expressionismus, Moderne im Wallraf-Richartz-Museum Köln

Bis 18.1.2015, di – so 10 – 18, do bis 21 Uhr, Tel. 0221/ 221 211 19,

www.wallraf.museum

Katalog, Hirmer Verlag, München, 30 Euro

Quelle: wa.de

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