Das Künstler-Duo Gilbert & George zeigt in Duisburg seine „London Pictures“

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Sprechen gemeinsam über ihre Kunst in Duisburg: Gilbert (rechts) und George in der Küppersmühle.

Von Ralf Stiftel -  DUISBURG –Selten haben große Buchstaben den Betrachter mehr erschlagen als hier. „Masked Knifeman Kills College Woman“, heißt es, „City Banker Kills Wife“ und „Assassin Kills Five British Soldiers“. Töten, töten, töten, und das „Kills“, das dem Werk den Titel gibt, knallt rot aus jedem Feld hervor.

Fast verschwindet hinter den Lettern das Bild der beiden Gentlemen im korrekten Anzug, deren Gesichter neben dem Rot die einzigen Farbfelder sind. Zwei Menschen schauen durch das Gitter der schlechten Nachrichten, betroffen, traurig, empört. Gilbert & George.

Das britische Künstlerduo zeigt seine 2011 geschaffenen „London Pictures“ im Duisburger Museum Küppersmühle. Der aktuelle Werkzyklus entstand aus wirklichen Zeitungsschlagzeilen, nicht denen im Blatt, sondern den noch mehr verknappten Slogans auf den Plakaten an Kiosken und Verkaufsständen, die für die Zeitung werben. Knapp 70 Tafeln von insgesamt 292 sind ausgestellt, alle zusammengesetzt aus postergroßen Rechtecken. Die kleinsten Arbeiten bestehen aus vier Teilen, die größten aus mehr als 50. Hunderte Schlagzeilen brüllen dem Besucher visuell ihre Nachrichten entgegen. „Baby For Lesbian TV Chief“, „Boy Gang Shoots Brothers For iPods“, „Sex Scandal Minister Dead“, „Grandad Killed By Speeding Cop Car“. Und so weiter.

Gilbert (geboren 1943) und George (1942) haben die Schlagzeilen in London gesammelt. Angeblich kaufte der eine am Kiosk einen Schokoriegel, während der andere das Plakat stahl. Vielleicht gehört diese Fama, die die Künstler selbst verbreiten, aber auch zu ihrer Inszenierung. 1967 trafen sie sich, der Brite George und der Italiener Gilbert, und bildeten fortan eine Kunst- und Lebensgemeinschaft. Sie haben an der Biennale in Venedig und mehrmals an der documenta in Kassel teilgenommen. Und den Turner Prize bekamen sie 1986. Das alles für eine Form der Aktionskunst, die vor allem auf den Einsatz der eigenen Person setzt. Das Duo tritt korrekt gekleidet auf, in nicht identischen, aber sehr ähnlichen Maßanzügen. Beide handeln und sprechen als Einheit, manchmal wechseln sie sich Wort um Wort ab, meistens sagt erst Gilbert zwei, drei Sätze, dann übernimmt George. Sie sind stets freundlich und verbindlich.

Bekannt wurden sie für ihre Schock-Arrangements, große, grellbunte Montagen aus Text und Bild, in denen neben politischen Schlagworten auch Sexualität und Körperexkremente eine besondere Rolle spielen. In Duisburg sind keine Kothaufen oder nackte Hintern zu sehen, nur kleine gezeichnete Phalli auf dem mehr als sechs Meter breiten Tableau „School Straight“, wo sie wie kleine Graffiti-Engelchen skurrile Schlagzeilen umflattern wie „School Ban On Ice Cream Van“. Straight ist die Antwort von Gilbert & George auf Gay, das Wort steht für heterosexuell.

Die Künstler haben sich abgearbeitet an den Schlagzeilen. Ihre Tafeln verdeutlichen das Serielle, das Klischeehafte der Boulevard-Schlagzeile. Was verkauft ein Blatt? Sex, Gewalt, Katastrophen, Geld, manchmal auch Niedlichkeit, dann gibt es ein Baby, einen Grandad oder die Cute Kids, die pfiffigen Jugendlichen. Gilbert & George haben die Parolen sortiert nach Schlüsselbegriffen, und es verdeutlicht schon das Mechanische der Mediensprache, wenn man 30, 40, 50 Kürzestnachrichten sieht, die alle um ein Reizwort gebaut sind wie Killer, Murder, Paedo, Terror. Den „Mist“ der Medienwelt nennt es Walter Smerling, Direktor des Museums Küppersmühle. Etwas mehr Form hat es allerdings. Die Schlagzeilen sind gegrölte Haikus des Boulevard, streng gebaut und emotional extrem aufgeladen. Die Künstler nennen Charles Dickens als eine Inspirationsquelle. Die Nachrichten scheinen einen kruden Roman der Großstadt zu erzählen, ähnlich wie der große Romancier. „But it’s all there“, sagt Gilbert. „And it’s now“, sagt George.

Im Kontrast zum Wortlärm steht die kalkulierte Bildwelt dahinter. Gilbert & George zeigen sich durchaus stolz auf ihre Arbeit. „It’s all made by us“, betonen sie, alles selbst gemacht. Nicht nur die beiden älteren Herren, die stets etwas fremdelnd hinter den Schlagzeilen stehen, bilden den gutbürgerlichen Kontrast zum Spektakel. Nicht nur sie selbst sind zu sehen, sondern auch gemusterte Gardinen. Solide Hausfassaden, Ziegelmauern mit großen Fenstern. Manchmal ein Straßenzug. Kahle Winterzweige. So ruhig, so normal mag es bei den Zeitungslesern daheim aussehen.

Und im Feld unten rechts blicken wir auf die Queen über dem doppeldeutigen Motto „It’s written all over there“, was einerseits auf die Botschaften verweist, mit denen jede Tafel beschriftet ist, was aber auch bedeutet: Es ist so offensichtlich. Das Profil von Elizabeth haben Gilbert und George von Münzen genommen. Die bekennenden Monarchisten verstehen es als eine Art Siegel der Autorität, geben aber auch zu: We didn’t ask her. Wir haben sie nicht gefragt.

Die Schau

Der aktuelle Werkkomplex der britischen Künstler in der bislang umfassendsten Präsentation: Gilbert & George: The London Pictures im Museum Küppersmühle, Duisburg. Bis 30.6., mi 14 – 18, do – so 11 – 18 Uhr, Tel. 0203 / 30 19 48 01, www. museum-kueppersmuehle.de, Katalog 27 Euro

Quelle: wa.de

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