Kristof Magnussons Roman „Das war ich nicht“

Der ganze Schlamassel beginnt mit einem kleinen Gefallen für einen Kollegen in Not. Der Trainee Jeff bei der Investmentbank Rutherford & Gold hat Optionen verkauft, die er kaufen sollte. Ein falscher Klick am Computer, schon war es passiert. Jasper Lüdemann, 31, deutscher Banker in Chicago, will Jeff helfen, mit einem kleinen Geschäft den Verlust ausgleichen. Er kauft Optionen für einen Hypothekenfonds. Wegen 12 000 Dollars Verlust beginnt ein Börsencrash. Aber das weiß Jasper Lüdemann natürlich noch nicht. Von Ralf Stiftel

Lüdemann ist ein Protagonist in Kristof Magnussons Buch „Das war ich nicht“. Der Autor, Jahrgang 1976, Absolvent des Deutschen Literaturinstituts Leipzig, hat den Roman zur Wirtschaftskrise geschrieben. Mit leichter Hand erläutert er, wie der Handel mit Optionen an der Börse funktioniert, welche Sicherungen es gibt und wie einfach ein Insider die ausschalten kann. Jasper wird nach Deutschland fliehen, internationale Fahnder auf den Fersen, weil ihm der Zusammenbruch des Bankhauses zur Last gelegt wird.

Aber das ist nur ein Handlungsstrang in dem Buch. In Chicago gibt es auch den Bestsellerautor Henry LaMarck, der ausgebrannt ist, obwohl alle von ihm den großen Roman zum Terroranschlag vom 11. September erwarten. Er hat ihn schließlich versprochen – leichtfertig in einer Talkshow. Henry flieht von der Party zu seinem 60. Geburtstag, taucht ab. Und er verliebt sich. In das Zeitungsfoto eines Bankers, der verzweifelt auf fallende Kurse starrt. Das Foto zeigt natürlich Jasper.

Dann ist da noch Meike Urbanski, die Übersetzerin LaMarcks, die verzweifelt auf seinen neuen Roman wartet. Sie braucht das Geld. Und sie mag nicht wieder kitschige Liebesromane übersetzen, die sie „Hausfrauenpornos“ nennt. Als sie erfährt, dass LaMarck verschwunden ist, fliegt sie nach Chicago. Nun kreuzen sich immer wieder die Wege der drei Protagonisten, die in ihre privaten Befindlichkeiten verstrickt sind und überhaupt nicht bemerken, dass gerade die Ökonomie den Bach runtergeht.

Magnusson spielt sehr unterhaltsam mit seinen Figuren. Schon wie er die Begegnungen inszeniert, macht Spaß. Aber gleichzeitig glossiert er sehr treffend die unterschiedlichen Milieus, zum Beispiel die Heuer-und-feuer-Mentalität im Bankengeschäft, wo gleich am Anfang Jaspers Kollege entlassen wird, weil er auf einen Testanruf seiner Arbeitgeber hereinfiel. „Ich hatte 93 Facebook-Freunde“, sagt Jasper. „Die, die ich davon persönlich kannte, hatte ich zum größten Teil seit Jahren nicht mehr gesehen.“ Was für ein Schlaglicht auf die globale Internet-Wüste, in der man unter 93 Freunden am Ende keinen findet, der Lust auf ein Bier hat. Ähnlich präzise kennzeichnet der Autor das Neubürgermilieu Meikes, die ihren Partner verlassen hat, weg vom Haushalt mit dem Weinkühlschrank, den regionalen Produkten und der Mühle mit Peugeot-Mahlwerk für das Himalaja-Salz. Und dann auch noch Henry, der in einem Notfallumschlag die Handynummer von Elton John aufbewahrt – für die Lebenskrise.

Magnusson hält sich gar nicht dabei auf, den großen Roman zum großen Thema zu schreiben. Er bleibt im Detail, im Privaten seiner drei tragikomischen Helden. Genau darum sollte man diese gut gerundete Farce über den Crash nicht verpassen.

Kristof Magnusson: Das war ich nicht. Verlag Antje Kunstmann, München. 287 S., 19,90 Euro

Quelle: wa.de

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