„Krieg und Frieden“ bei den Ruhrfestspielen

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Kindlicher Napoleon: Jana Zöll in „Krieg und Frieden“ bei den Ruhrfestspielen ▪

Von Ralf Stiftel ▪ RECKLINGHAUSEN–Am Ende verlassen die Schauspieler des Centraltheaters Leipzig die Bühne und mischen sich unter das deutlich gelichtete Publikum.

Guido Lambrecht hält eine Lehrstunde über Gesetzmäßigkeiten der Geschichte, unterfüttert mit Beispielen aus der Physik. Als entstünden Kriege so, wie Schwerkraft wirkt. Oder Elektrizität. Dann wird es dunkel. Eine Videoprojektion nimmt das Publikum zu Technoklängen mit in eine Sturzfahrt durch virtuelle Tunnel und Korridore. Wie in einem Videospiel stürzt man vorbei an kleinen schwarzen Bazillen. Dann kommen Animationsbilder von Reitern, einer gebärenden Mutter, aufklappenden Särgen. Ein Abend im Schnelldurchlauf. „Krieg und Frieden“.

Die Ruhrfestspiele setzen den Anspruch ganz hoch mit Sebastian Hartmanns Bühnenbearbeitung von Tolstois monumentalem Roman. Wie fasst man die Fülle von mehr als einem Jahrzehnt, mit rund 250 Personen, in einen Bühnenabend? Hartmann versucht das nicht, obwohl seine Inszenierung der Chronologie des Romans durchaus folgt. Trotzdem bietet er keine durchgehende Erzählung, sondern konzentriert sich auf Stellen, die besonders deutlich die philosophischen und moralischen Fragen des Stoffs aufwerfen.

Die 14 Schauspieler verkörpern denn auch nicht eins zu eins die Romanfiguren. Den Fürsten Andrej zum Beispiel spielt mal Manuel Harder, dann wieder Heike Makatsch, mit angeklebtem Bart. Aber ebenso spielt Susanne Böwe allein einen Salon voll Adliger in Moskau, die das Herannahen der Napoleonischen Truppen diskutieren. Sie wendet sich, wechselt die Stimme. Andrejs schwangere Frau Lisa kommt versechsfacht daher, als Damenchor. Kein Startheater. Makatsch fügt sich ins Ensemble ein: Hier spielen alle auf hohem Niveau.

Das Kollektiv eignet sich Tolstois Text an, bricht ihn und befragt ihn. Das erschließt die Grundlinien des Romans, das Panorama einer Oberschicht, die ihren Lebenssinn verliert und sich dem im großen vaterländischen Krieg stellen muss. Aber es tastet sich in Momentaufnahmen heran. Manchmal ist das bloß eine alberne Bierspritzerei. Aber es gelingen auch großartige Bilder. Das verdankt sich einer so einfachen wie genialen Bühne (Hartmann mit dem Künstler Tilo Baumgärtel). Sie besteht aus zwei großen Platten. Die eine unter der Decke bietet die Möglichkeit, Schrift und Bilder zu projizieren. Die untere kann in alle Richtungen geneigt werden, ist mal Hochplateau, mal Steilhang, auf dem die Schauspieler balancieren, mal Mauer. Scheinwerferbatterien erledigen den Rest. So erscheint eine Schlacht als Getümmel aus Schatten und Fahnenschwenken. Auf der Bühne gebiert Lisa ihr Kind, das sich in Napoleon verwandelt. Die kleinwüchsige Jana Zöll spielt famos zwischen Babyheulen und wütendem Kommandogebrabbel. Musikalisch untermalt wird das alles von einem Trio um Sascha Ring.

Dieser Tolstoi-Kommentar wirkt am stärksten, wo er sich an konkreten Momenten kristallisiert. Der Tod des Fürsten Bolkonski wird zum tragikomischen Kabinettstück: Immer wieder hebt Matthias Hummitzsch den Kopf und sagt seiner Tochter (Birgit Unterweger), dass er sie liebe, obwohl sie so hässlich sei. Dann fällt er zurück in Agonie, sie fragt: Ist er wirklich tot? Und das Ritual beginnt neu.

Menschen tun sich weh. Mal lieben sie sich nicht (genug), mal morden sie einander. Tolstois Moral ist manchmal plakativ, simpel. Hartmanns Abend macht das transparent. Nach der zweiten Pause, vier Stunden sind da schon gespielt, erklärt Hartmann „Krieg und Frieden“ für beendet und spielt „Komödie“. Es folgt die riskanteste Szene, die „Wolfsjagd“, bei der Hagen Oechel und Jana Zöll sich nackt zusammenkauern, und es glückt.

Dann aber tritt ein Narr auf und eine Tänzerin und zwei Kisten, die kopulieren. Hartmann wechselt die Tonart des Abends bis hin zum Klamauk. Dann kommt die große Videosause, minutenlang, zu anschwellendem Tastengetön, fast als wolle Hartmann die letzten Zuschauer ohne Schlussapplaus heimschicken. Nach fünfeinhalb Stunden ist Schluss bei einem Abend mit großen Bildern, die aber die Mühen des Zuschauens nicht völlig aufwiegen.

Krieg und Frieden bei den Ruhrfestspielen. 12., 13., 14.5., Tel. 02361/ 92 180, http://www.ruhrfestspiele.de

Quelle: wa.de

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