Kornél Mundruczós Stück „Schöne Tage“ in Oberhausen

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Fröhlich hinter dem Zaun: Szene aus „Schöne Tage“ am Theater Oberhausen. ▪

Von Ralf Stiftel ▪ OBERHAUSEN–Auf der Bühne des Schauspiels Oberhausen sieht man erst das Gitter, dann ein Autowrack, Sofa, Kühlschrank, Waschmaschine. Könnte die Sperrmüllversion der West Side Story sein. Wer glaubt hier schon an „Schöne Tage“? Kornél Mundruczó jedenfalls setzt mit dem Titel des Stückes die erste Pointe. Er blickt pessimistisch ins Jahr 2031, auf ein erneut geteiltes Europa mit den Migranten als Verlierern.

Der ungarische Regisseur, Jahrgang 1975, hat mit Filmen zahlreiche Preise errungen, unter anderem bei den Kurzfilmtagen Oberhausen und bei den Filmfestspielen in Cannes. Er inszeniert aber auch an deutschen Theatern – wie nun in Oberhausen. Das Stück, das er mit Viktória Petrányi geschrieben hat, ist die Bühnenfassung seines ersten Spielfilms, der 2002 mit einen silbernen Leoparden beim Filmfest in Locarno ausgezeichnet wurde. Die „proletarische Operette“ verarbeitet Motive aus Gerhart Hauptmanns Tragikomödie „Die Ratten“. So wird auch hier ein neugeborenes Baby verkauft.

2031 also, Oberhausen. Maja (Nora Buzalka), eine Bordsteinschwalbe, aber mit deutschem Pass, liegt am Anfang in den Wehen. Ihr brutaler Lover soll nichts davon wissen. Die Griechin Maria (Anja Schweitzer) kauft ihr das Kind ab. Sie will damit die Beziehung zu ihrem deutschen Partner vertiefen und hofft auf Papiere. Das Familienglück wird freilich durch Marias Bruder Peter (Sergej Lubic) gestört, der aus dem Gefängnis entlassen wurde und eine Bleibe sucht. Er wird Arbeit suchen, Maja begegnen und sich in sie verlieben, was wieder Ärger mit dem Lover gibt, der zufällig auch Peters neuer Boss ist.

Und dazu singen sie auch noch, wenige neue, vor allem aber eine gepflegte Auswahl älterer Rocksongs. Nick Caves „Do You Love Me?“ zum Beispiel gibt eine Art Leitmotiv her. All diese Habenichtse in ihrem umzäunten Slumteil von Europa suchen nach Liebe. Kriegen sie natürlich nicht. Peter wird wieder töten und vergewaltigen dazu und am Ende wieder fortlaufen. Und dann sind da noch die Außerirdischen, die unsere Sonne gestohlen haben und die Erde übernehmen wollen. Eigentlich ist nur dieses kleine Stück Oberhausen noch übrig... Am Ende stehen sie mit Leuchtmasken am Zaun.

Das ist so wirr, wie es klingt. Das Oberhausener Ensemble hängt sich voll rein, so dass man immerhin einige unterhaltsame Momente hat. Zum Beispiel beim Mädchengespräch zwischen Maja und ihrer Freundin Claudi (Angela Falkenhain), die nicht nur über die Feinheiten eines Irokesenschnitts im Intimbereich diskutieren, sondern sich auch über die Kerle lustig machen, indem sie affenmäßig am Gitter rütteln. Es gibt realistische Momente von schmerzlicher Schärfe, in der Geburtsszene zum Beispiel stöhnt, keucht und leidet das Publikum fast mit Maja. Intime Räume und Dunkel werden mit Videoeinsatz ausgeleuchtet. Und mit dem formidablen Pianisten und musikalischen Leiter Otto Beatus und dem Gitarristen die Darsteller Gitarre und Bass bedienen und singen, gibt dem Soundtrack dieser „Operette“ einen rauen Garagen-Rock-Charakter.

Letztlich überfordert die Tour de force durch Stimmungen und Genres die Menschen auf der Bühne ebenso wie die davor. Zu vollgestopft und unsortiert ist das Geschehen.

21.1., 3., 19.2.,

Tel. 0208/ 85 78 184,

http://www.theater-oberhausen.de

Quelle: wa.de

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