„Kolbe“: Andreas Kollenders Roman über einen Spion gegen die Nazis

+
Erinnert an einen Streiter gegen die Diktatur: Romanautor Andreas Kollender.

Sein Freund hofft für Fritz Kolbe: „Nach dem Krieg – man wird dich in Deutschland als Helden feiern.“ Der Diplomat bleibt ganz nüchtern: „Die können alleine feiern.“ Es hat lange gedauert, erst 2005 hat der damalige Außenminister Joschka Fischer einen der effektivsten Kämpfer gegen Hitler gewürdigt. Kolbe (1900-1971) war von 1943 an der Topspion der Amerikaner im deutschen Außenministerium. Ihm verdankten die Alliierten Informationen über Kriegsziele, Einsatzpläne, Codes.

Gefeiert wird Kolbe bis heute nicht von den Deutschen. Immerhin hat ihn nun Andreas Kollender zum Titelhelden eines Romans gemacht. „Kolbe“ ist allemal ein wichtiges Stück Erinnerungsarbeit. Und zugleich ein überaus spannender Spionagethriller, obwohl darin Verfolgungsjagden, Schießereien und ähnliche Action fehlen. Es genügt ja, Kolbe gedanklich auf seine diplomatische Mission nach Bern zu begleiten, wenn er offizielle Dokumente in die Aktentasche packt und sich das Material, das er den Amerikanern zuspielen will, um das Bein bindet. Wenn der Grenzposten misstrauisch wird, kann das tödlich enden.

Es hilft vielleicht, dass Kolbe unauffällig ist, „ein biederer, elegant gekleideter, nicht allzu großer Beamter aus dem Auswärtigen Amt“. Kollender bleibt ganz dicht bei seinem Helden, erzählt aus seiner Perspektive. Zwei junge Zeitungsreporter besuchen ihn kurz nach dem Krieg. Da hat sich für Kolbe das stille Heldentum nicht ausgezahlt. Einige Jahre arbeitete er noch für die Amerikaner, aber in den diplomatischen Dienst, der durchsetzt war mit alten Nazis, kam er nicht zurück. So jobbte er später als Vertreter. Der Ex-General Gehlen, der im Roman auch vorkommt, machte hingegen Karriere, wurde Chef des Bundesnachrichtendienstes.

In der Rückschau erfährt der Leser, wie Kolbe, zunächst in der Botschaft von Südafrika, zurückkehrt, schon da Gegner der Diktatur. Fein charakterisiert Kollender seinen Protagonisten. Ein aufrechter Mann, klar sehend, der vernünftig genug ist, sich zu verstellen, wenn ihn die überzeugten Parteigenossen provozieren, der aber anschließend die aufgestaute Wut in Affekthandlungen herauslassen muss. So sticht er in seiner Wohnküche in Berlin dem Zeitungsbild Hitlers die Augen aus. Er widerstrebt so, dass er sich herauswinden kann, mit unauffälligen Gesten. Den offiziellen Gruß verfremdet er zu „Hei Hitler“. Kollender stilisiert ihn nie zum glatten Profi. Kolbe bleibt im Buch der Amateur, wenn auch talentiert, intelligent, mit gutem Gedächtnis. Was ihn antreibt, das verstehen die US-Geheimdienstler um Allen Dulles (der spätere Direktor des CIA) nicht, Geld lehnt er ab. Allerdings bittet er darum, dass man seine Geliebte Marlene Wiese aus Deutschland herausbringt. Und als er glaubt, am Tod seines Freundes schuld zu sein, weil der in einer Dienststelle arbeitete, die Kolbe verraten hat, da zweifelt er an seiner Mission.

Dies ist ein richtiger Roman: Die Liebesgeschichte um Marlene, die mit einem anderen verheiratet ist und ihm beim Abschreiben der Geheimdokumente hilft, die hat Kollender sich ausgedacht. Die Bettszenen sind nicht ganz so gelungen. Aber seine geradezu filmische Konstruktion trägt. Da sind die Momente aus dem fiebrig-apokalyptischen Berlin, wo die Bomben fallen, man sich über Schokolade oder Hering freut und Kolbes Wut auf das System immer neu angestachelt wird, wenn zum Beispiel Nazischergen einen Mann vor den Augen seines Sohnes aus dem Fenster werfen. Da sind die Szenen aus dem Amt mit Gestapoleuten und dem fanatischen, ewig misstrauischen Müller und dem ziemlich ahnungslosen Botschafter von Günther. Und da sind die gefährlichen Ausflüge in die Schweiz, wo nicht nur die Amerikaner warten, sondern auch deren Kollegen aus Russland.

Ein Roman war Kolbes Leben beinahe schon. Kollender hat es nur aufgeschrieben, mit der Sachlichkeit und den erregten Momenten, mit dem Respekt und der Spannung, die dieser deutsche Held verdient hat.

Andreas Kollender: Kolbe. Pendragon Verlag, Bielefeld. 448 S., 16,99 Euro

Quelle: wa.de

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.
Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare