„Kohle.Global“: Ruhr Museum zeigt Ausstellung über das Schwarze Gold

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Jede Menge Kohle erblickt der Besucher der Ausstellung „Kohle.Global“ im Ruhrmuseum Essen schon beim Eintreten. Und jedes Kohlestück kommt aus einem anderen Land.

Von Ralf Stiftel

Essen - Silbrig schimmert der Anthrazit aus Vietnam. Stumpf und spröde wirkt der Brocken aus Russland. Bröselig-braun ist die Mattbraunkohle aus Korea aufgerissen. Unscheinbar sieht der Klumpen aus dem Kongo aus. Gleich im Eingangsbereich der der Ausstellung „Kohle.Global“ im Ruhr Museum Essen findet der Besucher das Schwarze Gold in all seinen Erscheinungsformen.

Das Haus widmet sich in der Präsentation einem Rohstoff, der mit dem Stahl das Montanzeitalter antrieb, Fortschritt und Reichtum brachte. Im Ruhrgebiet endet diese Epoche, 2018 schließt das letzte subventionierte Steinkohlenbergwerk in Deutschland. Trotzdem hält sein Haus keine nostalgische Rückschau, betont Direktor Heinrich Theodor Grütter, sondern blickt auf die „Reviere der anderen“. Das Kohlezeitalter steht noch nicht einmal auf seinem Höhepunkt. Weltweit wird so viel Kohle gefördert wie nie zuvor. 2011 waren es 7,3 Milliarden Tonnen weltweit. Das ist fast so viel, wie im Ruhrgebiet in fast 200 Jahren gefördert wurden, das waren 8,2 Milliarden Tonnen. Die gute Nachricht: Die Kohle wird der Menschheit so schnell nicht ausgehen. Es gibt noch nicht einmal sichere Kriterien dafür, wie man die Vorräte bewerten kann, sie werden in Gigatonnen geschätzt. Und auch in Deutschland ist die Kohle nicht am Ende: Allein mit dem rheinischen Braunkohletagebau nimmt unser Land einen Platz unter den bedeutendsten zehn Kohleförderländern der Erde ein.

Das Ruhrgebiet nahm Entwicklungen vorweg, die den neuen Kohleländern wie China, Russland, Indonesien, Kolumbien noch bevorstehen. Das Ruhr Museum suchte sich Partner, um dort zu recherchieren. Die neuen Reviere sind Zuwanderungsgebiete. Sie können lernen, wie man künftig mit den Kohlefolgen umgeht. Das Ruhr Museum hat sich mit Partnern im Ruhrgebiet wie dem Deutschen Bergbaumuseum in Bochum und den Industriemuseen in Dortmund und Oberhausen zusammengeschlossen, um bis 2018 kontinuierlich den Kohleausstieg zu begleiten. Die aktuelle Ausstellung ist der Auftakt dazu.

Darin unternimmt Kuratorin Ulrike Stottrop eine Bestandsaufnahme ohne jede gefühlige Ruhrpott-Romantik. Die Geologin beginnt mit der Entstehung des Rohstoffs in urzeitlichen Sümpfen vor mehreren 100 Millionen Jahren. Und sie spannt den Bogen bis zu den Umweltproblemen durch den CO2-Ausstoß, der durch den weltweit erhöhten Verbrauch entsteht. Es ist eine große Inszenierung, die schon durch ihren Ort, die einst größte Tiefbauzeche der Welt, mit den kohlestaubgeschwärzten Wänden wirkt. Hier entfaltet sich einerseits die Materialästhetik der rund 250 Objekte, hier kommen aber auch die 400 Fotos und zahlreiche Modelle zur Geltung. Kohle, das sei ein Männerthema, meint Grütter, und darum finden Jungs hier herrliche Schaustücke wie Modelle von den riesigen Baggern, mit denen im Tagebau geschürft wird.

Ein Raum ist den fossilen Pflanzen gewidmet, aus denen sich in Sümpfen die Kohle bildete. Wunderschön wirken die Leuchtfotos von Kutikulen. Das sind Strukturen von versteinerten Pflanzenzellen, die mit Säuren freigelegt wurden. Der Bergbau verändert die Erde noch einmal: In Borneo gräbt sich der Tagebau in den tropischen Regenwald. In den USA werden in den Appalachen einfach Berggipfel weggesprengt, um an die Kohle führenden Schichten zu gelangen. In der Schau werden Umweltfolgen am Detail verdeutlicht: Neben dem Präparat eines gesunden Fischs findet man einen verkrüppelten Bachzwergdöbel im Glas. Selen aus der Kohleförderung in West Virginia hat seine Wirbelsäule verkrümmen lassen.

Ebenso richtet die Schau den Blick auf die Förderbedingungen in Entwicklungsländern. In Indien zum Beispiel gibt es einen illegalen Kleinstabbau in aufgelassenen Minen. Ein Fahrrad ist zu sehen, mit dem Binod Raut die so gewonnene Kohle in Säcken abtransportiert, pro Fahrt 300 Kilogramm. Auch das macht die Schau so spannend: Wie sie an Objekten, die besonders inszeniert werden, Geschichten erzählt und abstrakte Zahlen und Daten greifbar macht. Das können der Helm und die Hacke des vietnamesischen Bergmanns Le Thanh Nghi sein, die er 29 Jahre lang benutzte, ehe sie 2010 durch neues Gerät ersetzt wurden. Oder Arbeitskleidung und Grubenlampe von Alexander Wassilijew, der 2006 einem Grubenunglück in Kasachstan zum Opfer fiel. Und die präparierte Staublunge zeigt die schleichenden Gefahren, die den Bergleuten drohen.

Aber die Ausstellung rückt stets mehrere Seiten in den Blick. Neben den Gefahren und den zerstörerischen Folgen der Kohlenutzung stehen auch ihre großen Chancen. Zum Beispiel verdeutlicht eine Vitrine den Wert der Kohle als Quelle für die chemische Produktion.

Und natürlich entstand um die Kohle auch jede Menge Folklore und Kultur. Eine Wand zeigt Schallplattencover von Bergmannsliedern, vom US-Hit „16 Tons“ bis zu Erwin Weiss’ Lied „Da kenn ich nix, da bleib ich Kumpel“. Ein polnischer Kumpel schnitzte einen Kopf aus einem Kohlebrocken. Es gibt Bergmannsfiguren und solche der Hl. Barbara, der Schutzheiligen der Kumpel, Grubenlampen, Zierteller, ein Zierbrikett.

Und was haben die Kaugummi-Packungen mit Kohle zu tun? Ausgerechnet durch die Felder der Minzbauern in Oregon sind Bahntrassen für Kohletransporte geplant. Sie liegen auf dem Weg zu den Häfen, aus denen der Export nach Asien starten soll. Die Landwirte fürchten, dass die gewaltigen Mengen von Feinstaub ihre Spearmintfelder vergiften.

Kohle.Global im Ruhr Museum Essen.

Eröffnung Sonntag, 11 Uhr,

bis 24.11., tägl. 10 – 18 Uhr,

Tel. 0201/ 24 681 400, www.ruhrmuseum.de

Katalog, Klartext Verlag, Essen, 24,90 Euro

Quelle: wa.de

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