Köln stellt den Feinmaler Godefridus Schalcken vor

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Barocke Fülle und Exzentrik: Schalcken porträtierte Elisabeth Tallyarde (1679) mit Papagei und Orange.

KÖLN - Cupido hebt mahnend den Finger. Der Betrachter soll bloß nicht den Schlaf der Liebesgöttin stören. Wie in einem Pin-Up hat Godefridus Schalcken die nackte Venus vor dem Betrachter ausgebreitet. Und der niederländische Barockmeister weckt mit höchster Kunst die Illusion von kostbaren Stoffen, matt schimmerndem Holz, blinkendem Metall und vor allem von weicher Haut. Venus ruht hinter einem dicken Vorhang, beleuchtet vom warmen Schein einer Kerze, deren Flamme wir durch den Vorhang sehen. Aber ihr Bein ragt aus dem Schatten in das Tageslicht.

Für solche Effekte war Schalcken (1643–1706) zu Lebzeiten ein Star der europäischen Kunstszene. Nächtliche Szenen im Kerzenschein waren geradezu sein Markenzeichen. So malte der Pfarrersohn aus dem Provinzstädtchen Made im Jahr 1695 auch sich selbst. Aus dem Dunkel der Bildfläche blitzt wie in einem Scheinwerferspot sein Gesicht auf, durch die starken Schlagschatten so plastisch, dass man glaubt, es berühren zu können. Seine Hand und seine Palette erkennt man im Schatten, er hat überaus kunstvoll festgehalten, wie die Dinge im abnehmenden Licht verblassen, die Farben sich verändern. Ebenso virtuos zeigt er die flackernde Kerze, die offenbar im Luftzug steht, den Docht, den beschienenen oberen Wachsrand.

Jetzt bietet das Kölner Wallraf-Richartz-Museum die Chance, einen der besten Vertreter der niederländischen Feinmalerei neu zu entdecken. Die Schau umfasst mit rund 80 Werken etwa ein Drittel des erhaltenen Werks. Leihgaben kommen aus New York, der Londoner National Gallery, dem Amsterdamer Rijksmuseum, der Narodni Galerie in Prag. Erstmals ist dieser Meister nun in einer Retrospektive zu bewundern. In Vergessenheit geriet Schalcken im 19. Jahrhundert, als die bodenständigeren, mehr bürgerlich ausgerichteten Vertreter der Niederländer wiederentdeckt wurden, Rembrandt, Frans Hals und andere. Schalcken war auf einmal zu elegant, seine an der höfischen Tradition ausgerichteten Porträts zum Beispiel. Im Doppelporträt mit seiner Gattin Francoisia van Diemen (1706) trägt er nicht nur die höfische Perücke mit den ausladenden langen Locken. Er hebt auch die Goldmedaille an, die ihm Kurfürst Johann Wilhelm von der Pfalz verliehen hatte, der Materialwert der Gabe entsprach dem Jahresgehalt eines Pfarrers.

Schalcken nutzte geschickt seine Chancen im ausklingenden Goldenen Zeitalter, als der Kunstmarkt kriselte. Und 1692 ließ er sich in London nieder, einer Metropole von 500 000 Einwohnern. Er arbeitete für die Höfe und für ein reiches bürgerliches Publikum und schuf einige seiner größten Porträts. Manche seiner Bilder wurden für 1000 Gulden gehandelt. Er hatte ein Haus für 2000 Gulden gekauft.

Was fasziniert an den oft nur postkartenkleinen Bildern Schalckens heute? Zum einen natürlich die Brillanz der Malkunst, die bei ihm einen Grad an Illusionismus erreicht, dass man nur noch staunt. Im Blumenstillleben (1692–96) verstecken sich nicht nur zwei Falter, da zeigt er nicht nur feinste Blütenhärchen und vertrocknete Stellen an Blättern, er hat auch einige Tautropfen auf das Bouquet gesetzt, so frisch ist dieser Strauß! Anders als viele Vorgänger hatte Schalcken sich nicht spezialisiert. Für Geld malte er alles. Und so gibt es eben mythologische Motive wie die Götterversammlung „Ceres mit Venus, Cupido und Bacchus“ (um 1685), wo die Erdgöttin in einen Pfirsich beißt, dass ihr der Saft auf den Ausschnitt tropft, und fromme Bibelszenen wie eine Heilige Familie und eine Verleugnung Petri, beides natürlich mit Kerze.

Er wusste, dass sich Sex verkauft. Die „junge Dame vor dem Spiegel“ (1680–85) hält ihre Hände vor das freizügige Dekolleté. Und die „Heringsverkäuferin“ (um 1685) ist nicht nur viel zu elegant gekleidet für eine Marktfrau, der Hering in ihren spitzen Fingern ist zudem ein überdeutliches Phallussymbol (der Fisch galt in den Niederlanden zudem als Lustmacher).

Schließlich zeigt er ganz wunderbare Alltagsmomente, die ganz modern wirken. Ein Junge hält einen runden Pfannkuchen hoch, in den er Augen, Mund und Nase gebissen hat, ein barocker Smiley (1670–80). Ein Junge macht Lärm mit einem „Rommelpot“, und eine gediegen gekleidete Matrone blickt durch ihren Kneifer auf den Quälgeist (1665–70). Wird sie ihm eine Ohrfeige verpassen oder doch eine Süßigkeit schenken? Ebenso malt er die alte Frau, die einen Kupferkessel schrubbt, eine Bordellszene und den Besuch des Arztes, der im Uringlas der Liebeskranken schon den Fötus erspäht, aha, schwanger.

Schalcken hatte definitiv ein Gespür für Komik. Elisabeth Tallyarde, eine der reichsten Bürgerinnen Dordrechts, liebte offenbar Selbstinszenierungen. Das Porträt von 1679 in der Kölner Schau zeugt davon. Der Künstler malt die üppige Dame im schillernden Seidenkleid, lässt sie in der Linken eine Orange halten, Statussymbol jener Zeit, und mit der Rechten, in einem Spezialhandschuh, ihren zahmen Papagei halten. Diese lebensfrohe Exzentrik lässt uns auch heute noch schmunzeln.

Bis 24.1.2016, di – so 10 – 18, 1. u. 3. Donnerstag im Monat bis 22 Uhr, Tel. 0221/ 22121 119, www.wallraf.museum, Katalog, Belser Verlag, Stuttgart, 29 Euro

Quelle: wa.de

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