In Köln beeindruckt das Tango-Musical „Tanguera“

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Endlich zu zweit: Lorenzo und Giselle in der Show „Tanguera“.

KÖLN - Historische Fotos werfen den Blick zurück auf Argentinien, als Einwanderer Anfang des 20. Jahrhunderts aus Europa kamen. Die Dockarbeiter im hafen sind aufmerksam, die Reisenden voller Hoffnung, und der „Tanguera“-Abend in der Kölner Philharmonie beginnt wie eine verwunschene Erzählung mit zarten Moll-Tönen auf dem Schifferklavier.

Dieser besondere Grundton der Tango-Musik, die Gerardo Gardelin für „Tanguera“ ausgewählt und arrangiert hat, trägt die Geschichte von Giselle und Lorenzo. Beide haben sich spontan in einander verliebt, aber die Autoren Dolores Espeja und Diego Romay entwickeln die Begegnung nicht mit Happyend-Garantie wie in den Musicals unserer Zeit. Grell, effektvoll und gefühlsduselig muss es nicht immer sein. „Tanguera“ ist ein Melodram, das aus Argentinien kommt und bereits weltweit erfolgreich war. Am Rhein war die Produktion von Lisandro Adrover schon 2008 zu sehen. Jetzt ist sie wieder in Köln. Das Interesse hält wohl an, auch wenn die Premiere nicht ganz ausverkauft war.

Nur im Hafen sind ein paar Bewegungen zu sehen, die an Kazatschok, Mazurka- und Polka denken lassen. Dann dominiert der Tango: seine harmonischen Parallelschritte, die spannungsvollen Kreuzungen (cruzada), die explosiven Drehungen (ochos) und die akzentuierenden Wendeschritte (giros). Choreografin Mora Godoy hat den intimen Tanz zum Show- und Revuetanz erweitert. Dabei brillieren die acht Paare temporeich, körperlich und exaltiert. Die spürbare Nähe, die die Umarmung im klassischen Tango zwischen den Liebenden sichtbar macht, muss hier zugunsten des Showformats auf der großen Bühne zurückstehen. Selbst als Lorenzo (Esteban Domenichini) und Giselle (Leticia Fallacara) endlich allein sind, demonstrieren ihre Hebefiguren den höchsten Ausdruck des Herzens, für die Intimität des Paares fehlen ruhige Momente.

„Tanguera“ ist vor allem ein Kampf. Giselle gerät an den kriminellen Nachtclubbesitzer Gaudencio, der die Französin nach Buenos Aires gelockt hat. Dabel Zanabria ist der markanteste Charakter auf der Bühne. Wenn er mit Giselle tanzt, fordern seine Schritte ihre Unterwerfung. Und Leticia Fallacara demonstriert selbst im Gestus der Umarmung, wie unangenehm ihr das ist. Aber im Hafenviertel „La Boca“ zählt ihre Stimme nicht.

Kommentare zum Drama des Lebens singt Marianella mit leidensvoller Miene. Der Gesang fällt beim argentinischen Musical spärlich aus. Zwar ist das publikumswirksame Genre mit genannt, aber wohl um der Produktion Aufmerksamkeit zu sichern.

Womit „Tanguera“ wirklich punkten kann, sind die großartigen Tanzszenen. Im Nachtclub steigen die Tänzerinnen mit Federboas eine Showtreppe herunter. Der Streit um Giselle kulminiert in einem Dreier-Tanz, wenn Lorenzo seinen Kontrahenten Gaudencio ausmanövriert und zwischen den Umarmungen der Hass greifbar ist. Nun entwickelt „Tanguera“ eine tragische Spannung, die wie das Spiel des Bandoneons die Geschichte dunkel einfärbt.

Giselle wird ins Bordell gezwungen, das mit wenigen Bildern elegant und verrucht erscheint. Die Produktion basiert auf der Geschichte des Tangos, die für Europäer immer mit dem Nachtleben am Rio de la Plata zu tun hat, mit Halbkriminellen im zwielichtigen Milieu. Diese verkürzte Rezeption des Tangos ist im dosierten Licht (Ariel del Mastro) und den Straßen- wie Tanzlokalen (Valeria Ambrosio) der Produktion abgebildet. Die folkloristische Tradition wird mit den Wäscherinnen bedient, die aber weichen müssen, als Gaudencios Schläger einmal mehr Giselle einfangen.

Überraschend erotisch sind die Bordell-Schlaglichter, wo in diffusen Séparée-Boxen sich die Paare winden – muskulöse Tänzer zeigen sich das einzige Mal oben ohne, ansonsten tragen sie Anzüge, und die Bösen haben schwarze Hüte – natürlich.

Messerstechereien werden in Zeitlupe choreografiert. Kaltes Licht kommentiert die Gewalt. Der Tango pointiert auch in den Gruppenszenen die Rolle von Frau und Mann eindeutig. Im Schlussbild ist er immer oben und sie hingebungsvoll unten. Dem Publikum hat es sehr gefallen, auch die revuehaften Zugaben, denn das Drama ist nach einer Stunde und zehn Minuten bereits erzählt. Im Epilog schütteln sich die Kontrahenten doch noch die Hände und machen den fiesen Messereinsatz vergessen. Auch das hat allen gefallen. - Von Achim Lettmann

Tanguera in der Kölner Philharmonie. Bis 28. Juli. Köln-Ticket 0221/2801 oder 280 280.

www.tanguera-musical.de

Quelle: wa.de

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