Kloster Dalheim widmet sich in „Heiter bis göttlich“ der frommen Spielkultur

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Das Altargemälde aus dem Osnabrücker Diözesanmuseum (1484) zeigt neben Maria und dem Christusknaben auch drei Kinder, die mit Stab, Schwert, Ratsche und Würfel spielen (vorne).

Von Alexandra Helms Dalheim -  Lotterie, Würfel, Brett- und Ballspiele. Das alles hört sich eher nach sündiger Spielhölle als nach frommen Klosterleben an. Dass die Spielkultur hinter Klostermauern durchaus einen festen Stellenwert hatte, zeigt von heute an die Austellung „Heiter bis göttlich. Die Kultur des Spiels im Kloster“ im Kloster Dalheim. Über 300 Exponate verraten, mit welchen spielerischen Tätigkeiten sich Mönche, Nonnen und Klosterschüler beschäftigten, was erlaubt und was tabu war. Natürlich dürfen auch die Besucher Spiele ausprobieren.

Ein Jesuskind als Anziehpuppe? So banal ist die Bedeutung der etwa säuglingsgroßen Christusfigur freilich nicht. Dennoch wurde sie als religiöses Spielzeug konzipiert. Der kleine elfenbeinfarbenen Körper steht auf einem goldverzierten Sockel. Dass diesem blondgelockten Knaben eine besondere Stellung zukommt, wird anhand der goldenen Kugel, der verkündigenden Geste und seiner aufrechten Haltung sofort deutlich. Christkinder dienten dazu, Nonnen den Zugang zur religiösen Meditation zu erleichtern. Indem sie die Figuren innig hegten und pflegten, sie ankleideten und in den Arm nahmen, versuchten sie, sich in die Rolle Marias zu versetzen oder Visionen herbeizuführen.

Zu sehen ist dieses Exponat neben über 300 weiteren seltenen, teils kuriosen Stücken in der Ausstellung „Heiter bis göttlich“. 1000 Jahre Spielkultur werden beleuchtet. In drei große Themenbereiche haben die Kuratoren die Schau unterteilt, um Besuchern diesen ungewöhnlichen Aspekt des Klosterlebens aus verschiedenen Blickwinkeln zu zeigen. Um die Abteilungen „Spiele und Spieler“, „Geistiges und geistliches Spiel“ sowie „Klostermotive in Spiel und Spielzeug“ in Szene zu setzen, wird erstmals das ganze Haus genutzt. Im Zentrum steht die Frage „Was ist die Bedeutung von Spiel?“ Um das zu ergründen, werden auf drei Ebenen die einzelnen Themenfelder ästhetisch anspruchsvoll und modern in einem historischen Umfeld präsentiert.

„Spiel ist nicht zwangsläufig mit Müßiggang gleichzusetzen“, erklärt Projektleiterin Helga Fabritius. Viele Klosterregeln sahen im Mittelalter Zeiten der Rekreation und Erholung für die Ordensleute vor, in denen auch gespielt werden durfte. „Gerade der mittelalterliche Begriff von Spiel ist viel weiter gefasst, als wir das heute kennen“, so Fabritius. Er umfasse neben Vergnügen und Zeitvertreib auch sportliche oder geistige Wettkämpfe sowie Tanzen, Musizieren und Schauspielen.

Die Abteilung „Spiele und Spieler“ zeigt neben archäologischen Funden wie Murmeln und Spielzeugtieren auch Gemälde und Preziosen, die Spielmotive aufgreifen. Besonders hervorzuheben ist das Altargemälde von 1484 aus dem Osnabrücker Diözesanmuseum. Die Darstellung zeigt die Heilige Familie, in deren Zentrum Maria mit dem Jesuskind thront. Zu ihren Füßen sitzen drei spielende Kinder mit Stab, Schwert, Ratsche und Würfel. Im unschuldigen Kinderspiel war Würfeln also geduldet, während dieses Glückspiel ansonsten verboten war und als Sünde galt.

Aber auch kreative Spielerfindungen sind hier zu entdecken. Aus der Zisterzienserabtei Lichtenthal stammt das Brettspiel „Wolf und Schafe“, bei dem es galt, den Wolf taktisch klug mit Schäfchen zu umzingeln, bevor er zuviele von ihnen reißt. In Paderborn wurde um 1920 das Brettspiel „Start ins Klosterleben“ erfunden, das jungen Novizinnen mit verschiedenen Aktions- und Fragefeldern auf das Leben als Nonne vorbereiten sollte.

Unter die didaktischen Spiele fällt auch das älteste Exponat der Ausstellung. Die Sammelhandschrift „Loca monachorum“ ist 1200 Jahre alt. Bei dem Büchlein handelt es sich um ein „Quizbuch“ aus dem Kloster St. Gallen mit dem sich die Klosterschüler spielerisch biblische Geschichten einprägten.

Im zweiten Obergeschoß widmet sich die Ausstellung dem „Geistigen und geistlichen Spiel“. Hier ist neben dem eingangs erwähnten Jesusknaben auch der „Palmesel“ zu sehen. Die Figur erinnert in ihrer handlichen Größe und mit den Rollen an Kinderspielzeug. Gezeigt wird jedoch Jesus auf einem Esel, der im Rahmen der Palmsonntagsprozession durch die Kreusgänge von Klöstern gezogen wurde. Auch die Geschichte von religiösen Theaterstücken und Konzerten im Kloster wird hier beleuchtet.

Zum Lachen in den Keller begibt man sich wortwörtlich, will man den dritten Teil der Ausstellung „Klostermotive in Spiel und Spielzeug“ sehen. Neben Puzzeln, Karnevalskostümen und Marionetten in Mönchsornat findet sich in dem alten Tonnengewölbe Kurioses wie das amerikanische Spiel „Nun Bowling“ (Nonnen Kegeln), dass laut Anleitung dazu dient, negative Gefühle gegen die Nonnen der Sonntagsschule abzubauen, indem man die Miniaturen mit einer Murmel umkegelt. Welche Absurditäten die Rezeption klösterlicher Motive erreicht, wird spätestens bei einer Action-Spielfigur deutlich. Nonne „Areala“ kommt im Kampfgewand mit Waffen daher.

Als erweiterten Ausstellungsraum werden der imposante Klostergarten und die historische Klausur geschickt genutzt. Beides Orte, an denen das Spielen im Kloster im Mittelalter und im Barock für gewöhnlich stattfand. Im Garten können Besucher Boule-, Kegel- und Murmelbahn sowie einen Schachpavillon ausprobieren. „Wir möchten keine rein museale Ausstellung, sondern auch die Möglichkeit zum Mitmachen geben“, erklärt Projektleiterin Fabritius.

Heiter bis göttlich im Kloster Dalheim, Eröffnung sa, 14 Uhr, mit anschließender Nacht der Spiele, bis 3.11., di – so 10 – 18 Uhr,

Tel. 05292 / 93 19 225

www.heiter-bis-goettlich.lwl.org

Katalog 16,90 Euro

Quelle: wa.de

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